«Im Kloster lernte ich, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten»

Ein weiterer ehemaliger Zögling des Kinderheims in Fischingen erzählt von Schlägen und sexuellem Missbrauch durch einen Priester. Das Kloster lehnt eine kollektive Aufarbeitung weiterhin ab.

Die Aufarbeitung sei schwierig und liege «nicht allein in unseren Händen»: Klosterdirektor Werner Ibig zu den Missbrauchvorwürfen.

Die Aufarbeitung sei schwierig und liege «nicht allein in unseren Händen»: Klosterdirektor Werner Ibig zu den Missbrauchvorwürfen. Bild: PD / Klosterfischingen.ch

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Walter Nowak will Fischingen nicht mehr besuchen. Nie wieder. Zehn Jahre, von 1962 bis 1972, war der gebürtige Österreicher in der Erziehungsanstalt des Thurgauer Klosters. In einem Bericht im «Tages-Anzeiger» erzählte er von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch einen Erzieher (TA vom 26. 6.). Der heutige Klosterdirektor Werner Ibig lud ihn daraufhin zu einem persönlichen Gespräch ein. Der Termin war schon vereinbart, doch vor einigen Tagen sagte Nowak schriftlich ab und schickte Ibig eine ausführliche Begründung: Er vermisse jegliches Schuldbewusstsein, so Nowak sinngemäss: Die Angaben der Opfer würden angezweifelt, der Datenschutz benutzt, um die Täter zu schützen.

Auf die Aufarbeitung der dunklen Geschichte des Kinderheims werde verzichtet. «Ihnen ist anscheinend nicht bewusst, wie viele als Folge des Erlebten kriminell geworden, in Alkohol- und Drogenexzessen abgestürzt sind», schreibt Nowak und schliesst den Brief mit der Hoffnung, «baldmöglichst von Ihnen zu hören, was Sie in meinem Fall zu tun gedenken».

Solche Fälle würden in persönlichen Gesprächen geregelt

Im TA erzählte der heute 55-jährige Nowak vom Regime des Paters S. (Name der Redaktion bekannt), der ihn und seine Mitschüler immer wieder geschlagen und sexuell missbraucht habe. Hinzu kamen grausame Strafen wie das Einsperren in einer Dunkelkammer oder das Knien auf scharfkantigen Linealen. Das Kinderheim wurde (und wird heute noch) vom privaten Verein St. Iddazell geführt, die Erzieher waren Benediktinermönche aus dem Kloster Engelberg.

Vor Erscheinen des Berichts konfrontierte der TA den Klosterdirektor mit Nowaks Vorwürfen. Ibig erklärte in einem Telefongespräch, dass solche Fälle in Fischingen in persönlichen Gesprächen geregelt würden. Eine Schuldanerkennung oder finanziellen Schadenersatz durch Verein oder Kloster schloss er aus. Die gründliche Aufarbeitung der Heimgeschichte sei nicht geplant.

«Stiefels» Griff an die Hoden

Nach dem Erscheinen des Artikels erhielt der TA zahlreiche Leserreaktionen, unter anderem von einem weiteren ehemaligen Zögling des Kinderheims, der Nowaks Aussagen aufgrund seiner eigenen Erfahrungen bestätigte. Er möchte nicht mit vollem Namen in der Zeitung genannt werden. P. war so wie Walter Nowak Ende der 60er-Jahre in Fischingen und lernte Pater S. unter dessen Übernamen «Stiefel» kennen. Der Pater sei dafür bekannt gewesen, dass er den Schülern gerne an die Hoden griff und sie verprügelte, wenn sie sich diesen Griffen entziehen wollten. Auch andere Lehrer hätten geprügelt, erzählt P., «aber Pater S. war der Schlimmste». In die Dunkelkammer sei er selbst nie gesperrt worden, sagt P., er habe sie aber öfters gesehen. «Das war ein ganz kleines Kämmerchen unter einer Treppe beim Keller.»

Nicht alle schlugen drein

P. sagt, er sei sich im Kinderheim als 15-Jähriger seiner physischen Stärke bewusst geworden und habe sie gezielt eingesetzt: Als ihm ein Lehrer einen Besenstil über Kopf und Rücken schlug, habe er diesen richtig verprügelt, «danach ging er mir aus dem Weg». P. bekam so im Kloster Fischingen eine Lehre mit auf seinen Lebensweg: «Ich lernte, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Nur so hatte ich meine Ruhe.»

Wie Nowak sagt auch P., dass nicht alle Priester in Fischingen gewalttätig gewesen seien. Pater B., zum Beispiel, wird von allen als herzensguter Mensch beschrieben. Aber B. und die anderen hätten von den Gewaltexzessen gewusst und nichts dagegen getan. Und so wie Nowak erzählt P. von der Weigerung seiner Umwelt, die Vorgänge in Fischingen zur Kenntnis zu nehmen. Nur einmal habe er versucht, dem Pfarrer seiner Heimatgemeinde von seinen Erlebnissen im Kloster zu erzählen: «Der wollte nichts davon wissen.» Erst jetzt, nach dem Bericht im TA, habe er zum ersten Mal mit seinen Geschwistern darüber reden können.

Fachgremium der Bischofskonferenz schweigt

Nachdem Nowak seinen Brief an Ibig geschickt hatte, bat der TA den Klosterdirektor noch einmal um ein Telefongespräch. Er wollte nur per Mail antworten. Die kollektive Aufarbeitung, schreibt Ibig, sei schwierig und liege «nicht allein in unseren Händen». Seit einigen Jahren arbeite der Verein mit Unterstützung des Staatsarchivs sein Archivmaterial auf, «dass es für allfällige wissenschaftliche Bearbeitungen zugänglicher ist». Für die individuelle Aufarbeitung habe man Wege gefunden, «und wir werden sie auch in Zukunft finden und gehen».

Ein erstes persönliches Gespräch könne in Fischingen oder einem anderen Ort geführt werden, schreibt Ibig. Darüber werde Protokoll geführt, dann würden weitere Schritte gemeinsam geplant. Über finanziellen Schadenersatz schreibt Ibig nichts. Der TA bat auch den Vertreter des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe in der Seelsorge» der Schweizer Bischofskonferenz um ein Gespräch, erhielt jedoch keine Antwort.

Anwalt sieht Chance für Klage

Eine breite öffentliche Diskussion über den Missbrauch in der Kirche will jetzt das «Netzwerk Verdingt» anstossen, eine Schweizer Organisation, welche die Geschichte der Verding- und Heimkinder aufarbeitet. Dabei werde man immer wieder mit Missbrauchsfällen konfrontiert, sagt Vereinspräsident Walter Zwahlen, denn «viele Kinder waren in Heimen, die von Priester oder Nonnen geführt wurden». Bei der katholischen Kirche sieht Zwahlen keine Bereitschaft, über das Thema zu reden: «Die Kirche mauert, da wird nichts ohne Druck von aussen passieren.»

Auch Walter Nowak sagt, dass er Unterstützung von anderen suche, «ich möchte nicht mehr alleine gehen». Der Zürcher Rechtsanwalt Philip Stolkin glaubt, dass Nowak auf dem Rechtsweg zu Schadenersatz kommen könnte. Nicht in der Schweiz, hier würden die Gerichte den Fall vermutlich als verjährt ablehnen. Er sieht aber Chancen, den Fall bis vor den Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg bringen zu können. «Ein Spaziergang würde das nicht», sagt Stolkin, «aber einen Versuch wäre es wert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2012, 11:54 Uhr

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