Für Raser lohnt sich der Gang an die nächste Gerichtsinstanz

Bei mehreren tödlichen Raserunfällen im Kanton Aargau, die in den letzten Jahren besonderes Aufsehen erregten, hat das Obergericht die Strafen der Vorinstanz nach unten korrigiert. Kaum ein Raser musste ins Gefängnis.

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Aus Anlass des laufenden Prozesses gegen die mutmasslichen Raser von Schönenwerd (SO) in Olten ist die «Aargauer Zeitung» der Frage nachgegangen, welche Urteile die Gerichte im eigenen Kanton bei tödlichen Raserunfällen gefällt haben. Nach der Untersuchung von vier aufsehenerregenden Fällen zeigt sich, dass die Raser in letzter Instanz mildere Strafen bekommen haben. «Dabei spielte das neue Strafrecht, das seit 2007 gilt, eine wesentliche Rolle», schreibt die «Aargauer Zeitung». In drei Fällen korrigierte das Aargauer Obergericht die Strafen nach unten. In einem Fall war es das Bundesgericht, das das Obergericht zu einer milderen Strafe veranlasste.

  • Bei einem damals 23-jährigen Italiener, der im Juli 2005 im Freiamt mit Tempo 160 in einen korrekt fahrenden Wagen gerast war, wandelten die Aargauer Oberrichter die drei Jahre Zuchthaus des Bezirksgerichts Baden zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 22 Monaten um. In zweiter Instanz wurde der notorische Raser vom Vorwurf der mehrfachen versuchten eventualvorsätzlichen Tötung freigesprochen.

  • Auch der Raser von Baden kam mit einer milderen Strafe davon. Der damals 26-jährige Schweizer hatte mindestens 1,32 Promille Alkohol im Blut, als er kurz vor Weihnachten 2003 in Baden wegen übersetzter Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Beim Unfall kam ein Mitfahrer des Rasers ums Leben. Das Bezirksgericht Baden sprach eine Zuchthausstrafe von zweieinhalb Jahren aus. Die nächste Gerichtsinstanz gewichtete verschiedene äussere Umstände des Unfalls anders, so zum Beispiel die Mitverantwortung der mitfahrenden Kollegen und die Gruppendynamik: Übrig blieb eine bedingte Gefängnisstrafe von zwei Jahren.

  • Bei einem Schweizer, der im August 2003 im Fricktal eine 15-jährige Velofahrerin tödlich verletzte, korrigierten die Aargauer Oberrichter die unbedingte zweijährige Gefängnisstrafe nach unten. Trotz «mangelnder Einsicht in sein Fehlverhalten» gewährte das Obergericht dem Raser einen bedingten Vollzug der Freiheitsstrafe.

  • Im Fall Muri revidierte das Bundesgericht 2007 das Urteil des Aargauer Obergerichts gegen einen Kosovaren. Bei einem Raser-Duell mit einem Serben war es am 8. November 2003 bei Muri zu einem Zusammenstoss gekommen, bei dem der Serbe und ein Unbeteiligter getötet wurden. Das Bundesgericht hielt das Urteil von fünfeinhalb Jahren Zuchthaus wegen eventualvorsätzlicher Tötung nicht für angemessen. Wegen fahrlässiger Tötung erhielt der Mann schliesslich eine unbedingte dreijährige Gefängnisstrafe.

Der Fall Muri ist insofern von besonderem Interesse, weil er an den Prozess gegen die mutmasslichen Raser von Schönenwerd (SO) erinnert. Das Amtsgericht Olten wird sein Urteil am 27. Oktober verkünden. Die Staatsanwaltschaft fordert wegen vorsätzlicher Tötung Freiheitsstrafen von acht respektive sieben Jahren für die drei Angeklagten. (vin)

Erstellt: 11.10.2010, 11:33 Uhr

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