Von Lawine verschüttetes Hotel liegt in Gefahrenzone

Das Hotel Säntis auf der Schwägalp wurde in einem kritischen Gebiet gebaut. Hat man die Gefahr unterschätzt?

So sieht es nach der Lawine aus: Im Hotel Säntis schaufeln dutzende Helfer Schnee aus dem Restaurant. (Video: SDA)

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Der Speisesaal des Hotels Säntis auf der Schwägalp ist teilweise bis zur Decke mit Schnee gefüllt, die Fensterscheiben sind eingedrückt, Stühle und Tische zertrümmert.

Glücklicherweise war der Raum am Donnerstag um 16:30 Uhr kaum besetzt, als eine Lawine in das Gebäude donnerte. Drei Personen wurden leicht verletzt. «Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen», sagte Bruno Vattioni, Chef der Säntisbahn an einer Medienkonferenz am Freitag.

Wurde die Lawinengefahr auf der Schwägalp unterschätzt? Das Hotel liegt in gefährdetem Gebiet. Das zeigt ein Blick auf die kantonale Gefahrenkarte. Der Neubau, der vor drei Jahren eröffnet wurde, befindet sich in der blauen und gelben Zone. Dennoch durfte das Gebäude gebaut werden.

«Blau heisst, dass Bauten beschädigt aber nicht zerstört werden können und dass Menschen ausserhalb der Gebäude an Leib und Leben gefährdet sind», erklärt Arthur Sandri von der Gefahrenprävention des Bundesamtes für Umwelt in der Sendung «10vor10» von SRF. Gelb bedeute, Bauten könnten leicht beschädigt und Menschen verletzt werden, aber es bestehe keine Lebensgefahr mehr. Die Gefahrenkarten machen Prognosen zur Intensität und Häufigkeit von Ereignissen.

Das Hotel Säntis auf der Schwägalp liegt in gefährdetem Gebiet. (Bild: Screenshot Geoportal AR)

Die Lawine brach am Donnerstagnachmittag an der nördlichen Steilwand des Säntis oberhalb der Schwägalp los und traf das Restaurant des Hotels, das Personalhaus (Girenspitz) und das Gebäude der Alpkäserei.

Aufnahmen einer Webcam zeigen die Lawine auf der Schwägalp. (Video: Säntisbahnen, Tamedia)

Durch das starke Gefälle habe die Lawine sehr viel Kraft entwickelt und sei bis zum Hotel vorgedrungen, sagt Hanspeter Schoop von der Alpinen Rettung Urnäsch. Lawinen seien auf der Schwägalp sehr selten. Gemäss der Schadenlawinen-Datenbank des SLF beschädigte eine Lawine im Jahr 1942 Teile der damaligen Talstation der Säntisbahn. Diese lag etwas entfernt vom Standort des neuen Hotels.

Zwei weitere Lawinenniedergänge fanden 1965 und 1986 statt, sie kamen aber westlich und nordöstlich des Standortes hinunter. Hier wurden jeweils Alphütten beschädigt. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Hotel verstärkt gebaut

Die Gefahrenkarte spielte bei der Planung des Neubaus laut dem Amt für Raum und Wald im Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Rolle. Es wurde ein zusätzliches Gutachten erstellt. Aber: «Es wurden keine Fehler gemacht, auch wenn eine Lawine das Gebäude erreichen kann. Lawinen lassen sich im Gebirge nie zu 100 Prozent verhindern», sagt Leiter Heinz Nigg gegenüber SRF. «Bei einem aussergewöhnlichen Ereignis, dass vielleicht alle 300 Jahre vorkommt, ist das einfach das Risiko, das in unserem Gelände besteht.» Damit müsse man umgehen können. Noch ist unklar, ob die Gefahrenkarte nun angepasst wird.

Ähnlich tönt es beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Die Situation sei beim Neubau nicht unterschätzt worden, sagt SLF-Leiter Jürg Schweizer im Interview mit SRF-Journalistin Susanne Wille. «Das Gebäude wurde verstärkt gebaut, es hat starke Fenster und ist auf Lawinenkräfte ausgerichtet, die in einer blauen Zone auftreten können.»

Ein Bauverbot gibt es nur für rote Zonen. In Zonen mit mittlerer Gefährdung – wie beim Hotel Säntis – würden Gebäude so gebaut, dass man im Inneren im Allgemeinen sicher sei. Jürg Schweizer sagt aber auch, wenn grosse oder sehr grosse Lawinengefahr herrsche, müssten Notmassnahmen getroffen werden, beispielsweise indem man das Gebiet evakuiere. Zur Zeit des Unglücks herrschte grosse Lawinengefahr.

«Wir haben zwar Wanderwege gesperrt, aber niemals damit gerechnet, dass eine Lawine das Hotel treffen könnte. So was ist in den letzten 85 Jahren noch nie passiert», sagt Vattioni auf Anfrage des «Blick», wieso das Hotel nicht evakuiert worden sei. «Wir sprechen hier von einem Jahrhundertereignis, das selbst Fachleute nicht auf dem Schirm hatten.» Lawinengefährlich sei eigentlich die Südflanke des Säntis auf der anderen Seite so Vattioni. «Eine Lawine in diesem Ausmass war nicht voraussehbar.» Man werde nun aber wohl Konsequenzen ziehen müssen. Zum Lawinenabgang werde es eine Untersuchung geben.

Suche eingestellt

Rund 200 Menschen sind seit dem Lawinenniedergang für Rettung und Räumung im Dauereinsatz, wie die Säntis-Schwebebahn am Samstagmorgen mitteilte. Am Freitagabend sei die intensive Suche nach möglicherweise verschütteten Menschen eingestellt worden. Vermisstmeldungen gebe es nach wie vor keine.

Auf der Schwägalp sind am Samstag schwere Maschinen im Einsatz. Mit den Geräten sollen demolierte Fahrzeuge und der Schnee rund um die Gebäude weggeräumt werden. Doch auch mühselige und anstrengende Handarbeit gab es zu erledigen, wie es im Communiqué hiess.

Dutzende Helfer schaufelten Schnee aus dem Hotel und dem Restaurant. Wie hoch der Schaden an den Häusern, den Einrichtungen und in Mitleidenschaft gezogenen Fahrzeugen ist, lässt sich zwei Tage nach dem Lawinenniedergang nicht sagen.

Drei Personen wurden durch die riesigen Schneemassen, die am Donnerstag gegen 16.30 Uhr niedergingen, leicht verletzt. Alle konnten das Spital am Freitag verlassen. Die Gäste des Hotels und ein Teil der Angestellten wurden ins Tal gebracht. Hotel, Restaurant und Säntis-Schwebebahn bleiben bis auf weiteres geschlossen. (ij mit Material der SDA)

Erstellt: 12.01.2019, 13:35 Uhr

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