Für 30 Vermisste gibt es keine Hoffnung mehr

Das betroffene Quartier in Lac-Mégantic liegt nach dem Zugunglück komplett in Trümmern. Die kanadischen Behörden rechnen nicht damit, noch Überlebende zu finden. War der Lokomotivführer schuld?

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Nach dem verheerenden Zugunglück von Kanada scheinen die schlimmsten Befürchtungen Realität zu werden: 20 Leichen sind geborgen, und für 30 Vermisste gibt es wohl keine Hoffnung mehr. Die grosse Frage bleibt: War der Lokführer schuld an dem Unglück?

Die Zahl der Opfer des verheerenden Zugunglücks in der kanadischen Kleinstadt Lac-Mégantic wird Polizeiangaben zufolge wahrscheinlich auf 50 steigen. Polizeisprecher Michel Forget sagte am Mittwochabend, 30 Menschen, die vermisst wurden, seien «wahrscheinlich» ebenfalls bei der Explosion ums Leben gekommen.

Bislang war die Opferzahl mit 15 und die Zahl der Vermissten mit bis zu 60 angegeben worden. 5 Leichen wurden im Lauf des Mittwochs entdeckt. Eines der 20 bisher geborgenen Opfer konnte bislang identifiziert werden, teilte die Polizei mit, wollte aber keine Details nennen.

Lokführer suspendiert

Der Lokführer des Unglückszugs wurde unterdessen vom Dienst suspendiert. Er sei «unter der Kontrolle der Polizei», sagte Edward Burkhardt, Chef des Bahnunternehmens Montreal, Maine & Atlantic Railway, Medienberichten zufolge am Mittwoch bei einem Besuch der Unglücksstelle in Lac-Mégantic.

Der Mann werde bis auf weiteres nicht für sein Unternehmen arbeiten und auch kein Gehalt bekommen. «Ich glaube nicht, dass er wieder für uns arbeiten wird.»

Der Lokführer habe gesagt, dass er an dem Unglückszug nach dem Abstellen elf Handbremsen gesetzt habe. «Wir haben jetzt das Gefühl, dass das nicht wahr ist.» Er glaube nicht, dass die Handbremsen ordnungsgemäss gesetzt wurden, sagte Burkhardt weiter.

«Ich muss wohl sagen, sie wurden es nicht, sonst hätten wir diesen Vorfall ja nicht gehabt. Ich glaube nicht, dass ein Mitarbeiter die Bremsen gelöst hat, ich glaube, sie waren von Anfang an nicht richtig gesetzt.»

Proteste der Anwohner

Der zuständige Lokführer arbeitet nach Angaben des Bahnunternehmens seit vielen Jahren für die Firma und ist bislang noch nie negativ im Zusammenhang mit Sicherheitsmassnahmen aufgefallen. Sein Unternehmen trage sicher «jede Menge Verantwortung», sagte Burkhardt – allerdings müsse noch geklärt werden, ob die Verantwortung für das Unglück ausschliesslich bei seinem Unternehmen liege.

Er fühle sich persönlich «absolut scheusslich». Bewohner von Lac-Mégantic protestierten mit Plakaten gegen den Besuch von Burkhardt, dessen Firma sie für das Unglück verantwortlich machten.

Die Polizei ermittelt unterdessen nach eigenen Angaben weiter, ob das Entgleisen der mehr als 70 Kesselwagen am frühen Samstagmorgen einen kriminellen Hintergrund hat. Das Zentrum des Städtchens mit nicht einmal 6000 Einwohnern sei gesperrt, sagte ein Polizeisprecher.

Wer in dem verwüsteten Areal angetroffen werde, müsse mit der Festnahme rechnen. Details der Ermittlungen wollte er nicht nennen, für Terrorismus gebe es keine Hinweise. Zum Gedenken der Opfer sollen die Flaggen an allen öffentlichen Gebäuden in der Provinz Québec ab Donnerstag für eine Woche auf halbmast wehen.

Gewaltige Feuerbälle

Bei dem Unglück waren am frühen Samstagmorgen mehr als 70 mit Rohöl beladene Kesselwagen rund zwölf Kilometer aus dem Nachbarort Nantes einen Berg hinunter nach Lac-Mégantic gerast. Das leicht entflammbare Rohöl stammte aus dem US-Bundesstaat North Dakota und sollte in die kanadische Provinz New Brunswick transportiert werden. In der Innenstadt von Lac-Mégantic entgleiste der Geisterzug. Mehrere Detonationen mit gewaltigen Feuerbällen erschütterten die Kleinstadt.

Etwa 30 Gebäude wurden zerstört. 2000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Die meisten konnten zwar Anfang der Woche wieder zurückkehren, 600 mussten aber auch am Mittwoch noch bei Freunden oder in Notunterkünften ausharren.

Ein Anblick der Zerstörung

Der Vergleich mit Verhältnissen wie in einem Kriegsgebiet ist nicht übertrieben: Nach der Zugkatastrophe in La-Mégantic hat die Polizei neue Aufnahmen veröffentlicht. Das einstige Kneipenviertel zwischen Geleisen und See ist eingeebnet. Wracks von ausgebrannten Autos, zerstörten Häusern und anderen verkohlten Gegenständen sind auf den Bildern zu sehen.

Der mit Rohöl beladene Zug war am Samstag in die Ortschaft Lac-Mégantic in der Provinz Québec gerast, entgleist und explodiert. Weite Teile der Kleinstadt wurden dem Erdboden gleichgemacht. Die kanadischen Behörden leiteten strafrechtliche Ermittlungen ein. Es seien «Elemente entdeckt» worden, die solche Untersuchungen rechtfertigten, sagte Forget, am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Nähere Details nannte er zunächst nicht.

Bereits zuvor hatten Ermittler eine mutmassliche Verbindung zu einem vorangegangenen Feuer geprüft, das kurz vor der Katastrophe in Lac-Mégantic auf demselben Zug in einer anderen Stadt ausgebrochen war, wie Donald Ross von der Transportsicherheitsbehörde mitteilte. Eine Untersuchung der Blackbox der betroffenen Lokomotive soll Erkenntnisse darüber liefern, ob die Druckluftbremse oder die Handbremse defekt war.

Derweil wurde bekannt, dass die Tankwagen des Zugs vom Typ DOT-111 seit mehr als zwei Jahrzehnten dafür bekannt sind, bei Unfällen schnell undicht zu werden. Der leitende Ermittler der Transportsicherheitsbehörde erklärte, es sei aber noch zu früh, um sagen zu können, dass die Katastrophe mit anderen Tankwaggons nicht geschehen wäre. (wid/chk/sda/AP)

Erstellt: 10.07.2013, 23:09 Uhr

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