Hochwasser in Locarno – auf dem Holzbalken nach Hause

Über Stege gehen müssen viele Menschen in Locarno, um ihre Häuser zu erreichen. Schon steht der nächste Niederschlag an.

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Nach drei Tagen Dauerregen zeigt sich am Lago Maggiore heute zum ersten Mal wieder die Sonne. Am Donnerstagabend lag der Pegel des Sees in Locarno bei 196,37 Metern. Er sank damit gegenüber dem Morgen um drei Zentimeter.

Von den Überschwemmungen der letzten beiden Tage seien rund 600 Bewohner betroffen, sagt der Leiter des Zivilschutz Locarno, Raffaele Dadò. 50 Zivilschützer seien am Mittwoch dauerhaft im Einsatz gewesen, um Stege auszulegen und die ufernahen Häuser durch Trennbalken vor den Fluten zu schützen – darunter auch 20 Freiwillige, die in solchen Notfällen auf Abruf bereitstehen.

Helfende Technik

Dadò und seine Mitarbeiter konnten sich schon frühzeitig auf den vorläufigen Pegelhöchststand des Lago Maggiore in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag einstellen: Seit der letzten grossen Überschwemmung im Jahre 2000 habe sich die Technik rasant weiterentwickelt.

Mithilfe eines Programms der Tessiner Fachhochschule SUPSI können Wetterdaten und Niederschlagsmengen direkt auf einem Stadtplan Locarnos visualisiert werden. «So wussten wir schon Montagabend mit sehr grosser Sicherheit, welche Zonen wir in den kommenden Tagen evakuieren beziehungsweise schützen müssen.» In diese Risikozone fiel auch das ufernahe Spital Santa Chiara, das am Dienstagmorgen evakuiert worden war.

Alarmbereitschaft bleibt bestehen

Ab Samstag stellen sich die Locarneser Zivilschützer auf erneut starke Regenfälle ein. Allerdings sinke laut Dadò auch die Schneefallgrenze, was dazu führe, dass weniger Wasser in den See gelange, weil es in den Bergen als Schnee gebunden sei.

In Lugano, der grössten Tessiner Stad,t war gestern Abend vorübergehend die Uferstrasse am Luganersee im Zentrum gesperrt. Seit Donnerstagmorgen seien aber wieder beide Fahrspuren für den Verkehr freigegeben, teilte die Kommunalpolizei in einem Communiqué mit.

Todesopfer in Italien

Auch auf italienischer Seite ist die Lage prekär. Einsatzkräfte fanden in der Nähe von Crema bei Mailand die Leiche eines 36 Jahre alten Mannes. Er war in der Nähe eines überfluteten Gebäudes ins Wasser gestürzt, wie die Nachrichtenagentur Ansa meldete.

Im Lago Maggiore nahe der Schweizer Grenze ertrank ein Mann, nachdem er beim Versuch, sein Boot zu sichern, in den See gefallen war. Für den 70-Jährigen kam laut Ansa jede Hilfe zu spät. Damit stieg die Zahl der Todesopfer allein in dieser Woche auf mindestens fünf.

Norditalien war in den vergangenen Tagen erneut von Unwettern heimgesucht worden, die Flüsse über die Ufer treten liessen und Erdrutsche auslösten. In Mailand wurde ein Bahnhof überflutet, nachdem der Fluss Seveso über die Ufer getreten war. Allerdings brachten die Einsatzkräfte die Lage am Mittwochabend rasch wieder unter Kontrolle, wie die Stadt Mailand über Twitter mitteilte. In der norditalienischen Wirtschaftsmetropole blieben zahlreiche Schulen geschlossen. Auch der Zug- und der Strassenverkehr in der Region war weiter eingeschränkt.

Lago Maggiore nahe am Höchststand

Für den Lago Maggiore gilt gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) noch immer die höchste Hochwasser-Gefahrenstufe. Für die Region um den Lago di Lugano gilt die zweithöchste Warnstufe, das bedeutet grosse Hochwassergefahr. Die Einschätzungen des Bafu vom Morgen gelten mindestens bis am Abend. Zahlreiche Flüsse sind mässig gefährdet.

Gemäss SRF betrug der Pegelstand im Lago Maggiore am Morgen 196,39 Meter. Der Höchststand aus dem Jahr 2000 beträgt 197,58 Meter. Dieser Stand könnte bereits am Montag erreicht oder gar überschritten werden. (rar/sda)

Erstellt: 13.11.2014, 10:18 Uhr

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