Ex-Polizeichef verklagt Kollegen und Loveparade-Veranstalter

Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung, zwei Strafanzeigen, hohe Schadenersatzforderungen: Für die Stadt Duisburg und die Loveparade-Veranstalter sieht es immer schlechter aus.

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Nach dem Loveparade-Drama vom letzten Samstag stellt sich die Schuldfrage. Während die Staatsanwaltschaft Duisburg erst am Anfang ihrer Ermittlungen steht, sind in der öffentlichen Diskussion die Verantwortlichkeiten klar. Im Mittelpunkt der Kritik steht die Duisburger Stadtführung um Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Bochums früherer Polizeipräsident Thomas Wenner hat Sauerland angezeigt, wie deutsche Medien berichten. Sauerland hat inzwischen angedeutet, dass er einen Rücktritt nicht ausschliesst. Er versicherte, dass er sich angesichts der scharfen öffentlichen Kritik der Frage nach seiner persönlichen Verantwortung stellen wolle.

Die Strafanzeige von Wenner richtet sich aber auch gegen weitere Personen, insbesondere die leitenden Beamten der Stadt Duisburg sowie die Veranstalter um Rainer Schaller, Loveparade-Geschäftsführer und McFit-Gründer.

«Kein vernünftiges» Sicherheitskonzept

Wenner, einer der härtesten Kritiker der Loveparade 2010, hatte sich letztes Jahr mit Erfolg gegen die Durchführung des Techno-Anlasses in Bochum gewehrt. «Städte wie Bochum und Duisburg sind für Veranstaltungen wie die Loveparade nicht geeignet. Schon im vergangenen Jahr gab es kein vernünftiges Konzept», sagte Wenner in den «Ruhr Nachrichten». «Ich wollte die Sicherheit nicht opfern auf dem Altar der Spassgesellschaft. Genau das ist nun geschehen.» Neben Wenner hat eine weitere Person eine Strafanzeige gegen die Loveparade-Verantwortlichen eingereicht.

Die Frage, ob die Sicherheitsvorkehrungen in Duisburg ungenügend waren, muss die Staatsanwaltschaft beantworten. Die Behörde hat am Sonntag das Sicherheitskonzept der Loveparade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg beschlagnahmt. Es geht darum herauszufinden, ob Entscheidungen getroffen worden sind, die zu Todesopfern geführt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt wegen fahrlässiger Tötung, aber auch wegen fahrlässiger Körperverletzung. Fahrlässige Tötung wird in Deutschland mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft.

Weitere Sicherheitsmängel

Ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg belegt nach Informationen von «Spiegel online» die Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Loveparade mit insgesamt bis zu 1,4 Millionen Besuchern. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250'000 Menschen zugelassen gewesen. Gemäss Medienberichten wurden die Vorschriften für Fluchtwege wenige Tage vor dem Event noch gelockert.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg erwartet keine rasche Aufklärung des Loveparade-Dramas, bei dem 19 Menschen getötet und nach neusten Informationen mehr als 500 Personen verletzt wurden. «Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern», sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp der Nachrichtenagentur Reuters. Es müssten viele Zeugen befragt werden, die auch erst ausfindig gemacht werden müssten. «Wir werten auch Fotos und Videos aus.» Zudem würden zahlreiche Unterlagen überprüft.

Hohe Schadenersatzforderungen

Gemäss einem Bericht der «Financial Times Deutschland» werden auf die Veranstalter der Loveparade hohe Schadenersatzforderungen zukommen. Die Hinterbliebenen der Toten haben Anspruch auf Schmerzensgeld, Unterhaltspflichtige auf eine angemessene Versorgung. Auch verletzte Teilnehmer können Schmerzensgeld geltend machen. Dabei werden auch psychische Beeinträchtigungen als Folge des traumatisierenden Ereignisses am letzten Samstag berücksichtigt.

«Der Veranstalter haftet, wenn er seine Verkehrssicherungspflichten verletzt hat», erklärt Georg Bräuchle vom Versicherungsmakler Marsh, der im Eventgeschäft tätig ist. Der Veranstalter müsse unter anderem darauf vorbereitet sein, dass mehr Gäste als erwartet kommen, sagt Bräuchle. Schliesslich müsse der Veranstalter Massnahmen ergreifen, um zum Beispiel eine Massenpanik zu verhindern. Bei Grossereignissen wie der Loveparade ist es üblich, dass sich die Veranstalter mit einer Haftpflichtversicherung gegen Schadenersatzansprüche von Teilnehmern absichern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2010, 15:04 Uhr

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«Städte wie Bochum und Duisburg sind für Veranstaltungen wie die Loveparade nicht geeignet»: Thomas Wenner, Ex-Polizeichef von Bochum.

Loveparade

Zahlreiche Vermisstenfälle noch ungeklärt
Zwei Tage nach der Massenpanik mit 19 Toten bei der Loveparade in Duisburg sind offiziell noch immer zahlreiche Menschen als vermisst gemeldet. Am Montagmittag war nach Polizeiangaben noch der Verbleib von 1138 Menschen ungeklärt, die nach der Katastrophe meist von Angehörigen vermisst gemeldet worden waren. Das bedeutet allerdings nicht, dass so viele tatsächlich noch vermisst werden. Laut Polizei versäumen es viele Angehörige zu melden, dass die Vermissten wieder zu Hause sind. Nach der Panik bei der Loveparade waren bei der Duisburger Polizei eigenen Angaben zufolge anfangs sogar 2367 Vermisstenmeldungen eingegangen.

An der Loveparade wurden gemäss Angaben vom Montagnachmittag mehr als 500 Menschen zum Teil schwer verletzt. Dies waren deutlich mehr als zunächst angenommen. 43 Menschen befänden sich noch im Spital, ein Opfer schwebe in Lebensgefahr, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp. Am Sonntag hatten die Behörden die Zahl der Verletzten mit 342 angegeben. (dapd/sda)

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