«Ich hatte 500'000 Mark – und viel Angst»

Als «Dagobert» erpresste Arno Funke einst Kaufhäuser um Millionen – heute wird er deshalb in TV-Shows eingeladen.

Genau 25 Jahre ist es jetzt her, dass die Polizei Arno Funke in einer Telefonzelle in Berlin-Treptow festnahm. Foto: Christoph Soeder, Keystone

Genau 25 Jahre ist es jetzt her, dass die Polizei Arno Funke in einer Telefonzelle in Berlin-Treptow festnahm. Foto: Christoph Soeder, Keystone

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Wenn sich Arno Funke mit Journalisten trifft, dann immer im Restaurant Graffiti am Berliner Kurfürstendamm. Der 69-Jährige wurde einer der bekanntesten deutschen Verbrecher, als er einst unter dem Codenamen Dagobert Kaufhäuser um Millionen erpresste. Funke trägt ein auffälliges rosafarbenes Hemd. Wer ihm zuhört, könnte fast den Eindruck gewinnen, dass er damals nur eine Packung Kaugummis geklaut hat. Viele seiner Sätze enden mit einem Kichern. Genau 25 Jahre ist es jetzt her, dass ihn die Polizei in einer Telefonzelle in Berlin-Treptow festnahm.

Sie zeichnen Karikaturen für das Satiremagazin Eulenspiegel. Haben Sie endlich den Job gefunden, der Sie zufrieden macht?
Ich kann mich nicht beklagen. Politiker durch den Kakao zu ziehen, macht schon Spass. Jetzt verunstalte ich mal wieder Merkel, in Frischhaltefolie.

Weil sie an Frische verliert?
Nein, es geht um CO2-Reduktion.

Was verdienen Sie beim Eulenspiegel?
Ich arbeite da nur eine Woche im Monat. Nimmt man ein Viertel eines Berliner Durchschnittslohns von 3400 Euro, kommt das ungefähr hin. Ich habe etwas Rente und zeichne Theaterplakate und Porträts. Wenn jemand verabschiedet wird, ruft die Firma an, ob ich eine nette Zeichnung machen kann.

Ich bin nicht der Typ, der jemandem eine Pistole an den Kopf hält.

Sie hoppten einst von Job zu Job, DJ, Getränkefahrer, Bauhelfer. Ihr Vater soll gesagt haben: Aus dir wird nichts!
Da bin ich sicher auch vor geflohen. Ich brach eine Lehre im Büro ab, bei einem Fotografen flog ich raus. Ich machte dann eine Lehre als Werbetechniker. Später sprayte ich Autos, so mit Monstern und nackten Frauen, Zuhältern gefiel das. Da atmete ich über Jahre gefährliche Dämpfe ein. Früher achtete man nicht auf so was, mein erster Chef hielt Gasmasken für rausgeschmissenes Geld. Das alles machte mich krank. Ich merkte das erst später.

Was fehlte Ihnen genau?
Ich hatte keine Kraft mehr, war schwer depressiv. Ich wollte nicht mehr leben. Ein Kollege besorgte mir eine Pistole, ein Waffennarr, der später sich und seine Frau erschoss. Irgendwann sass ich auf dem Bett und hielt mir die Pistole an die Schläfe.

Sie schossen nicht, sondern überlegten, das Kaufhaus KaDeWe zu erpressen.
Ich wollte eine Pause. Mit Geld kann man sein Leben verändern, dachte ich. Ein Neuanfang. Ich überlegte, ob ich eine Bank überfallen soll. Aber ich bin nicht der Typ, der jemandem eine Pistole an den Kopf hält. Oder eine Oma ausraubt. Einen unpersönlichen Konzern zu erpressen, fällt leichter.

Sie schrieben 1988 einfach einen Erpresserbrief, und bald hatten Sie das Geld?
Als die Polizei das Geld aus dem Zug warf, sah ich gerade noch im Dämmerlicht einen weissen Fleck. Das war das Paket. Ich hatte 500'000 Mark – und viel Angst. Ich sah mal am Bahnhof eine Zeitung mit meinem Phantombild. Das fühlt sich beschissen an. Und die Polizei kam zu uns in die Werkstatt. Sie zeigten einem Kollegen die Phantomzeichnung, ich kam zufällig vorbei, schaute ihm über die Schulter – und sah mein Bild. Da bin ich ganz schnell in den Lackraum.

Was wollten Sie mit dem Geld anstellen?
Wäre ich bei klarem Verstand gewesen, hätte ich es investiert. Eine Idee war ein Asia-Imbiss. Aber ich hatte wegen der Depressionen nicht die Kraft dazu.

 Es gab Hip-Hop-Lieder mit meiner Stimme von den Erpresseranrufen.

Sie durften keinem von der Erpressung erzählen, auch nicht Ihrer Frau. Ein Doppelleben wie ein Agent. Wie geht das?
Es ist merkwürdig, wie man sich gewöhnt, seine Handlungen zu checken, ob sie für die Polizei relevant sind. Na ja, ich hoffte, dass meine Gesundheit besser wird, aber sie wurde es nicht. Nach fünf Jahren ging das Geld aus. Da dachte ich, was einmal geklappt hat, sogar mit heisser Nadel, klappt wieder.

Die zweite Erpressung. Sie wollten 1,4 Millionen Mark von Karstadt. Diesmal gaben Sie sich den Namen Dagobert und wurden einer der bekanntesten Verbrecher der deutschen Geschichte.
Das war Zufall. Ich suchte einen Beutel für die Geldübergabe, den man aus der Ferne gut sieht. Und da sah ich im Kaufhaus einen leuchtenden Turnbeutel für Kinder. Da war Dagobert Duck drauf. Reiner Zufall. Ich sympathisiere viel mehr mit dem Erfinder Daniel Düsentrieb. Als Jugendlicher baute ich ein Fernrohr, ein Radio und Raketen. Wie einfach es war, mit 14 an Chemikalien zu kommen! Ich kaufte ein Kilo Schwefel, Salpeter, keiner fragte, wofür.

Im Juni 1992 erschien im Hamburger Abendblatt Ihre codierte Anzeige: «Onkel Dagobert grüsst seine Neffen.»
Ab da nannte mich die Polizei Dagobert.

Sie haben für die Geldübergaben die verrücktesten Sachen gebastelt, ein Schienenfahrzeug, ein selbststeuerndes U-Boot, eine propellergetriebene Insel. Aber keine der 30 Übergaben klappte, oder?
Einmal kam ich an ein Paket ran, da sah man oben zwei Tausender und unten zwei Tausender. Als ich das Paket öffnete, war nur Elektronik drin. Die 4000 Mark deckten nicht mal meine Kosten für die Geräte.

Die Polizei schnappte Sie fast.
Das war bei einer missglückten Übergabe. Ich lehnte das Fahrrad an einen Baum, natürlich nicht abgeschlossen. Die Pedale drehte ich auch so hin, dass man gleich losfahren kann. Dann kam plötzlich aus dem Hausflur gegenüber ein Polizist mit einer Pistole in der Hand, er schrie: Halt! Stehen bleiben, oder ich schiesse!

Und dann?
Ich bin auf das Fahrrad, er versuchte, die Kurve zu kriegen, und rutschte auf dem Rasen aus. Dann kam ein zweiter Polizist auf mich zugerannt. Ich wich ihm aus, er erwischte mich noch an der Schulter, aber ich war schon zu schnell. Die Polizisten sprangen ins Auto, um mir nachzujagen. Aber wegen des verkaufsoffenen Donnerstags waren zu viele Leute unterwegs, sie holten mich nicht ein. Ein paar Strassen weiter versteckte ich mich in einem Hausflur, stundenlang.

In einer ARD-Umfrage fanden damals mehr als 60 Prozent den Erpresser Dagobert sympathisch. Bekamen Sie das mit?
Natürlich. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, was da los war. Es gab Hip-Hop-Lieder mit meiner Stimme von den Erpresseranrufen. Leute mit T-Shirts, wo draufstand: «Ich bin Dagobert». Und Anwälte, die behaupteten, sie hätten Kontakt mit mir. Das war natürlich Quatsch.

Ich überlegte, wer mich verpfeift, um das Geld zu kassieren.

Ihre Erpressung hatte eine sehr ernste Seite: Um Ihre Forderung zu unterstreichen, liessen Sie fünf Bomben in die Luft gehen. Da hätten Menschen sterben können.
Ich habe es so konstruiert, dass nicht viel passieren konnte.

Das hatten Sie doch nicht unter Kontrolle.
Einen Sprengkörper zündete ich im Fahrstuhl des Kaufhauses. Die Polizei sah nachher, dass ich in der Nähe war und es beherrschen konnte. Ich machte es in der Abteilung Bettwäsche, als alles ruhig war und niemand in der Nähe. Von allen Explosionen blieb laut Anklageschrift nur einmal bei einer Verkäuferin vorübergehend leichtes Ohrensausen.

Sie haben Kunden und Mitarbeitern Angst gemacht. Schämten Sie sich dafür?
Ich hielt mich bei jeder Übergabe daran fest, dass es jetzt vorbei ist. Nie hätte ich geglaubt, dass es sich so lange hinzieht, 30 Übergaben! Dass es Verkäufer gab, die mit ungutem Gefühl zur Arbeit gingen, daran dachte ich damals nicht.

Und heute?
Ich sprach später mit den Verkäuferinnen, manche empfanden die Situation als bedrohlich, andere weniger. Es tut mir leid für die Menschen, die Angst hatten. Aber ich kann es nicht mehr rückgängig machen.

Machen Sie es sich nicht zu einfach, Ihre Taten auf Depressionen zurückzuführen? Sie haben sich für die Übergaben so viele Geräte ausgedacht, das klingt nach Innovation, nicht nach Depression.
Das täuscht. Mein Gutachter erwähnte vor Gericht zwei Insassen mit niedrigem IQ, die trotzdem aus der Psychiatrie ausbrachen. Wie? Sie hatten Zeit. Ich konnte mich zwei, drei Stunden am Tag konzentrieren. Ab mittags war ich durch den Wind.

Dachten Sie nie daran, sich zu stellen?
Doch. Gegen Ende hatte ich kein Geld mehr. Mein Auto war kaputt, ich konnte die Reparatur nicht mehr zahlen. Die Luft war raus. Es war eine Belohnung auf mich ausgesetzt. Ich überlegte, wer mich verpfeift, um das Geld zu kassieren.

Im April 1994 wurden Sie in einer Telefonzelle festgenommen. Sie sassen dann sechs Jahre im Gefängnis. Wie ist das?
Für mich war es ein bisschen wie Kloster. Ich war befreit vom Druck, Geld verdienen zu müssen. Ich fing an, Bücher zu lesen.

Wie lang dauerte es, um die Schäden der Chemikalien, die Depressionen zu überwinden?
Ich bekam zwei Jahre starke Antidepressiva, danach ging es mir besser. Der Neurologe sagte, die Ausfälle durch die Lösungsmittel werden weniger, aber es dauert mindestens zehn Jahre. Es hat circa 20 Jahre gedauert. Ein Rückstand ist geblieben.

Stimmt es, dass Sie im Knast kontaktiert wurden, um neue Dinger zu drehen?
Am Tag vor der Entlassung kam einer, der sagte, er sei von der kurdischen PKK. Ob ich mitmachen wolle. Ich lehnte ab. Keine Ahnung, ob der wirklich von der PKK war.

Überlegten Sie im Knast, was Sie draussen arbeiten können?
Ich hatte im Leben so viel gemacht, ich dachte, das wird schon. Dann kam der Eulenspiegel auf mich zu wegen Karikaturen.

Der Erpresser Dagobert spricht bei Männern eine gewisse Abenteuerlust an.

Nach Ihrer Entlassung im Jahr 2000 hiess es, Sie schuldeten den Kaufhauskonzernen fünf Millionen Mark Schadenersatz. Wie hoch sind Ihre Schulden heute?
Es gab Schadenersatzforderungen für Dinge, die kaputtgingen. Da darf man von seinem Einkommen nur einen gewissen Betrag behalten, der Rest geht weg. Als ich 2013 im RTL-Dschungelcamp war, hab' ich mich selber bei den Konzernen gemeldet, da erzielten wir eine Einigung, über die wir Stillschweigen vereinbarten.

Sie sollen 40'000 Euro bekommen haben, um für RTL in den Dschungel zu gehen. War es das wert?
Ich hatte meinen Spass dabei, ich war in Australien in einem Luxushotel. Ich kann nicht klagen.

Beim «Promi-Dinner» waren Sie auch, für ein paar Tausender. Machen Sie so was vor allem, weil Sie das Geld brauchen?
Klar macht man das auch für das Geld. Aber neugierig und abenteuerlustig war ich auch.

Anders als bei den Fernsehpromis hat Ihre Prominenz mit einer Straftat zu tun. Bekommen Sie da Vorwürfe? Wie kannst du das ausbeuten, so eine Tat?
Die TV-Anfragen, die ich wie etwa «Big Brother» ablehne, kommen nicht in die Nachrichten. Aber klar, den Vorwurf gibt es. Ich sagte der Produktionsfirma, kann man nicht in den Vordergrund rücken, dass ich Karikaturist bin? Die sagten: Nö.

Einerseits wollen Sie sich entfernen von Dagobert, andererseits haben Sie sich für Ihr Auto einmal das Kennzeichen B-DD geben lassen, für Dagobert Duck.
Das ergab sich bei der Zulassungsstelle. Ich fragte meine Frau. Ausserdem könnte das genauso gut die Abkürzung für Dummer Dödel sein.

Zu manchen der damaligen Ermittler haben Sie heute Kontakt. Wie muss man sich das vorstellen? Sie trinken ein Bier und reden über die alten Zeiten?
Wir unterhalten uns darüber, wie wir das jeweils erlebt haben. Mich beschäftigt auch, was freier Wille ist und was nicht.

Wollen Sie sagen, Sie haben damals nicht aus freiem Willen erpresst?
Wenn der Wille wirklich völlig frei wäre, würde niemand so etwas Dämliches machen. Wir haben alle unsere prägenden Einflüsse. Natürlich habe ich trotzdem die Verantwortung für das, was ich gemacht habe. Ich habe Schuld auf mich geladen.

Sie haben ein Buch über Ihre Taten geschrieben. Wir haben gelesen, die Lesungen waren in Ostdeutschland besonders gut besucht. Warum?
Na, einerseits lag das an meinem Engagement beim Eulenspiegel, der ursprünglich aus dem Osten kommt. Andererseits gibt es durch die DDR-Zeit ein Misstrauen gegen staatliche Organe, eine klammheimliche Freude, wenn es gegen den Staat geht. Ich habe aber noch was anderes beobachtet.

Was denn?
Unabhängig vom Ort war zu sehen: Der Erpresser Dagobert spricht bei Männern eine gewisse Abenteuerlust an. Bei Lesungen kamen manchmal gestandene Männer in Anzügen zu mir und sagten: Ich arbeitete bei einer Bank, wo immer viel Geld war. Ich hab auch mal daran gedacht, was einzustecken. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.06.2019, 18:43 Uhr

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