Bergdrama

Vater verliert zwei Kinder am Lagginhorn

Unter den fünf deutschen Alpinisten, die gestern im Wallis starben, waren auch zwei Kinder des überlebenden Sechsten. Laut Polizei waren die Bergsteiger nicht angeseilt, andere Quellen sprechen von einer Seilschaft.

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Die fünf Bergsteiger, die gestern am Lagginhorn im Walliser Saastal ums Leben gekommen sind, sind alle deutsche Staatsangehörige. Dies teilte die Walliser Kantonspolizei heute mit. Unter den Opfern befinden sich auch die beiden Kinder des überlebenden Mannes, die 14-jährige Tochter und sein 20-jähriger Sohn. Ums Leben gekommen sind ausserdem ein 44-jähriger Mann mit seinem 17-jährigen Sohn sowie ein 21-jähriger Kollege der Kinder.

Die Opfer stammen nach Angaben der deutschen Nachrichtenagentur dpa aus Berlin sowie aus den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die genaue Unfallursache wird zurzeit noch abgeklärt. Die fünf Bergsteiger waren gestern um 13 Uhr wenig unterhalb des Gipfels des 4010 Meter hohen Lagginhorns in den Walliser Alpen abgestürzt.

«Es geht ihm nicht gut»

Der überlebende Sechste war wegen eines Schwächeanfalls rund 100 Meter unterhalb des Gipfels zurückgeblieben. Kurz nachdem seine Kinder und die anderen drei den Gipfel verliessen, stürzten sie in die Tiefe. Der Vater alarmierte sofort die Walliser Rettungsorganisation. Diese konnte jedoch nur noch den Tod der fünf Alpinisten feststellen. «Er hat zwei Kinder verloren, es geht ihm auch den Umständen entsprechend nicht gut», sagte der Walliser Polizeisprecher Renato Kalbermatten gegenüber «Spiegel Online».

Gemäss ersten Erkenntnissen seien die Bergsteiger zum Unfallzeitpunkt nicht angeseilt gewesen, schreibt die Polizei. Laut dem Bericht auf «Spiegel Online» gibt es dazu allerdings widersprüchliche Aussagen: Der Deutsche Alpenverein in München berichtete demnach, dass die fünf Bergsteiger eine Seilschaft gebildet hätten. Er beruft sich dabei auf den Rettungsleiter von Air Zermatt.

Zwei Hypothesen zur Unfallursache

Die Walliser Polizei geht derzeit von zwei Hypothesen aus, wie Sprecher Renato Kalbermatten zur Nachrichtenagentur sda sagte. Entweder sei der Schnee so glatt gewesen, dass einer der Alpinisten ausgerutscht sei und die anderen mitgerissen habe. In den Tagen vor dem Unglück soll es bis auf einer Höhe von 4000 Metern geregnet haben. Möglicherweise sei der Schnee dadurch matschig geworden oder es habe sich Eis gebildet. Es könnte aber auch sein, dass der Untergrund nachgegeben habe, so Kalbermatten weiter. Der überlebende Mann habe jedoch keinen Lawinenabgang beobachtet.

Laut Arthur Anthamatten, Hüttenwart der Weissmieshütte und eidgenössisch diplomierter Bergführer, gilt das Lagginhorn unter Alpinisten als einer der «einfacheren» Berge über 4000 Meter Höhe. Die Wetterbedingungen seien am Dienstag gut gewesen, sagte Anthamatten. Er hat das Lagginhorn über 50-mal bestiegen – jedoch immer angeseilt. Ob die Verunglückten erfahrene Alpinisten waren, ist laut «Spiegel Online» unklar, die Gruppe sei aber angemessen ausgerüstet werden. Sie war allerdings ohne Bergführer unterwegs.

Keine Angaben zu den Schneeverhältnissen

Der Bergführer war am Dienstag selber zwar nicht in der Hütte, er hätte aber keine Bedenken gehabt, an diesem Tag den Lagginhorngipfel zu besteigen, sagte er zur Nachrichtenagentur sda. Unklar sei jedoch, welche Auswirkungen die Regenfälle vom Vortag auf den Schnee gehabt hätten. Auch ein Steinschlag sei nicht auszuschliessen.

Thomas Stucki, Lawinenprognostiker beim WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos GR, kann keine genauen Angaben zu den Schneeverhältnissen am Lagginhorn machen. Grundsätzlich sei die Situation normal, «das heisst so, wie man sie zu dieser Jahreszeit erwarten kann». Ob die Verhältnisse am Lagginhorn gefährlich seien, könne man nur vor Ort beurteilen.

«Es hatte Nebel»

Natascha Knecht, Journalistin und Alpin-Bloggerin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wollte gestern via Südroute aufs Lagginhorn. Wegen zu viel Neuschnees änderte sie jedoch ihre Pläne und bestieg einen anderen Gipfel in der Nähe.

«Bei uns herrscht zurzeit dichter Nebel», sagte sie gestern am Telefon mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Am Nachmittag habe ich gesehen, dass es beim Lagginhorn ebenfalls neblig war», so Knecht. Bis gestern Abend habe es dort wahrscheinlich auch geschneit. Ob die Verunglückten ein zu hohes Risiko auf sich genommen hätten, könne man jedoch noch nicht beurteilen.

Schlimmster Bergunfall in diesem Jahr

Laut Polizeisprecher Kalbermatten reisen die Familienangehörige der Opfer ins Wallis. Dann werde man zusammen mit der deutschen Botschaft und den Behörden entscheiden, wie es weitergehe.

Der Lagginhorngipfel liegt im Saastal, rund zehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Er gilt unter Alpinisten als einer der weniger schwierigen Berge über 4000 Meter Höhe. Durch Schnee kann der Aufstieg allerdings tückisch werden.

Es ist der schlimmste Bergunfall in der Schweiz in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr kamen in der Schweiz beim Bergsteigen oder Bergwandern 151 Menschen bei 135 Unfällen ums Leben. 29 davon waren deutsche Staatsangehörige. (ami/kpn/fko/sda)

Erstellt: 04.07.2012, 11:06 Uhr

Drama auf dem Lagginhorn: Fünf Deutsche sind im Wallis ums Leben gekommen. (Video: Reuters )

Fünf Deutsche sind am Walliser Lagginhorn ums Leben gekommen. (Video: Keystone )

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