Gutachter-Gattin musste für Kachelmann-Fall herhalten

Ein Rechtsmediziner stellte mit seiner Frau Teile der möglichen Gewalttat nach.

Der Angeklagte: Jörg Kachelmann mit seinen Verteidigern Johann Schwenn und Andrea Combe.

Der Angeklagte: Jörg Kachelmann mit seinen Verteidigern Johann Schwenn und Andrea Combe. Bild: Keystone

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Alles nicht realitätsgetreu und übertrieben! – Derlei behaupten Forensiker, wenn sie auf die populären TV-Serien über ihren Berufsalltag zwischen Leichen und DNAAnalysen angesprochen werden. Beim Verfahren gegen Jörg Kachelmann konnte man gestern fast den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Rechtsmediziner Rainer Mattern schilderte, wie er variantenreich und mit Körpereinsatz experimentierte, als er sich mit der Frage von Schuld oder Unschuld des Schweizer Wettermoderators auseinandersetzte. Der Institutsleiter der Universität Heidelberg hatte mit seinen Erkenntnissen im Vergewaltigungsverfahren einen Gutachterstreit ausgelöst.

Angebliches Opfer brach in Tränen aus

Als Einziger seines Fachs hatte der Ordinarius das mutmassliche Opfer untersuchen können, insgesamt viermal. Ende 2010 fragte er Sabine W. (Name geändert), ob er ihr ein Messer an der Stelle an den Hals halten dürfe, wo es Kachelmann in der angeblichen Tatnacht getan haben soll. Sie müsse wohl auch noch das über sich ergehen lassen, sonst glaube ihr niemand, sagte die Frau und willigte ein. Als aber der Rechtsmediziner das Messer hinhielt, um ein Foto zu machen, brach Sabine W. in Tränen aus. Sie zitterte am ganzen Körper. Mattern hielt es für angebracht, den Versuch abzubrechen.

Weiter kam der Professor daheim. Der 65-Jährige kniete auf die Oberschenkel seiner Ehefrau, bis es schmerzte. Seine Knie hatte er mit Farbe bestrichen. So wollte Mattern überprüfen, ob Druckstellen wie an den Beinen der Anzeigeerstatterin entstehen können. Es zeigten sich ähnliche Konturen. Weiter bat Mattern eine Mitarbeiterin, sich mit einem Messerrücken am Hals zu schaben. Verschiedene Rechtsmediziner zweifelten seine Ansicht an, dass mit dieser Waffe die Verletzung des mutmasslichen Opfers entstehen konnte. Gemäss dem gestern präsentierten Experiment scheint dies aber möglich. Allerdings verschwanden die Spuren am Hals der Mitarbeiterin innert Stunden. Bei Sabine W. war die Schürfung tagelang zu sehen. Mattern folgert daraus, dass sie unter grosser Pein entstanden sein muss. Für ihn deutet das eher auf Fremd- als auf Selbstverletzung hin.

Das Gericht pausiert oft

In seinem Fazit relativierte der Gutachter aber seine eigenen Erkenntnisse: «Ich kann weder nachweisen, dass der Angeklagte der Nebenklägerin die Verletzungen beigebracht hat, noch kann ich nachweisen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selbst beigebracht hat.»

Wie er das genau meinte, muss der Sachverständige an einem anderen Prozesstag erläutern. Auch weil das Mannheimer Gericht viele und ausgedehnte Pausen machte, kam es gestern mit der Befragung des experimentierfreudigen Professors nicht durch. Mattern kann bei seinem zweiten Auftritt dann auch noch erklären, weshalb er für den Fall Kachelmann Kleinkinder herumhüpfen liess.

Erstellt: 02.02.2011, 07:29 Uhr

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