Grande Dame des Juwelenraubs

Die Schmuckdiebin Doris Payne stiehlt auch noch mit 85 Jahren.

Charmant und manipulativ: Doris Payne während einem ihrer Gefängnisaufenthalte (2005). Foto: Jae C. Hong (Keystone)

Charmant und manipulativ: Doris Payne während einem ihrer Gefängnisaufenthalte (2005). Foto: Jae C. Hong (Keystone)

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Wenn Doris Payne irgendwo ein Schmuckgeschäft betritt, hält man sie für eine sympathische ältere Dame. Das ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn die 85-Jährige ist ausserdem die berüchtigtste Juwelendiebin des letzten Jahrhunderts. Aber das merken die Verkäufer meist erst dann, wenn sie bereits weg ist und mit ihr ein paar Schmuckstücke. Mehrfach sass sie in Haft, zuletzt wurde sie Anfang Woche in Georgia, USA, verhaftet, nachdem sie in der Dior-Abteilung eines Kaufhauses ein paar teure Ohrringe eingesteckt hatte. In Rente gehen geht anders.

Seit mittlerweile 60 Jahren klaut die 1930 als Tochter eines Kohleminenarbeiters in West Virginia geborene Payne Schmuck. Vor zwei Jahren erschien ein Dokumentarfilm über ihr Leben, und es soll Pläne zu einem Spielfilm über sie mit Halle Berry in der Hauptrolle geben. Seither ist sie nicht nur berüchtigt, sondern berühmt. Das ist zwar nicht besonders gut fürs Geschäft, aber Ruhm schmückt schliesslich auch, und Paynes Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.

Ein weiblicher Robin Hood

Alles begann in einem Schmuckladen in West Virginia. Doris, damals ein adrettes Mädchen im Primarschulalter, sollte mit einer Uhr für ihre guten Noten belohnt werden. Eigentlich hatte sie Balletttänzerin werden wollen, aber damals herrschte noch Rassensegregation in den Südstaaten, und schwarze Balletteusen gab es nicht. Der Verkäufer im Schmuckladen hatte Doris und ihrer Mutter gerade eine Uhr gezeigt, als ein weisser Kunde den Laden betrat. Der Verkäufer liess Mutter und Tochter einfach stehen und würdigte sie keines Blickes mehr, bis sie sich schliesslich zum Gehen wandten. Nur dass Doris die Uhr nicht ablegte. Der Verkäufer bemerkte nichts, und Doris gab die Uhr zurück. Es sollte noch Jahre dauern, bis sie zum ersten Mal wirklich etwas stahl. Aber das Erlebnis liess sie nicht mehr los.

Ihren ersten Juwelenring stahl sie mit 22 Jahren, verkaufte ihn und gab das Geld der Mutter, damit diese ihren prügelnden Mann verlassen konnte. Aus Magazinen holte sie sich das notwendige Wissen über Schmuck und Edelsteine und machte sich dann auf Diebestour in den Luxusquartieren der mondänen Städte der Welt. Mit Charme, guten Manieren und ihrer exzentrischen Art täuschte sie immer wieder das Verkaufspersonal, liess sich allen möglichen Schmuck zeigen und steckte unbemerkt das eine oder andere Stück ein.

Wer sie kennt, beschreibt sie als charmant, manipulativ, exzentrisch und von unzerstörbarem Optimismus. Sie sehe sich als moderne Version von Robin Hood, weil sie nur von Wohlhabenden stehle – und ihnen gleichzeitig gebe: Dank ihrer Versicherungen verdienten sie ja sogar noch an ihr. Entsprechend empfindet sie keine Reue. Oder in ihren Worten: «Ich bereue nicht, dass ich gestohlen habe. Sondern dass ich er­wischt worden bin.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 23:11 Uhr

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