Fluchtbereit mit gepackten Taschen

Vanessa Welsby, Hans Weber und Peter Koritschan: Drei Prager Bewohner erzählen Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wie sie mit dem Hochwasser in ihrer Stadt umgehen.

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Das Moldau-Hochwasser hat in Prag heute Dienstagmorgen den Höchststand erreicht. Gegen 6 Uhr rauschten laut Behörden 3210 Kubikmeter Wasser pro Sekunde den Fluss hinab – normal sind 150. Die Lage wird weiter als sehr ernst eingestuft. Inzwischen stieg die Zahl der wetterbedingten Todesfälle in Tschechien seit Sonntag auf sieben an.

Gut 5000 Bewohner Prags wurden bisher evakuiert. Betroffen davon ist auch Vanessa Welsby: Das Büro der Designerin, das sich am Ufer der Moldau befindet, wurde bereits evakuiert. «Noch ist dort kein Wasser eingedrungen. Bisher hatte ich Glück», erzählt die gebürtige Britin. Wie sie weiter berichtet, werden im Stadtteil Prag 7 momentan einige ihrer Freunde aus Bürogebäuden evakuiert. «In Flussnähe ist nicht an ein normales Alltagsleben zu denken.»

Gepäck bereithalten für Evakuation

Flussaufwärts, auf dem Land, kennt Welsby einige Leute mit überfluteten Kellern. «Dabei sah es bei einem Augenschein vor Ort zuerst nicht danach aus, denn die Umgebung schien eigentlich trocken.» Und im Stadtteil Smichov seien die Bewohner zwar wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, müssten allerdings fertig gepackte Taschen bereithalten für eine mögliche erneute Evakuation. «Die Armee bewacht die Gegend und ist jederzeit bereit zu helfen», weiss Welsby.

Der Wahlpragerin zufolge sind einige Gebiete Prags wegen beschädigter Leitungen von der Wasserversorgung abgeschnitten. In den meisten Teilen der Stadt rät man davon ab, vom Wasserhahn zu trinken. «Doch Trinkwasser ist gut erhältlich», sagt Welsby erleichtert. Sie glaubt, dass sich die Leute langsam entspannen. Es herrsche das Gefühl, dass das Schlimmste vorbei ist. Nun haben ihr Expat-Verein und andere in Prag begonnen, Spenden für die Flutopfer zu sammeln.

«Alles halb so wild»

Trotz der brenzligen Situation findet es Hans Weber (Bild links), ein weiterer Expat, «masslos übertrieben, wenn es heisst, Prag stehe unter Wasser». Dennoch begab sich der Deutsche, der seit fünfeinhalb Jahren an etwas erhöhter Lage in Prag wohnt, mit Tausenden Schaulustigen an die Moldau. Er hielt die spezielle Situation auf zahlreichen Fotos fest (Auswahl siehe Bildstrecke). «Wasser fasziniert mich, besonders bei Hochwasser», sagt Weber, der als Berater im Exportbereich tätig ist.

Dass Prag am Versinken sei, behaupteten vor allem Leute, welche die Stadt aktuell gar nicht gesehen hätten. Dabei betreffe es lediglich einige Gebiete in Flussnähe. «Alles halb so wild, das Ausmass ist viel geringer als beim Hochwasser von 2002. Damals flossen bis zu 5500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Moldau hinunter, heute waren es gut 3200.» Die gut 5000 Evakuierten seien nur ein kleiner Bruchteil der 1,3 Millionen Einwohner. Insgesamt sähen die meisten die Situation entspannt, meint Weber.

Er glaubt, dass Prag viel aus den Fluten von 2002 gelernt hat. Das merke man bei der heutigen Flutbewältigung, die gut organisiert sei. Zum Beispiel gebe es heute mobile Spundwände, die aus ihren Lagern geholt werden, wenn Hochwasser drohe. Die Halterungen der Wände werden in Verankerungen angebracht, die vorsorglich in die Böden eingelassen wurden und in gefahrenlosen Zeiten mit Metalldeckeln abgedeckt sind.

Hochwasser anfangs nicht mitbekommen

Relativ spät vom Hochwasser erfahren hat Peter Koritschan, der in der Schweiz aufgewachsen ist und heute in Prag lebt. Weil er an erhöhter Lage gleich hinter der Prager Burg wohnt, ist seine Wohnung nicht von den Überschwemmungen betroffen. «Ich war am Wochenende dermassen in meine Arbeit vertieft, dass ich keine Medien konsultierte. Erst, als meine Freundin nach Hause kam, wusste ich endlich Bescheid», so der 34-Jährige gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seinem Stadtviertel Dejvice laufe so weit alles normal.

Doch als Koritschan am Montag ins Stadtzentrum musste, gestaltete sich der Weg dorthin schwieriger als üblich. «Weil die U-Bahn geschlossen ist und die Trams anders fahren wegen der Brückensperrungen, waren im öffentlichen Verkehr viel mehr Leute unterwegs. Es fahren auch fast keine Autos in der Stadt.» Einen erschwerten Arbeitsweg hat Koritschan jedoch nicht. «Wie am Wochenende arbeite ich momentan von zu Hause aus.» Auch ihm zufolge entspannt sich die Lage sichtlich. So hoch wie 2002 werde das Wasser diesmal nicht steigen. «Prag ist sicher, und inzwischen scheint sogar die Sonne. Meine Freunde und ich sind guter Dinge.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2013, 15:26 Uhr

Sieht die Situation «halb so wild»: Der Wahlprager Hans Weber an der Hochwasser führenden Moldau. (3. Juni 2013) (Bild: Hans Weber)

Prag hat vom Hochwasser 2002 gelernt: Eine Spundwand, deren Halterungen in Verankerungen im Boden angebracht wurden. (3. Juni 2013) (Bild: Hans Weber)

(Noch) nicht unter Wasser, aber vorsorglich geschlossen: Metrostation in Prag. (3. Juni 2013) (Bild: Hans Weber)

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