Holocaustüberlebender gibt ungarischen Orden zurück

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel protestiert gegen die offen faschistischen Tendenzen in Viktor Orbans Ungarn: Er gibt die höchste Auszeichnung des Landes zurück.

«Mit solchen Aktivitäten möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden»: Elie Wiesel, Holocaustüberlebender und Friedensnobelpreisträger.

«Mit solchen Aktivitäten möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden»: Elie Wiesel, Holocaustüberlebender und Friedensnobelpreisträger. Bild: Keystone

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Aus Protest gegen Ungarns Umgang mit seiner Nazi-Vergangenheit hat der Holocaustüberlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel die ihm verliehene höchste Auszeichnung des Landes zurückgegeben. Es werde zunehmend klar, dass ungarische Behörden das «Weisswaschen tragischer und krimineller Episoden in Ungarns Vergangenheit» ermutigten, hiess es in einem von der Wochenzeitung «Magyar Narancs» veröffentlichten Schreiben.

In seinem Brief prangerte der in den USA lebende Wiesel an, dass der ungarische Parlamentspräsident Laszlo Köver im Mai an einer Gedenkveranstaltung zu Ehren des Schriftstellers Jozsef Nyirö in Rumänien teilnahm. Nyirö unterstützte die Diktatur des Hitler-Verbündeten Miklos Horthy (1920–1944) und dessen von den Nazis 1944 eingesetzten Nachfolger Ferenc Szalasi, den Führer der faschistischen Pfeilkreuzler. An der Gedenkveranstaltung nahm auch der Vorsitzende der rechtsextremen Jobbik-Partei, Gabor Vona, teil.

Rehabilitierung eines Kollaborateurs

Zu den im Brief angesprochenen «kriminellen Episoden» zählt Wiesel die Beteiligung ungarischer Regierungen während des Zweiten Weltkriegs an der Deportation und Ermordung Hunderttausender Juden. «Mit solchen Aktivitäten möchte ich in keinerlei Weise in Verbindung gebracht werden», schrieb der 83-jährige Autor. Den Grosskreuz-Verdienstorden hatte der ursprünglich aus Rumänien stammende Wiesel, dessen Familienangehörige aus dem Gebiet des damaligen Ungarns in Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden, 2004 aus den Händen des damaligen Präsidenten Ferenc Madl erhalten.

Der ungarische Regierungschef Viktor Orban steht wegen der sich derzeit in Ungarn vollziehenden Rehabilitierung Miklos Horthys in der Kritik. Im vergangenen Monat wurde ein Park in der Stadt Gyömrö zu Ehren Horthys umbenannt, in einem Dorf wurde eine lebensgrosse Statue errichtet und in Debrecin ein Marmorschild zu seinem Gedenken restauriert. Im Mai nahmen ausserdem zwei Abgeordnete von Orbans Fidesz-Partei an einem Benefizball für eine weitere Horthy-Statue in Budapest teil. (ami/AFP)

Erstellt: 19.06.2012, 13:48 Uhr

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