Highspeed-Alpinismus bis in den Tod

Sie wollten schnell sein, sie wollten den Rekord, sie nannten ihre Mission Double8: Wie ein Vorhaben erfahrener Alpinisten – darunter Ueli Steck – in einer Tragödie endete.

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Vor drei Jahren setzte Ueli Steck einen neuen Rekord am 8027 Meter hohen Shishapangma in Nepal mit einer Solobegehung der als schwierig geltenden Südwestwand in lediglich 10 Stunden. Doch der Rekorde nicht genug, doppelte Ueli Steck nur 18 Tage darauf mit der Begehung des 8188 Meter hohen Cho Oyo nach. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die beiden Berge viele Tagesmärsche auseinanderstehen und beide Gipfel weit über der als Todeszone bekannten Höhe liegen.

Dieses Jahr kehrte Ueli Steck zurück in den Himalaja, nicht für neue Rekorde und Erstbegehungen, sondern um im Team mit seiner Frau Nicole den Shishapangma zu besteigen, der als kleinster aller 14 Achttausender als relativ einfach gilt.

In hohem Tempo auf die höchsten Berge

Dass auch 50 Jahre nach der letzten Erstbesteigung eines Achttausenders noch Rekorde möglich sind, wollte hingegen ein anderes Team zeigen. Die beiden deutschen Extrembergsteiger Benedikt Böhm und Sebastian Haag planten zusammen mit dem italienischen Alpinisten Andrea Zambaldi, innerhalb von lediglich einer Woche die beiden Achttausender Shishapangma und Cho Oyu zu besteigen. Double 8 nannten die drei Alpinisten diese Vorhaben, welches sie im Speedski-Stil verwirklichen wollten. Hoch und runter auf leichtgewichtigen Tourenski und die Distanz zwischen den beiden Bergen mit Mountainbikes überwinden. Ueli Stecks Rekordzeit für beide Gipfel aus dem Jahr 2011 wäre damit mehr als halbiert worden.

Insbesondere Böhm und sein Schulkamerad Haag sind im Alpinismus keine Unbekannten. An Erstbegehungen waren sie weniger interessiert als an Temporekorden: Den 7509 Meter hohen Muztagata bewältigten sie 2005 in 10 Stunden und 41 Minuten, den 8034 Meter hohen Gasherbrum II in 17 Stunden und den 8163 Meter hohen Manaslu in weniger als 24 Stunden – inklusive Rückkehr ins Basislager. Ihr Stil ähnelte dabei weniger den grossen Himalaja-Expeditionen als einem Skitourenrennen: Wenig und leichtes Material kombiniert mit einem hohen Tempo führt zum Erfolg, wie an der diesjährigen Patrouille des Glaciers, wo Böhm mit seinem Team den sensationellen 9. Platz belegte. Oder 2013, als Böhm die sieben höchsten Berge von sieben europäischen Ländern in 7 Tagen bestieg.

Aber zurück in den Himalaja und zum Projekt Double 8, wo am Schluss eines Rekordversuchs lediglich der Erfolg zählt. Der Start zur Rekordjagd erfolgt am 17. September am Fuss des Shishapangma, die drei Athleten spuren im Neuschnee bis auf 7700 Meter und müssen dort ihren ersten Versuch wegen der Lawinengefahr abbrechen. Zurück im Lager treffen sie auf den Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck, welcher spontan entscheidet, das Team Double 8 beim Brechen seines eigenen Rekordes zu unterstützen. Am Berg zählt eben doch nicht nur der eigene Erfolg, sondern auch die Kameradschaft.

Einen dritten Versuch wird es nicht geben

Am Nachmittag des 23. September ist ein zweiter Versuch geplant. Als fünfter Bergsteiger gesellt sich der Deutsche Martin Maier zum Team. Benedikt Böhm ist zuversichtlich und schätzt die Chancen auf einen Gipfelerfolg auf 50 Prozent. «Klappt es diesmal nicht, wird das Team keinen dritten Versuch unternehmen, sondern mit dem Rad Richtung Cho Oyu aufbrechen», meldet er sich am Vorabend aus dem Basislager. Geplant ist, gestaffelt aufzubrechen und erst auf rund 7000 Metern zusammenzutreffen, um sich ab dort im 15-Minuten-Rhythmus beim kräfteraubenden Spuren abzuwechseln. Benedikt Böhm und Ueli Steck starten im Basecamp auf 5600 Metern, Sebastian Haag im Camp 1 auf 6300 Metern und Martin Maier und Andrea Zambaldi starten im Camp 2 auf 6800 Meter Höhe.

Die fünf Bergsteiger kommen die Nacht durch gut voran und sind kurz vor sieben Uhr morgens noch knapp 100 Höhenmeter oder eine Stunde vom Gipfel entfernt, als Sebastian Haag, Andrea Zambaldi und Martin Maier von einer Lawine erfasst werden und über steile Gletscher in unwegsames Gebiet gespült werden. Die beiden vom Unglück Verschonten bieten sofort Hilfe im Basecamp auf und beginnen mit der Suche nach den drei Bergsteigern. Doch Benedikt Böhm und Ueli Steck können den Lawinenkegel nicht erreichen und müssen nach Stunden die Rettungsbemühungen abbrechen. Nur Martin Maier kann sich selber aus den Schneemassen befreien und überlebt das Unglück. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2014, 16:24 Uhr

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Letzte Aufnahmen von Haag und Zambaldi: Ein erster Versuch, den Gipfel zu besteigen, wurde abgebrochen. (Publiziert: 19. September 2014)

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