Fast-Food-Migrosmenü für Schüler macht Bauchweh

Eine Werbekampagne der Migros zum Schulanfang kommt bei Lehrern und Ernährungsberatern schlecht an. Die Migros kontert die Kritik.

«So frisch, so gut»: Das Fast-Food-Angebot der Migros richtet sich an 14- bis 20-jährige Jugendliche.

«So frisch, so gut»: Das Fast-Food-Angebot der Migros richtet sich an 14- bis 20-jährige Jugendliche. Bild: Marc Brupbacher

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«Schulanfang-Combo» nennt sich das Angebot, mit dem sich Migros-Take-Away an Schülerinnen und Schüler wendet. Für neun Franken gibt es eine Portion Chicken Nuggets, eine Portion Pommes frites sowie einen halben Liter Coca-Cola. «So frisch, so gut», heisst es im Inserat zum Fast-Food-Menü, das in der heutigen Ausgabe der Pendlerzeitung «20 Minuten» beworben wird. «20 Minuten» ist ein ideales Blatt, um bei Jugendlichen auf Kundenfang zu gehen.

«Das Angebot der Migros ist eine Katastrophe»

Diese Migros-Werbekampagne zum Schulanfang stösst inzwischen auf harsche Kritik, zum Beispiel bei Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). «Das Angebot der Migros ist eine Katastrophe. Es entspricht den heutigen Anforderungen an eine gesunde Ernährung überhaupt nicht. Das könnten die Werber sogar im hauseigenen ‹MigrosMagazin› nachlesen», sagte Brühlmann auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Viele Lehrpersonen, Hort- und Krippenleiterinnen oder auch Schulmensas der Sekundarstufe II setzten sich ein für gesunde Ernährung unserer Kinder und Jugendlichen. «Eine intelligente und witzige Unterstützung der Migros wäre sehr willkommen», meint Brühlmann weiter.

«Solche preislich günstigen Menu können zu ‹ungünstigen› Essgewohnheiten und folglich zu Übergewicht führen», kritisiert Steffi Schlüchter, diplomierte Ernährungsberaterin und Leiterin von Nutrinfo. Derartige Werbeaktionen seien kurzsichtig und würden nicht zur Förderung der allgemeinen Volksgesundheit beitragen. «Der Energiegehalt einer solchen Mahlzeit ist auf Grund des sehr hohen Fettgehalts deutlich zu hoch. Alle Komponenten sind frittiert. Gemüse, Salat oder Obst fehlen gänzlich», sagt die Ernährungsberaterin auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Wird zusätzlich ein gezuckertes Getränk konsumiert, sieht die Bilanz noch schlechter aus.» Laut Schlüchter sind solche Menüs nicht als tägliches Mittagessen geeignet, weder für Erwachsene und schon gar nicht für Schulkinder.

Migros: «Auch Werbung für explizit gesunde Mahlzeiten»

Wie die Medienstelle der Genossenschaft Migros Zürich auf Anfrage mitteilte, handelt es sich beim «Schulanfang-Combo» um ein einmaliges Schulanfangs-Angebot. Aus täglicher Erfahrung wisse man, dass die Altersgruppe von 14 bis 20 Jahren die angepriesenen Produkte besonders gerne möge. Im Take-away-Angebot, betont die Migros, gebe es allerdings nicht nur die Combo-Box mit Nuggets und Pommes frites – ob mit Coca-Cola oder Coca-Cola Zero –, sondern auch Birchermüesli, Salate, Fruchtportionen und -säfte sowie «délifit»-Produkte.

Im Weiteren weist die Migros darauf hin, dass sie auch regelmässig Werbung für explizit gesunde Mahlzeiten mache, «wie zum Beispiel die Werbekampagne für unser ‹délifit›-Frühstück an Samstagen in unseren Migros-Restaurants.» Und weiter: «Es kann durchaus sein, dass wir nächstes Jahr ein völlig anderes Angebot offerieren, um den Jugendlichen anlässlich des Schulstarts eine kleine Freude zu bereiten.»

Grassierende Fettleibigkeit bei Jugendlichen

Dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen zunehmend grassieren, ist unter anderem auf den Konsum von Fast Food zurückzuführen. Diesen Zusammenhang haben viele internationale Studien nachgewiesen. Dazu kommt, dass Vielkonsumenten von Fast Food einen Lebensstil pflegen, der der Gesundheit tendenziell abträglich ist. Das heisst, dass sie zum Beispiel auch überdurchschnittlich oft Süssgetränke konsumieren. Oder auch, dass sie sich körperlich wenig bewegen.

Zur Frage, wie sich der regelmässige Konsum von Schnellgerichten auf die Gesundheit auswirkt, gibt es auch einen umfassenden Bericht mit Schweizer Perspektive. Allerdings gilt es auch festzuhalten, dass Fast Food nicht generell ungesund ist (siehe Infobox).

Beispiele für ausgewogene Schnellgerichte

Ein Report der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) stellt fest, dass beim Fast-Food-Konsum unter Jugendlichen keine Trendwende absehbar sei. Umso dringender gefragt seien Fast-Food-Angebote, «die ausgewogen zusammengesetzt sind, den Jugendlichen schmecken und dazu auch preislich attraktiv sind».

Die SGE macht gleich ein paar Vorschläge für ausgewogene Schnellgerichte. So empfiehlt sie zum Beispiel ein Menü mit einem Stück Pizza Margherita, gemischtem Salat mit einer Scheibe Vollkornbrot, Fruchtsalat und einem halben Liter Mineralwasser. Oder auch ein Menü mit einem Hamburger, Selleriesalat mit Joghurtdressing, Vollkornkeks und einem halben Liter Apfelschorle. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2012, 07:12 Uhr

«Das entspricht den heutigen Anforderungen an eine gesunde Ernährung überhaupt nicht»: Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH).

Fast Food und Schnellgerichte

Nicht generell ungesund

Zu den Schnellgerichten respektive Fast Food gehören nicht nur Hamburger mit Pommes frites, Hot Dog oder Döner Kebab, sondern auch andere Mahlzeiten, die an Take-away-Ständen erhältlich sind, etwa Salate und Birchermüesli.
So wenig es «gute» oder «schlechte» Lebensmittel gibt, so wenig lässt sich das gängige Vorurteil aufrechterhalten, dass Schnellgerichte generell ungesund seien. In der gesunden Ernährung ist weniger die Zusammensetzung einer einzelnen Mahlzeit von Bedeutung, sondern vielmehr die Ausgewogenheit über eine längere Zeit, zum Beispiel über eine Woche.
Ob Schnellgerichte in die ausgewogene Ernährung einer Einzelperson passen, kann beurteilt werden, indem man sich folgende Fragen stellt:
Wie häufig werden Schnellgerichte konsumiert? Welche Schnellgerichte werden bevorzugt gewählt? Wie ausgewogen ist die Gesamternährung? Wie sieht es mit dem Lebensstil allgemein und insbesondere mit der körperlichen Aktivität aus?
Quelle: Schweiz. Gesellschaft für Ernährung

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