Demonstranten stürzen Rom ins Chaos

Auf der ganzen Welt gingen Zehntausende gegen die Macht der Banken auf die Strassen. In Italiens Hauptstadt kam es zu heftigen Ausschreitungen. Dabei wurden rund 70 Menschen verletzt.

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In aller Welt haben am Samstag zahlreiche Menschen gegen die Auswüchse des Finanzmarktes demonstriert. Die Beteiligung an der Aktion in 1000 Städten war sehr unterschiedlich. In Rom folgten laut Medien mindestens 150'000 Menschen dem weltweiten Aufruf zum Protest der «Empörten». In London waren es mehrere Tausend Demonstranten, in Oslo nur ein paar Hundert. In der Schweiz beteiligten sich insgesamt 1500 Personen in mehreren Städten.

Unter dem Motto «People of Europe, rise up!» (Völker Europas, steht auf) verlief der Demonstrationszug durch Rom. Am Rande der Grosskundgebung kam es zu Ausschreitungen. Eine Gruppe Vermummter zündete mehrere Autos an, deren Benzintanks explodierten.

Sprengsätze im Verteidigungsministerium

Mehrere Räume des Verteidigungsministeriums wurden laut Medien durch Sprengsätze und Rauchbomben beschädigt. Zudem drang eine Gruppe Vermummter in eine der abgesperrten archäologischen Stätten in der Nähe des Kolosseums ein.

Die friedlichen Demonstranten versuchten zeitweise, die Gewalttätigen zu isolieren. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen die Autonomen vor. Bis zum Abend lieferte sich die Gruppe der Vermummten Strassenschlachten mit der Polizei. Mindestens 70 Menschen wurden verletzt, darunter 30 Polizisten. Drei Menschen seien schwer verletzt, meldete Ansa aus der italienischen Hauptstadt. 25 Verletzte wurden in einem provisorischen Lazarett in der Nähe der Lateranbasilika behandelt, wo es die meisten Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei gegeben hatte. 45 weitere seien in Krankenhäuser in Rom eingeliefert worden.

Nach dem Sieg des umstrittenen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bei einer Vertrauensabstimmung am Freitag hatte die Polizei mit Zwischenfällen gerechnet.

Der von der spanischen Protestbewegung der «Empörten» und der US- Bewegung «Occupy Wall Street» inspirierte Aktionstag richtete sich gegen die negativen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Bevölkerung sowie gegen die Macht der Banken.

Assange-Rede in London

In London versammelten sich Tausende Finanzmarktkritiker an der Saint Paul's-Kathedrale und der Börse. Die Demonstranten skandierten «Die Strassen gehören uns!» und «Wir sind die 99 Prozent» - als Ausdruck, dass ein Prozent der Bevölkerung zu Lasten der 99 restlichen Prozent reich geworden sei. Die Aktion «Besetzt die Londoner Börse» (»Occupy London Stock Exchange») wurde von einem Zusammenschluss von Organisationen veranstaltet wie UK Uncut oder OccupyLSX.

«Warum zahlen wir für eine Krise, die die Banken verursacht haben? Banker fahren weiterhin Milliardengewinne ein und genehmigen sich enorme Boni, nachdem wir sie mit 850 Milliarden Pfund gerettet haben», kritisierte die OccupyLSX-Unterstützerin Laura Taylor. Die Polizei riegelte den Platz vor der Börse ab. Wikileaks-Gründer Julian Assange sprach vor der St. Paul's Kathedrale zu den rund 500 Demonstranten. «Das Bankensystem in London ist der Empfänger von korruptem Geld», sagte er. Ausserdem kündigte er an, Wikileaks werde in den kommenden Monaten eine Kampagne gegen Finanzinstitute starten. Assange ist unter Auflagen auf Kaution frei, solange noch nicht über seine Auslieferung nach Schweden entschieden ist, wo er sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen verantworten soll.

New York, Washington und Toronto

Tausende Menschen haben sich auch in den USA erneut an Protesten gegen die Macht der Finanzwelt beteiligt. In New York, wo die Proteste unter dem Motto «Besetzt die Wall Street» begonnen hatten, demonstrierten mehrere tausend Menschen im Finanzdistrikt. Umringt von einem starken Polizeiaufgebot führten Demonstranten erneut Plakate mit Aufschriften wie «Wir sind die 99 Prozent» und «Wir sind das Volk» mit.

Die Organisatoren der «Besetzt die Wall Street»-Bewegung forderten Teilnehmer auf, im Rahmen des Protestes demonstrativ ihre Konten bei der Chase-Bank zu schliessen. Damit sollten sie dagegen protestierten, dass das Institut tausende Mitarbeiter entliess, nachdem es durch Milliarden vom Staat in der Finanzkrise gestürzt worden war.

Auch in der Hauptstadt Washington gingen tausende Menschen gegen die «Raffgier» des Finanzsektors, für Beschäftigung und Gerechtigkeit auf die Strasse. Über 300 Mitglieder der Bewegung «Besetzt DC» – also den Hauptstadtbezirk – versammelten sich am Vormittag zunächst vor dem Weissen Haus und dem Finanzministerium, um gegen die «Finanzmafia» zu demonstrieren. Sie schlossen sich darauf einer Demonstration mit zwei- bis dreitausend Teilnehmern an, zu der rund 20 Organisationen und Verbände aufgerufen hatten.

Hunderte Demonstranten haben sich auch im Herzen des Finanzdistrikts von Toronto zu Protesten gegen die Macht der Banken und die Gier der Grosskonzerne zusammengefunden. Die Teilnehmer versammelten sich vor der Börse und den Zentralen einiger der grössten Bankhäuser Kanadas, um gegen die ihrer Ansicht nach von der Regierung beförderte Bereicherung weniger auf Kosten vieler zu protestieren. Die Demonstranten in Toronto kündigten an, im St. James Park im Osten der Innenstadt ihre Zelte aufzuschlagen. Auch in anderen kanadischen Städten waren Kundgebungen geplant.

40'000 Aktivisten in Deutschland

Ein Hauch «Occupy Wall Street» wehte auch durch Deutschland: In Berlin beteiligten sich bis zu 10'000 Menschen an den Protesten. In der Bankenmetropole Frankfurt am Main kamen laut Polizei 5000 Menschen zu einer Protestkundgebung bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie machten ihrem Unmut mit Plakat-Parolen wie «Ihr verzockt unsere Zukunft» und «Schranken für Banken» Luft.

Insgesamt folgten in Deutschland nach Angaben der Mitorganisatoren von Attac mehr als 40'000 Kapitalismuskritiker in etwa 50 Städten dem Aufruf zum Protest.

In Schwedens Hauptstadt Stockholm beteiligten sich etwa tausend Demonstranten an den Protestaktionen. In Brüssel protestierten 6000 Kapitalismuskritiker. Darunter waren auch Aktivisten der spanischen Bewegung der «Indignados» (Deutsch: Empörten), die zu Fuss von Madrid nach Brüssel gekommen waren. In Paris dagegen folgten nur 200 Menschen dem Aufruf zum Protest.

Auch in Slowenien, Bulgarien und weiteren EU-Staaten versammelten sich Globalisierungskritiker. Ähnliche Proteste gab es in Manila, Hongkong und anderen Städten. (kpn, jak/sda)

Erstellt: 15.10.2011, 23:49 Uhr

In mehreren Ländern folgten Zehntausende dem Aufruf, gegen die Banken zu demonstrieren. (Video: Reuters)

Attac erfreut über Proteste

Der Mitbegründer des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, Sven Giegold, sieht in den weltweiten Protesten gegen die Macht der Finanzwelt den Beginn eines globalen Umdenkens. «Es wird jetzt deutlich, dass es ein Gerechtigkeitsdefizit gibt, dass immer wieder Banken gerettet wurden, aber gleichzeitig eine faire Lastenverteilung in dieser Krise völlig ausgeblieben ist», sagte der Grünen-Abgeordnete im EU-Parlament am Samstag in der Nachrichtensendung «MDR aktuell».

Darauf werde die Politik reagieren müssen. Giegold forderte, die Banken auf ein solides Kapitalfundament zu stellen. Bisher seien den Banken Garantien und Darlehen gegeben worden. In künftigen Fällen müsse der Staat Stammaktien übernehmen und so echte Mitspracherechte erhalten. So könnten die Banken gezwungen werden, sich zum Beispiel aus Steueroasen zurückzuziehen, mit exzessiven Boni und Gehältern aufzuhören und bei der Kreditvergabe soziale Aspekte zu berücksichtigen.

Attac spricht von Erfolg

Attac hat den internationalen Aktionstag gegen die Macht der Grossbanken als Erfolg gewertet. «Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da. In mehr als 900 Städten in 82 Ländern rund um den Globus haben Menschen heute ihre Wut über die Macht der entfesselten Finanzmärkte auf die Strasse getragen und echte Demokratie eingefordert», teilte Attac am Samstag in Frankfurt am Main mit. (dapd)

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