«Es macht mich wütend, dass die Justiz mir nicht glaubt»

Seit Mittwoch ist klar, dass sein Fall neu aufgerollt wird. Nun nahm der behinderte Luca Mongelli (17) persönlich Stellung zur Walliser Justizaffäre. Und äussert sich über die jungen Leute, die ihn zum Invaliden gemacht haben sollen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer hat Luca Mongelli zum Invaliden gemacht? Diese Frage ist auch zehn Jahre nach dem Drama in Veysonnaz (VS) nicht geklärt. Die Familie des heute 17-jährigen Italieners will die Wahrheit wissen und fordert Gerechtigkeit. Seit Mittwoch ist klar, dass der Fall neu aufgerollt wird. Anlässlich der gestrigen Kundgebung in Sitten hat sich Luca Mongelli persönlich zur Walliser Justizaffäre geäussert. «Es macht mich wütend, dass die Justiz mir nicht glaubt», sagte er in einem Interview mit der Zeitung «Le Matin» (Artikel online nicht verfügbar). Dass er und sein Bruder nicht angehört worden seien, sei nicht akzeptabel. Ebenso nicht hinnehmbar sei die Annahme der Justizbehörden, dass er vom später eingeschläferten Familienhund Rocky angegriffen worden sei.

Luca Mongelli spricht Klartext: Am fatalen 7. Februar 2002 sei er von drei älteren Jugendlichen angerempelt, zu Boden geworfen und geschlagen worden. Der damals siebenjährige Knabe war schliesslich von der Mutter halb entkleidet, verletzt und unterkühlt im Schnee liegend aufgefunden worden. Seither ist er blind und gelähmt.

«Ich möchte ihnen sagen, dass sie sich wie Bastarde verhalten haben»

«Ich hasse sie», sagt er über die heute 19- bis 26-jährigen Männer aus Lausanne und Sion, die ihn zum Invaliden gemacht haben sollen. «Es passiert oft, dass Bilder des Angriffs in mir hochkommen. Dann habe ich wieder Angst. Ich möchte ihnen sagen, dass sie sich wie Bastarde verhalten haben.» Wenn es ein Problem gegeben habe, hätte der Konflikt zivilisiert ausgetragen werden können. Luca Mongelli äussert die Hoffnung, dass die Justiz die Schuldigen endlich zur Rechenschaft zieht. Zumindest sollten die Untersuchungsbehörden anerkennen, dass der Hund Rocky unschuldig sei.

Der 17-Jährige, der in der Nähe von Bari lebt, kritisiert auch die Arbeit der Polizei. «Wäre ein Schweizer Kind an meiner Stelle angegriffen worden, wäre die Untersuchung anders verlaufen», sagt Luca Mongelli. «In der ganzen Angelegenheit gibt es einen gewissen Rassismus, ein bisschen Indifferenz und viel Egoismus.» Der Vorfall von Veysonnaz habe das Leben seiner ganzen Familie durcheinandergebracht. «Was mich betrifft, habe ich beschlossen, dass ich trotz allem im Leben vorwärtskommen möchte.» Dass sich nun viele Leute für seine Sache einsetzen, freue ihn sehr.

Früherer Untersuchungsrichter verteidigt sich

Der stellvertretende Staatsanwalt des Kantons Wallis, Nicolas Dubuis, verteidigt in einem Interview mit «Le Temps» seine frühere Arbeit als Untersuchungsrichter im Fall Mongelli (Artikel online nicht verfügbar). Er habe zwar immer Zweifel gehabt, dass die Wunden an Lucas Körper allein von einem Hund stammen könnten. Die Justiz habe das Dossier dann aber schliessen müssen, weil die Version am wahrscheinlichsten gewesen sei und nicht habe bewiesen werden können, dass Luca von Menschen traktiert worden sei. Er habe damals auf einen Rekurs der Familie gehofft, sagte Staatsanwalt Dubuis. Dieser sei aber aus unklaren Gründen ausgeblieben.

Nach massivem öffentlichem Druck soll der Fall Mongelli neu aufgerollt werden. Die Walliser Staatsanwaltschaft hat vier neue Experten vorgeschlagen. Die Familie des Knaben hat nun zwei Wochen Zeit, um zu überlegen, ob sie die neuen Experten, darunter ein Tessiner Kinderpsychiater und zwei italienische Psychologen, akzeptiert. Laut Staatsanwalt Dubuis ist das Dossier implizit seit dem 15. November 2010 offen, als er entschieden habe, eine Zeichnung des jüngeren Bruders von Luca von Experten beurteilen zu lassen. Die Zeichnung zeigt, wie Luca von Jugendlichen angegriffen wird. (vin)

Erstellt: 27.01.2012, 11:21 Uhr

Artikel zum Thema

Der Fall Luca wird neu aufgerollt

Seit zehn Jahren ist Luca Mongelli invalid – höchstwahrscheinlich wurde er von vier Jugendlichen verprügelt. Seiner Aussage, er sei angegriffen worden, wollte das Gericht nicht glauben. Nun wird der Fall neu aufgerollt. Mehr...

«Ich will wissen, was mit Luca passiert ist»

Luca Mongelli wurde vor acht Jahren zum Invaliden. Seiner Aussage, er sei angegriffen worden, wollte das Gericht nicht glauben. Sein Vater Nicola Mongelli erzählt, wie er das Drama erlebt. Mehr...

Italien will die Wahrheit im Fall Mongelli wissen

Hintergrund Auch nach fast zehn Jahren ist nicht geklärt, wer Luca Mongelli zum Invaliden machte. Die italienische Regierung setzt nun Druck auf in der Affäre, die ein schlechtes Licht auf die Justiz des Kantons Wallis wirft. Mehr...

Bildstrecke

Der Fall Luca Mongelli

Der Fall Luca Mongelli Luca Mongelli ist Tetraplegiker. Sein Bruder Marco hat gesehen, wie es dazu kam. Nun soll der Fall neu aufgerollt werden.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...