«Es klang so, als würden Steine zermahlen»

Überlebende der Zug-Tragödie in Spanien erzählen, wie es zu dem schrecklichen Unfall mit 12 Toten kam. Und sie nennen einen Grund, warum die Jugendlichen auf die Gleise traten.

In vielen Fällen konnten nur noch die Leichen geborgen werden: Rettungskräfte am Unglücksort in Castelldefels bei Barcelona.

In vielen Fällen konnten nur noch die Leichen geborgen werden: Rettungskräfte am Unglücksort in Castelldefels bei Barcelona. Bild: Reuters

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Es war die Nacht von San Joan, dem grössten Fest in Katalonien. Fabian Ortega wollte wie viele andere Spanier den längsten Tag des Jahres im kleinen katalanischen Badeort Castelldefels feiern. «Der Zug war voll mit Leuten, die wie ich zum Strand wollten», erklärte der Jugendliche aus Barcelona der Zeitung «El Mundo». Vor allem junge Menschen seien im Fahrzeug gewesen. Die Stimmung im Zug sei ausgelassen gewesen, schon fast «euphorisch», erzählt Marcelo Cardona der Nachrichtenagentur Europa Press. In Castelldelfels angekommen, hätten zwei Dritte der Reisenden die Gleise überschritten, um zum Strand zu gelangen. «Sie ergossen sich wie ein Wasser über die Geleise» meinte Cardona weiter.

Er sei zum ersten Mal am Ort gewesen und sei einfach den anderen Menschen gefolgt, erzählt Ortega. «Ich habe gesehen, dass die Passarelle über die Geleise geschlossen war. Und die Unterführung ist sehr eng und war voll von Menschen.» «Als ich auf den Geleisen war, hörte ich die Pfiffe eines Zuges und sah ein Licht», so der junge Mann gegenüber «El Mundo». Nach fünf Sekunden sei das Unglück passiert, erzählt Cardona, der mit seiner Frau unterwegs war. Ein aus Alicante kommender Hochgeschwindigkeitszug brauste auf die kleine Station zu.

«Man hörte Knallgeräusche»

Der Lokführer konnte noch ein Warnsignal abgeben, hatte aber keine Chance, zu bremsen. «Man hörte Knallgeräusche, die Menschen schrien, sie weinten und waren in einem Schockzustand», so Cardona. Als er sich gefasst habe, sah er verstümmelte und leidende Menschen und viel Blut auf den Schienen.

Bis auf eine 45 Jahre alte Frau seien alle Opfer unter 28, berichtete der öffentliche Rundfunk. Offenbar seien viele von ihnen lateinamerikanischer Herkunft, sagte Montilla. Nach Angaben eines AFP-Fotografen lagen auch Stunden nach dem Unglück noch eine Leiche und Leichenteile auf den Schienen. Zahlreiche Ärzte, Rot-Kreuz-Helfer, Polizisten und Feuerwehrleute waren im Einsatz.

Identifizierung der Toten «sehr schwer»

Ein Verletzter schwebt noch in Lebensgefahr, der Zustand von zwei weiteren Verletzten war kritisch, wie die Gesundheitsministerin Kataloniens, Marina Geli, mitteilte. Die Identifizierung der Toten sei vermutlich «sehr schwer und langwierig», weil die Leichen durch den Aufprall zerfetzt worden seien, sagte der katalanische Innenminister Joan Saura.

«Der Aufprall war brutal. Es klang so, als würden Steine zermahlen, aber es waren Menschen», sagte Andres, Betreiber eines Bahnhofskiosks, der Online-Ausgabe der Zeitung «El Mundo». Der Zug sei mit hoher Geschwindigkeit herangerast, berichtete der Augenzeuge Marcelo Carmona. «In drei Sekunden war alles voller Leichen. Jeder schrie, weinte. Die Leute standen unter Schock».

Unvernünftig gehandelt?

Die Behörden weisen inzwischen jegliche Schuld an der Tragödie von sich. Die Jugendlichen hätten unvernünftig gehandelt, weil sie die Gleise überquerten anstatt die vorhandene Unterführung zu nutzen, sagte der katalanische Regierungschef José Montilla. Die Staatsbahn Renfe erklärte, seitens des Unternehmens seien alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten worden. «Dies ist ein Tag der Traurigkeit und der Trauer, obwohl in dieser Nacht eigentlich gefeiert werden sollte», sagte Montilla, nach einem Besuch am Unglücksort.

Die Bahnstrecke wurde nach dem Unfall gesperrt. Die staatliche Bahngesellschaft Renfe kündigte eine Untersuchung des Unglücks an. Der Hochgeschwindigkeitszug sei langsamer gefahren als empfohlen und habe vorschriftsmässig Warnsignale abgegeben, als er den Bahnhof von Castelldefels passiert habe, hiess es in einer Erklärung. Die Insassen des Hochgeschwindigkeitszuges blieben demnach unverletzt.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso kondolierte dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodriguez Zapatero. Der Tod von zwölf überwiegend jungen Menschen sei eine Tragödie, erklärte er. Medienberichten zufolge handelte es sich um das schwerste Zugunglück in Spanien seit Juni 2003, als ein Passagierzug und ein Güterzug in der südostspanischen Stadt Chinchilla zusammenstiessen. Damals wurden 19 Menschen getötet und 38 verletzt.

Unterführung überfüllt?

Die Bahngesellschaft Renfe wies jede Schuld von sich: Seitens des Unternehmens seien alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten worden. Nach Aussagen von Überlebenden war die Unterführung wegen der Menschenmenge überfüllt. Andere erklärten, sie sei geschlossen gewesen. Renfe wies das zurück.

Der Zug habe ausserdem bei der Einfahrt in den Bahnhof mit einem Signalton gewarnt. Bürgermeister Joan Sau räumte ein, dass eine ebenfalls vorhandene Fussgängerbrücke wegen Bauarbeiten gesperrt war.

Unglücksort in Castelldefels Playa

(se)

Erstellt: 24.06.2010, 11:01 Uhr

Zug rast in Menschenmenge (Reuters Video)

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