Exit der Sonnentempler

Der damals in der Westschweiz lebende Sektenführer Jo Di Mambro verleitete seine Anhänger zu Massenmorden und -suiziden. Auch heute, 20 Jahre später, sind viele Fragen offen.

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Die Schreckensnachricht aus der Westschweiz ging vor 20 Jahren um die Welt. Sektenführer Jo Di Mambro hatte in ­einem apokalyptischen Wahn 73 seiner Anhänger geopfert. In irrwitzigen Ritualen liess er viele von ihnen ermorden, andere folgten ihm selbstständig in den Tod. Sie glaubten, ihre spirituelle Mission auf einem fernen Stern fort­führen zu müssen.

Noch heute birgt der wohl grösste Massenmord und -suizid der Schweiz viele Rätsel. Damals erschien er der Polizei und den Medien völlig unerklärlich. Kaum jemand kannte Jo Di Mambro und seinen Sonnentempler-Orden (OTS), der mehrere Hundert Mitglieder zählte. Der Guru hatte eine geheime Parallelwelt aufgebaut und das Sektendrama langfristig bis ins Detail geplant. Es sollte das perfekte Verbrechen werden, das keine Spuren hinterlassen sollte.

Di Mambro wählte seine Mordopfer sorgfältig aus, auch Kultmitglied Thierry Huguenin gehörte dazu. Der ahnte nichts davon, als er am 4. Oktober 1994 zum Sektenführer im Walliser Dörfchen Salvan fuhr. Jo Di Mambro hatte versprochen, ihn für seine jahrelange Arbeit als Hauswart in Sektenzentren zu entschädigen. Schon bei der Ankunft fiel Huguenin das merkwürdige Verhalten des Gurus auf. Als er Gasgeruch im Haus wahrnahm, hatte er eine unheimliche Ahnung: Er flüchtete voller Panik, obwohl er das Geld dringend brauchte. Seine ­Intuition rettete Huguenin in letzter ­Minute das Leben, wie sich wenig später herausstellte.

1. Akt: Kindsmord in Kanada

Das Sektendrama beginnt in Kanada. Auslöser ist der Name eines Kindes: Das Ehepaar Nicky und Antonio Dutoit-Robinson, das die beiden Häuser des Kultchefs in Morin Heights betreut, hat seinen Sohn im Juli 1994 Emmanuel getauft. Denselben Namen – in der weiblichen Form – trägt auch Di Mambros Tochter, die als «kosmisches Kind» verehrt wird. Der ist ob der anmassenden Namenswahl seiner Anhänger so erzürnt, dass er dem 35-jährigen Schweizer Jol Egger einen unheimlichen Auftrag in Kanada erteilt.

Am 30. September 1994 reist Egger zusammen mit einer Komplizin aus den Ordensreihen nach Morin Heights. Sie lenkt Nicky Dutoit-Robinson ab, während er ihren Mann Antonio mit einem Küchenmesser ritualmässig mit 50 Stichen tötet. Mit acht Stichen, welche die acht Gesetze der Sonnentempler symbolisieren, bringt seine Komplizin danach die Frau um und schlitzt ihre Brüste auf, weil damit angeblich der Antichrist ­gesäugt worden ist. Anschliessend ermordet sie den dreimonatigen Emmanuel mit sechs Stichen ins Herz.

Die beiden Mörder fliegen in die Schweiz zurück, derweil verwischen zwei andere in Kanada lebende Schweizer Kultmitglieder die Spuren, nehmen Drogen, setzen das Haus in Brand und kommen darin um.

2. Akt: Massenmord in Cheiry

In der Nacht auf den 5. Oktober gibt es Feueralarm im kleinen Freiburger Dorf Cheiry. Der abgelegene Hof Les Rochettes steht in Flammen. Nachdem die Feuerwehrleute den Brand gelöscht haben, entdecken sie eine Geheimtür, die zu einem unterirdischen Kultraum führt, dem Sanktuarium. Hier entdecken sie 23 leblose Körper in Kultgewändern, 18 von ihnen kreisförmig ausgerichtet.

Kampfspuren sind nicht auszumachen. Starke Beruhigungsmittel haben die Sonnentempler in Tiefschlaf versetzt, bevor sie umgebracht wurden. Pistolenkugeln stecken in den Köpfen, über welche die Täter Plastiksäcke gestülpt haben. Die Obduktion ergibt, dass 20  Kultanhänger durch die Schussverletzungen gestorben sind.

Die Polizei gelangt zum Schluss, dass die Tat durch Juc Jouret, die Nummer zwei des Ordens, Jol Egger und mindestens zwei unbekannte Helfer begangen wurde, unter ihnen möglicherweise Sektenführer Jo Di Mambro. Unter den Opfern sind der Schatzmeister und ­führende Mitglieder des kanadischen Sonnentempler-Arms: Robert Ostiguy, der Bürgermeister von Richelieu, und Robert Falardeau, der eine hohe Funktion im kanadischen Finanzministerium bekleidete.

24 Stunden nach dem Massaker ist der Tatort in Flammen aufgegangen. Drei Brandsätze wurden ferngezündet. Di Mambro wollte offenbar alle Spuren zerstören, doch ein Zündmechanismus funktionierte nicht, der Kultraum blieb unversehrt.

Akt 3: Der Guru begeht Suizid

Kaum ist der Brand in Cheiry gelöscht, stehen im etwa 150 Kilometer entfernten Salvan drei Chalets in Brand. In zwei Häusern entdeckt die Feuerwehr insgesamt 25 Leichen, unter ihnen Sektenführer Jo Di Mambro und sein Vize Luc Jouret. Die Polizei findet eine Pistole mit Schalldämpfer, aus der auch die tödlichen Schüsse auf die Kultanhänger in Cheiry abgegeben wurden. Die Obduktion ergibt, dass 15 der 25 Ordensmitglieder Selbstmord begangen haben. Die übrigen wurden ermordet, auch Di Mambros Sohn. Der Guru selbst filmte das «letzte Abendmahl» und seine sterbenden Anhänger.

Akt 4: Zurückgebliebene folgen

Als der ehemalige französische Skirennfahrer und Olympiasieger Jean Vuarnet am 15. Dezember 1995 nach Hause kommt, brennt überall Licht. Auf dem Tisch stehen halbleere Teller. Von Ehefrau Edith und Sohn Patrick fehlt jede Spur. Am 23. Dezember werden im Wald oberhalb von Saint-Pierre-de-Chérennes bei Grenoble 16 Leichen entdeckt. Alle weisen Schusswunden auf. Die Ermittlungen ergeben, dass zwei französische Polizisten am 15. Dezember ihre 14 Ordensbrüder und -schwestern mit einem Gewehr erschossen und sich anschliessend mit ihren Dienstpistolen selbst gerichtet haben. Die Leichen waren, wie im Sanktuarium von Cheiry, kreisförmig angeordnet. Unter ihnen befanden sich Edith und Patrick Vuarnet. Die zurückgebliebenen Sonnentempler hatten den von ihrem Guru verheissenen Transit zu einem anderen Stern eigenständig vollzogen.

Akt 5: Die letzten Nachzügler

Gut zwei Jahre später, am 22. März 1997, brennt in St. Casimir in Kanada ein Landhaus. Die Feuerwehr entdeckt fünf Leichen. Aus einem Nebengebäude torkeln drei verstörte Jugendliche: Ihre Eltern hätten sich zusammen mit drei weiteren Sonnentemplern auf die Reise zum Planeten Sirius gemacht, erklären die Jugendlichen. Dies sei bereits der zweite Transit-Versuch. Beim ersten hätten sie auch sterben sollen, doch eine Panne habe den kollektiven Suizid verhindert. Die Kinder bettelten danach um ihr ­Leben, offensichtlich erfolgreich. Die Eltern verabreichten ihnen beim zweiten Versuch starke Beruhigungsmittel und liessen sie betäubt in einem Nebengebäude zurück.

Nachspiel

Auch 20 Jahre nach dem Sektendrama ist nicht alles restlos geklärt, vieles bleibt im Dunkeln. Wer gehörte zum Kreise der Mörder, wer wurde umgebracht? Wer liess sich bewusst erschiessen, um die Reise zum Planeten Sirius antreten zu können? Und wer wollte gar nicht aus diesem Leben scheiden? Wenig untersucht ist auch die Frage, wer der Sonnentempler-Guru Jo Di Mambro war und was ihn zum Sektendrama motivierte.

Der 1924 geborene Joseph Léonce Di Mambro entstammte einer katholischen Familie im südfranzösischen Pont-Saint-Esprit. Schon als er sich zum Uhrmacher und Goldschmied ausbilden liess, interessierte er sich für esoterische Fragen und Praktiken. Anfänglich engagierte er sich in der Rosenkreuzer-Loge (Amorc), bewegte sich aber auch in andern spiritistischen und okkulten Kreisen. Vermutlich 1971 gründete Jo Di Mambro einen eigenen Orden, die Sonnentempler, und begann Anhänger um sich zu scharen. Er wählte die Westschweiz als Drehscheibe. Andere spirituelle Zirkel dienten ihm als Rekrutierungspools für seinen Orden, der im Geheimen wirkte und nur Eingeweihten offenstand.

Ehemalige Sonnentempler attestieren ihm eine gespaltene Persönlichkeit. Innerhalb des Ordens wirkte er exzentrisch, nach aussen eher unsicher. Seine Welt waren die pompös ausgestatteten Kulträume in den Sektenzentren, wo er sich als Grossmeister inszenierte, der von kosmischen Kräften angeblich eine Art Evangelium für die neue Menschheit empfing. In der Öffentlichkeit waren er und sein Orden unbekannt, es gab nicht einmal ein brauchbares Porträtbild von ihm. Als glaubwürdiges Aushängeschild baute Di Mambro den Genfer Stardirigenten und Komponisten Michel Tabachnik auf, der oft die Rituale im Orden leitete. Seine Frau kam beim Massaker in Salvan um, er überlebte als Einziger des inneren Zirkels.

Am 11. Juni 1996 verhaftete die französische Polizei Tabachnik vorübergehend. 2001 wurde er in Grenoble wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt, der Staatsanwalt forderte fünf Jahre Gefängnis. Doch der Dirigent wurde in erster und zweiter Instanz freigesprochen – ein Schlag für die Angehörigen der Opfer. Inzwischen ist Tabachnik 71 Jahre alt und Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Brüsseler Philharmoniker.

Die schriftlichen Zeugnisse zeigen, dass Jo Di Mambro sich wohl aus einer narzisstischen Kränkung heraus als Führer der Sonnentempler ein irrwitziges Denkmal setzen wollte. Er nutzte den Tod seiner Anhänger als theatralische Inszenierung, die ihm einen Platz in der Geschichte sichern sollte. Der Massen­exit zu seinen Ehren sollte der Höhepunkt seines spirituellen Experimentes werden. Darum ärgerte es ihn sehr, dass ihm die Davidianer in Waco, Texas, zuvorkamen. Dort verbarrikadierten sich Dutzende Anhänger von David Koresh im April 1993. Sie wurden von der Polizei 51 Tage lang belagert, bevor der Guru schliesslich Feuer legte. Jo Di Mambro brüstete sich: «Was wir tun, wird spektakulärer ausfallen.» Er sollte recht bekommen.

Die meisten seiner Anhänger stammten aus der Westschweiz und aus Frankreich, Ableger des Sonnentempler-Ordens gab es aber auch in Martinique, Kanada und den USA. Die Expansion geriet Anfang der 90er-Jahre jedoch ins Stocken. Ein herber Rückschlag für Di Mambro, der zunehmend paranoide Züge entwickelte — zumal er sogar als Sektenführer vereinzelt infrage gestellt wurde. Mitglieder, die ihm grosse Darlehen gewährt hatten, verlangten das Geld zurück. Im Orden kursierte das Gerücht, der Guru führe seine Anhänger bisweilen hinters Licht. In den abgedunkelten Kulträumen liess er kosmische Geist­wesen auftreten, aus deren Schwertern Blitze zuckten. Ein Mitglied hatte aber die technischen Installationen entdeckt, mit welchen die Lichteffekte erzeugt wurden.

Nun sprach Di Mambro immer öfter vom «Transit». Er erklärte seinen Anhängern, sie seien wiedergeborene Tempel­ritter und würden durch apokalyptische Feuer gereinigt. Ihr spiritueller Weg führe sie in feinstofflicher Form durch den Kosmos zum Planeten Sirius, wo sie zu christusähnlichen Sonnen­wesen mutieren würden. «Wir sind die Sternensaat, die die Ewigkeit des Universums garantiert», verkündete er. «Wir sind die Hand Gottes, die die Schöpfung modelliert.» Dabei benutzte er seine Anhänger hinterlistig als Statisten für seine Wahnsinnsinszenierung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2014, 23:28 Uhr

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