Gottes Haus, Mammons Diener

Der Vatikan finanziert Renovationen seiner Kirchen, indem er sie zu Werbeträgern macht.

Mal ein Auto, Mal ein Töff: Über dem Portal zur Scala Santa prangt megagrosse Werbung.

Mal ein Auto, Mal ein Töff: Über dem Portal zur Scala Santa prangt megagrosse Werbung.

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Die Römer haben ein kompliziertes Verhältnis zur Moderne, besonders zur architektonischen und ästhetischen. Grelle Töne und scharfe Kanten im alten Zentrum kommen ihnen vor wie Entweihungen, wie Sakrilege am Vermächtnis der Ahnen. Dass nun ausgerechnet die katholische Kirche derlei Sünde auf sich lädt, ist natürlich ironisch. Mittlerweile vermietet der Vatikan nämlich fast alle Fassaden seiner prächtigen Kirchen und Palazzi, die renoviert und dafür eingehüllt werden, an Werbekunden. Und die hängen gigantische Werbeplakate auf, die das ganze, liebliche Stadtbild dominieren.

Offene Wunden

Über dem Portal zur Scala Santa, der Heiligen Treppe, neben der Erzbasilika San Giovanni in Laterano, wirbt jetzt ein japanischer Konzern für sein neues Motorrad, das vor allem in den Steppen Afrikas ganz toll fahren soll. Dazu ein Werbeslogan, der die Kirche subtil herausfordert: «Erweitere deine Horizonte», steht da. Auf der Fassade des Palazzo della Cancelleria, des Sitzes der vatikanischen Gerichte beim Campo de’ Fiori, preist eine spanische Fluggesellschaft ihre Billigflüge «ab 29.99 Euro». An der Kirche Santa Maria di Loreto wiederum prangt gerade das Poster des neuen Films «Sono tornato», der halb komisch, halb nachdenklich die Frage verhandelt, was wohl wäre, wenn Benito Mussolini zurückkehrte. Die Platzierung der Werbung ist doppelt ironisch: Santa Maria di Loreto steht ge­genüber dem berühmten Balkon, auf dem sich der Faschistenführer jeweils für seine polternden Reden aufbaute.

«Diese Plakate», schreibt die römische Zeitung «La Repubblica», «sind offene Wunden.» Die katholische Zeitschrift «Famiglia Cristiana» erhält Briefe von Lesern, die finden, der Vatikan «schände» Rom. «Ob der Papst davon weiss?», fragt einer. Man muss es annehmen, denn mit den Werbeeinnahmen deckt die Kirche einen stattlichen Teil der Renovationskosten, wenn nicht die gesamten. Vielleicht bleibt noch etwas übrig. Und so hängt immer auch der Verdacht über der Stadt, dem Bauherrn hinter dem heiligen Gemäuer sei es gar nicht so eilig mit dem Auffrischen seiner Schönheiten.

Extraterritoriale Kirchen

Roms Verwaltung beschwert sich regelmässig darüber, dass die Kirche keine Steuern entrichte auf die Werbeeinnahmen und dass sie die strengen Vorschriften der Kulturintendanz missachte, die sonst gelten. Doch seit den Lateranverträgen von 1929 ist der Vatikan in Rom auch jenseits des Petersplatzes da und dort Herr. San Giovanni und der Palazzo della Cancelleria etwa sind extraterritorial. Da müsste die italienische Regierung beim Papst vorstellig werden.

Vor einigen Jahren vermietete der Vatikan die Fassade der Kirche Gran Madre di Dio beim Ponte Milvio. Dort, auf der Piazza bei der Tiberbrücke, verbringt die Stadtjugend ihre Wochenendnächte. An der Grossen Mutter Gottes warb, ganz passend, eine deutsche Grossbrauerei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 21:38 Uhr

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