Findiger Unternehmer hilft beim Kirchenaustritt

Was Kirchen ärgert: Eine Firma erleichtert Abtrünnigen den Kirchenaustritt. Man braucht bloss ein Onlineformular auszufüllen.

So einfach geht es gemäss der Webseite: Drei Schritte bis zum Kirchenaustritt.

So einfach geht es gemäss der Webseite: Drei Schritte bis zum Kirchenaustritt. Bild: www.kirchen-austritt.ch

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Ob katholisch oder reformiert: Der Luzerner Stefan Amrein hilft Kirchenmüden, aus der Kirche auszutreten. So funktioniert sein Angebot: Man wähle die Internetseite www.kirchen-austritt.ch. Dort fülle man ein simples Onlineformular aus und zahle 99 Franken ein. Den Rest übernimmt die Firma. Sie klärt, ab, wo und wie der Austritt zu erfolgen hat, und verfasst für die Kunden eine «individuelle Austrittserklärung».

Diese schickt Amrein dem Austrittswilligen samt adressiertem und frankiertem Briefumschlag zurück. Der Kunde muss bloss noch seine Unterschrift unter das Schreiben setzen und den Brief der Post übergeben.

Wie viel man spart

Je nach Wohngemeinde könne man jährlich mehrere hundert Franken Kirchensteuern sparen, wirbt Amrein auf seiner Homepage. Diese Zeitung hat ein konkretes Beispiel berechnet: Ein reformierter, allein stehender Stadtberner mit einem steuerbaren Einkommen von 80'000 Franken und einem Vermögen von 50'000 Franken zahlt jährlich rund 650 Franken Kirchensteuern.

Was bezweckt Amrein mit seinem Angebot? Der Grund sei einfach, sagt der Luzerner. «Es gibt eine Nachfrage.» Bereits über 300 Kunden habe er beim Austritt geholfen. «Unser Angebot ist eine ganz gewöhnliche Dienstleistung, vergleichbar mit Dienstleistungen eines Treuhänders.» Amrein betont, dass sein Dienstleistungsbetrieb unabhängig und neutral sei, einfach ein Geschäft. Allerdings muss er einräumen, dass es in der Regel keine grosse Sache sei, auch ohne seine Hilfe aus der Kirche auszutreten. Es stecke aber doch hinter jedem Austritt ein gewisser bürokratischer Aufwand, behauptet Amrein. «Wer unsere Dienstleistung in Anspruch nimmt, spart Zeit.»

«Das ist eine Abzockerei»

Keine Freude haben die Kirchen: «Das Angebot ist Abzockerei», sagt Thomas Gehrig, Kommunikationsverantwortlicher der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Denn was Amrein mache, sei ein Geschäft, das gar kein Geschäft sei. Wer wirklich aus der reformierten Kirche austreten wolle, könne dies praktisch ohne Aufwand tun. Ein Schreiben an die Kirchgemeinde des jeweiligen Wohnortes genüge. Natürlich nehme die Kirchgemeinde mit den Austrittswilligen Kontakt auf und frage sie nach dem Grund des Austritts. «Am Austritt hindern tun wir aber niemanden. Wir sagen den Leuten einfach, dass sie jederzeit wieder willkommen sind bei uns», sagt Gehrig.

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat rund 650'000 Mitglieder. Im letzten Jahrzehnt musste sie jährlich rund 3000 Austritte verzeichnen.

Gross könnte die Nachfrage nach Amreins Angebot zurzeit bei der katholischen Kirche sein. Dies nach den Skandalen rund um die Missbrauchsfälle. Dennoch mag man sich über Amreins Angebot bei der Schweizerischen Bischofskonferenz nicht allzu sehr aufregen: «Wer austreten will, tritt früher oder später so oder so aus», sagt der Bischofskonferenz-Sprecher Walter Müller. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.04.2010, 09:52 Uhr

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