In den Händen des Sadisten

Zehn Jahre verbrachte Walter Nowak im Kinderheim des Thurgauer Klosters Fischingen. Er erzählt von Folter und Missbrauch. Obwohl ein Fachgremium seine Schilderungen als glaubwürdig einstufte, verweigert ihm das Kloster eine Entschädigung.

In dieser Institution sollen die Missbräuche stattgefunden haben: Das Kloster Fischingen im Thurgau.

In dieser Institution sollen die Missbräuche stattgefunden haben: Das Kloster Fischingen im Thurgau. Bild: PD / Klosterfischingen.ch

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Jetzt, nach 40 Jahren, kommt sogar die Geschichte mit den Kaninchen zurück. In letzter Zeit träumt Walter Nowak wieder von der Panik in den Augen der kleinen Tiere, kurz vor ihrem qualvollen Tod. Anfang der Siebzigerjahre musste sich Nowak mit seinen Mitschülern jeden Montagmorgen im Kloster Fischingen vor dem Terrarium mit Riesenschlangen aufstellen. Dann warf Pater S. ein weisses Kaninchen in den Glasbehälter. Ganz langsam zerdrückten die Reptilien ihre Beute. Die verängstigten Schüler mussten zusehen, niemand durfte sich abwenden. Und als das Tier gefressen wurde, erinnert sich Nowak, «sah ich in den Augen des Priesters Freude und Lust. Wie bei einem Orgasmus.»

Von 1962 bis 1972 lebte Nowak im Kinderheim des Thurgauer Klosters und besuchte dort die Schule. Als er ins Heim kam, galt er als sozial geschädigt. Als er es wieder verliess, war er ein gebrochener Mensch. Immer wieder sei er in diesen zehn Jahren von Pater S. (Name der Redaktion bekannt) geschlagen und sexuell missbraucht worden, erzählt Nowak. So wie der Priester Freude am Quälen von Tieren zeigte, so genussvoll habe er auch seine Schüler malträtiert. Viele Mitschüler seien daran zerbrochen. Als Nowak mit 26 Jahren ein Treffen mit den ehemaligen Klassenkollegen arrangieren wollte, fand er von insgesamt 25 nur acht, «die anderen waren im Gefängnis, in der Psychiatrie oder hatten sich umgebracht».

Bis es blutet

Walter «Walo» Nowak ist der Sohn österreichischer Eltern, die in der Schweiz arbeiteten. Er wuchs in Zollikofen auf und beschreibt seine Kindheit als trist. Der Vater kümmerte sich mehr um sein Hotel als um den Sohn, die Mutter trank und machte das Kind für ihre Scheidung verantwortlich. Dann steckte sie den Sechsjährigen ins Benediktinerkloster Fischingen. Zu jener Zeit gab es dort keinen Klosterbetrieb, das Gebäude gehörte (und gehört heute noch) dem privaten Verein St. Iddazell, der das Heim für sozial geschädigte Kinder führte.

Die Lehrer und Aufseher waren Mönche aus dem Kloster Engelberg. Der derzeitige Abt von Engelberg, Christian Meyer, will zu den Anschuldigungen nichts sagen und verweist auf das Kloster Fischingen: Dieses sei für den Fall zuständig. Ausserdem würden dort alle Akten lagern. Das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe in der Seelsorge» der Schweizer Bischofskonferenz will sich an seiner nächsten Sitzung mit der Angelegenheit befassen. Allerdings gebe es noch keine Regelung für Entschädigungen oder Zuspruch für die ganze Schweiz, sagt der Sprecher des Gremiums, Joseph M. Bonnemain.

«Die Narben habe ich heute noch»

Nowak beschreibt Pater S. als «Folterknecht und Sadisten». Beim gemeinsamen Duschen habe der Pater den Wasserschlauch genommen und den Kindern auf das nackte Gesäss geschlagen oder ihnen das Schlauchende in den After gesteckt. Oft habe er mit der Hand ihre Geschlechtsteile genommen und so fest zugedrückt, bis die Kinder vor Schmerzen schrien. Im Sommer mussten sie den Rosengarten des Klosters pflegen, und der Pater habe sie mit den Unterarmen in die Dornen gedrückt, bis sie bluteten. Im Winter mussten sie als Strafe nackt im Klosterhof auf und ab marschieren. Einmal habe Nowak im Speisesaal sein eigenes Erbrochenes essen müssen.

Schläge gehörten laut Nowak zum Alltag im Heim - auf den Kopf und die Handrücken, mit einem Stock, einem Gürtel oder einem Schlüsselbund. Als verschärfte Strafe habe er einmal eine Nacht lang auf einem Vierkantlineal knien müssen: «Danach war ich wund bis auf den Knochen, die Narben habe ich heute noch.» Als besonders gefürchtet beschreibt Nowak die «Dunkelkammer»: eine winzige Kammer ohne Fenster, mit einem Stuhl, einer Pritsche, einem Eimer für die Notdurft, sonst nichts. Dort sei er mehrmals eingesperrt worden, einmal sogar zehn Tage lang.

«Der Polizist schrie mich nur an»

In der Nacht sei der Pater vor ihrem Zimmer auf und ab marschiert. Die Schritte könne er heute noch hören, sagt Nowak: «Wir alle lauschten. Und wenn sie vor unserem Zimmer aufhörten, wussten wir: Jetzt kommt er und nimmt sich einen von uns.» Flucht sei fast unmöglich gewesen, nur der Turnsaal hatte Fenster nach aussen, aber darunter waren Glasscherben in den Boden gesteckt. Nowak versuchte es dennoch, schaffte es bis zur Strasse - und stieg beim Autostopp ausgerechnet in den Wagen eines Priesters. Einen zweiten Fluchtversuch wagte er nicht. Einmal habe er bei einem anderen Pater Hilfe gesucht. Dieser glaubte ihm die Geschichten der Misshandlungen, unternahm aber nichts.

Nach seiner Entlassung 1972 schlief er im Bahnhof Bern, wurde von der Polizei aufgegriffen und wollte dort von der Gewalt im Klosterheim erzählen, «aber der Polizist schrie mich nur an, ich solle keine Lügen erzählen».

Keine Aufarbeitung geplant

1976 wurde das Klosterheim zu einem «Sonderschulheim» umgebaut. «Das war eine deutliche Wende», sagt Klosterdirektor Werner Ibig im Telefongespräch mit dem TA: «Heute haben wir keine Geistlichen mehr als Lehrer.» Die «Förderschule Fischingen» wirbt mit «differenziertem sonderpädagogischem Angebot» für Schüler mit Lernblockaden, Verhaltensauffälligkeit oder leichter geistiger Behinderung. Wäre es nicht Zeit für eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte des Kinderheims? «Das haben wir bisher nicht gemacht, und der Vereinsvorstand hat entschieden, es weiterhin nicht zu machen», sagt Ibig.

Dabei ist Nowak nicht der Erste, der von Gewalt und Misshandlung in Fischingen erzählt. Bei Klosterdirektor Ibig meldeten sich bisher sechs Missbrauchsopfer. Ibig lud sie zum Gespräch ein, hörte ihnen zu. Finanziellen Schadenersatz schliesst er jedoch aus: «Wenn wir Geld anbieten, ist das letztlich juristisch so etwas wie eine Schuldanerkennung.» Konkret zu den Vorwürfen Nowaks will Ibig nicht Stellung nehmen, denn das verbiete der Datenschutz.

Lebt Pater S. noch im Thurgau?

Walter Nowak machte nach seiner Entlassung aus Fischingen eine Lehre, fand Arbeit als Programmierer, gründete eine Familie. Daneben riskierte er sein Leben im Sport: Vollkontakt-Karate, Wildwasser-Kanu, Extrem-Skifahren - nichts konnte gefährlich genug sein. «Das Kloster hat mein Selbstwertgefühl zerstört», sagt Nowak, «und das war meine Antwort.» Bei einem Skiunfall brach er sich den Rücken und ist seither zu 80 Prozent invalid. Heute lebt er im Vorarlberger Bludenz, wo er eine Selbsthilfegruppe missbrauchter Männer gegründet hat. Unterstützung bekommt er von der österreichischen «Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt». Deren Sprecher Sepp Rothwangl bedauert, dass es im Nachbarland noch keine Selbsthilfegruppen gebe: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Schweiz nicht mehr Betroffene gibt. Denn die Vorgänge in den kirchlichen Heimen waren systemisch.»

Als die Missbrauchsfälle in Irland und den USA bekannt wurden, erwachte in Nowak die Erinnerung an die eigene Kindheit. 2010 erstattete er Anzeige bei der Vorarlberger Polizei. Warum nicht in der Schweiz? «Ich dachte, die katholische Kirche sei eine Weltkirche. Und in der Schweiz hiess es: Sie sind Österreicher, das geht uns nichts an.» Nowak hat seither auch Informationen erhalten, dass Pater S. noch immer im Thurgau lebt. Klosterdirektor Ibig will das weder bestätigen noch dementieren.

In der Schweiz sei kein Brief eingetroffen

In Österreich gibt es seit 2010 für die Opfer kirchlichen Missbrauchs eine Opferschutzanwaltschaft unter Leitung der ehemaligen Landespolitikerin Waltraud Klasnic. Sie erhielt auch die Anzeige aus Vorarlberg und schickte, nach langem Zögern, Nowak zu einem Psychologen, der als «Clearingstelle» den Wahrheitsgehalt der Geschichte beurteilen sollte. Nach 15 Sitzungen («Das war für mich eine Tortur», sagt Nowak) war das Urteil eindeutig: «Diesem Betroffenen ist wirklich Schlimmes zugestossen», sagt Kommissionssprecher Herwig Hösele, «bei uns wäre er therapeutisch behandelt und finanziell entschädigt worden.» Wäre - denn weil Nowak nicht in einer österreichischen Diözese, sondern in der Schweiz misshandelt wurde, lehnte die Klasnic-Kommission jegliche Hilfe ab.

Klasnic habe Anfang Mai brieflich den Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, Erwin Tanner, gebeten, sich des Falls Nowak anzunehmen, sagt ihr Sprecher Hösele. Tanner lässt dem TA jedoch ausrichten, dass er keinen Brief erhalten habe.

«Da dreht man langsam durch»

Nowak fühlt sich herumgestossen, gedemütigt und vor allem: alleingelassen. «Man wird nur angelogen, bekommt keine Auskunft, keine Entschuldigung, sondern wird als Querulant dargestellt. Da dreht man langsam durch.» Als er seinen Fall zur Anzeige brachte, sei er noch Idealist gewesen, sagt Nowak, «ich dachte, ich könne in der Kirche etwas verändern. Aber jetzt will ich nur mehr finanzielle Entschädigung.» Nowak soll in den kommenden Tagen Direktor Ibig zu einem Gespräch treffen. Auf neutralem Boden. Das Kloster Fischingen will er nie wieder betreten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2012, 11:20 Uhr

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