Interview

«Ich werde verhindern, dass dieser Mann freikommt»

Lucies Vater fühlt gegenüber dem Mörder seiner Tochter keinen Hass. Er ist aber schwer enttäuscht, dass das Gericht keine lebenslängliche Verwahrung ausgesprochen hat. Er hofft auf einen Weiterzug des Urteils.

«Er ist unbedeutend»: Roland und Nicole Trezzini, die Eltern der ermordeten Lucie Trezzini. (28. Februar 2012)

«Er ist unbedeutend»: Roland und Nicole Trezzini, die Eltern der ermordeten Lucie Trezzini. (28. Februar 2012) Bild: Keystone

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Sind Sie zufrieden mit dem Urteil?
Einerseits bin ich zufrieden damit, dass der Täter eine lebenslängliche Haftstrafe erhalten hat und auch verwahrt wird. Schwer enttäuscht bin ich, dass das Gericht keine lebenslängliche Verwahrung ausgesprochen hat. Meiner Meinung nach waren die Voraussetzung dafür gegeben.

Das Urteil überzeugt Sie nicht?
Für mich war die Argumentation des Staatsanwalts überzeugend, weshalb die Verwahrung lebenslänglich sein muss. Die Schweizer Bevölkerung hat im Übrigen genau wegen solcher Fälle der Verwahrungsinitiative zugestimmt. Wie dem auch sei: Solange ich lebe, werde ich zu verhindern versuchen, dass dieser Mann freikommt.

Sie würden einen Weiterzug des Urteils begrüssen?
Ja. Aber es liegt an der Staatsanwaltschaft, dies zu entscheiden.

Ihre Frau sagte, sie habe im Gerichtssaal dem Täter ins Gesicht geschaut. Haben Sie das auch?
Ich habe weder hin- noch weggeschaut. Er war da, irgendwo in der Umgebung. Aber er ist unwichtig. Er ist ein psychisch Kranker. Seine Worte, seine Ausreden, sie bedeuten mir nichts.

Spüren Sie keinen Hass?
Jemanden, der unbedeutend ist, kann man nicht hassen.

Was bedeutete der Prozess für Sie?
Es ist das Ende einer Etappe. Mit dem Urteil gibt es nun etwas Gerechtigkeit für Lucie, für ihre Nächsten. Es folgt aber eine weitere Etappe, denn wir erwarten immer noch, dass die Behörden ihre Fehler anerkennen, die sie im Umgang mit dem Täter begangen haben. Dafür braucht es einen zweiten Prozess gegen die dafür Verantwortlichen.

Sie haben sich vor dem Gerichtssaal den Kameras gestellt und Statements abgeben. Weshalb?
Als wir vor dem Prozessauftakt hier ankamen, war es schrecklich. Die Kameraleute stürzten sich auf uns. Aber es gibt auch Journalisten, die uns Raum liessen. Wir verfolgen zwei Ziele, seit wir Lucie verloren haben: Dass ein Entführungsalarm geschaffen wird – das ist erreicht. Und dass der Umgang mit gefährlichen Straftätern verbessert wird. Um unsere Anliegen zu kommunizieren, nehmen wir den Medienrummel in Kauf.

Sie haben die Verhandlung meist ruhig verfolgt. Was aber passierte im Kopf, im Herzen?
Ich habe versucht, mich zu kontrollieren. Ich bin von Natur aus kein Typ, der es liebt, Gefühle zu zeigen. Ich bin oft alleine traurig.

Vorgestern im Gerichtssaal konnten Sie aber nicht alles sagen, was Sie wollten, weil Sie weinen mussten. Was hätten Sie noch sagen wollen?
Vom Strafrechtlichen her hatte der Staatsanwalt alles gesagt, was gesagt sein musste. Ich wollte die Gefühle ausdrücken, die wir seit den Horrortagen erleben, als wir – fast ohne Unterstützung der Polizei – nach Lucie suchten. Ich wollte das Leid unserer Familie seither schildern.

Schildern Sie es jetzt.
Es ist ein tägliches Leiden. Wir müssen jeden Morgen damit kämpfen. Es gibt auch Freude im Leben. Aber es gibt diesen dauernden Schmerz, diese Absenz.

Wie wirkt sich dieser Schmerz auf Ihren Alltag aus?
Manchmal kann ich nicht arbeiten. Ich kann mich an meinen Aufgaben nicht freuen, oft auch nicht an eigentlich Erfreulichem. Ich muss an Lucies Tod denken, wenn zum Beispiel Kinder von Bekannten heiraten. Manchmal kann ich nicht schlafen, die Gefühle übermannen mich, ich weine. Für andere ist das manchmal schwierig zu ertragen.

Die Mutter der 1993 im Kanton Zürich ermordeten Pasquale Brumann hat diese Woche in einem TA-Interview gesagt, dass das Leid immer andauere.
Es gibt sicher verschiedene Phasen, aber der Schmerz ist immer da. Wir haben auch lebenslänglich.

Erstellt: 29.02.2012, 22:04 Uhr

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