Invasion der Tausendfüssler in Seedorf

Sobald es dunkel wird, fallen Millionen Tausendfüssler über ein Quartier in der Berner Gemeinde Seedorf her. Der Grund der Invasion ist unbekannt. Ein Ende der Plage ist nicht in Sicht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Seit fünf Jahren kämpfen wir jeden Herbst gegen die Invasion der widerlichen Kriecher», erzählt ein Hausbesitzer in einem von Tausendfüsslern befallenen Quartier in Seedorf. Anfänglich sei es noch eine überschaubare Menge gewesen, «doch Jahr für Jahr sind es mehr geworden». Anfangs war nur ein Quartier von der Plage betroffen, aber mittlerweile breiten sich die Tiere über die ganze Gemeinde aus.

Dass die Tausendfüssler durch kleinste Ritzen auch ins Haus gelangen können, zeigt der Besitzer einer Harley-Garage in Seedorf. Trotz der geschlossenen Türen hätten sie einen Weg in die Ausstellungshalle gefunden. Im weiter oben liegenden Quartier kämpfen die Bewohner mit Schaufeln und Besen gegen schwarze Wände und füllen ganze Kessel mit den Tausendfüsslern. Rund um die betroffenen Häuser sind die Strassen mit den schimmernden Tierchen bedeckt – es knackt unter den Schuhsohlen, als würde man auf Pommes Chips treten.

Fürchterlicher Gestank

Die «Füsser» sehen nicht nur eklig aus – sie stinken auch fürchterlich. Schuld daran sind ihre Wehrdrüsen. In Gefahrensituationen sondern sie Benzochinon ab – ein giftiger Stoff, der wie verbranntes Plastik riecht. Dieses Blausäuresekret ist auch ein Grund dafür, dass die Tiere fast keine natürlichen Feinde haben, erklären Fachleute. Und weil sie als Nützlinge gelten, hat sich die Wissenschaft noch nicht näher mit ihrer Vernichtung befasst.

«Ob Nützlinge oder nicht, mir reicht es vollkommen, ich bin mit meinen Nerven am Ende», sagt ein betroffener Seedorfer. Die jährliche Plage nehme ein immer grösseres Ausmass an. Er gehe rigoros mit einem Bunsenbrenner gegen die «Viecher» vor.

Die Seedorfer Gemeindeverwaltung schaut der ganzen Sache nicht einfach tatenlos zu. Gemeindepräsident Hans-Peter Heimberg: «Zurzeit werden Listen von den betroffenen Gebieten erstellt; dazu geben wir gratis Salz ab, damit die Plage ein wenig eingedämmt werden kann.»

Erleichterung durch Bauten?

Ausserdem habe er sich an die Bodenschutzfachstelle, eine Unterstelle der Pflanzenschutzberatung des Kantons Bern, gewandt. Noch warte er auf Antworten, was man gegen die Plage unternehmen könne. Bis dahin sind die Seedorfer Hausbesitzer auf sich selber angewiesen.

Sie diskutieren über eventuelle bauliche Veränderungen rund um ihre Häuser. Von Kanälen, Sickerleitungen oder Zäunchen, die mit Klebeband eingefasst werden, wird gesprochen. Doch momentan können alle nur auf einen Kälteeinbruch hoffen: Dann ist die Invasion der Tausendfüssler für eine längere Zeit vorbei. (Bieler Tagblatt)

Erstellt: 11.10.2012, 08:22 Uhr

Experten stehen vor Rätsel

Tausendfüssler fressen verrottendes Pflanzenmaterial und produzieren so Humus. Damit sorgen die Tiere für ein optimales Klima im Boden und sind für das Funktionieren des Ökosystems unersetzbar. Biologisch gelten sie deshalb als Nützlinge – weshalb Experten auch (noch) kein Mittel gegen Tausendfüsslerplagen bereit haben. Denn nicht nur die Seedorfer leiden unter den stinkenden Tieren (siehe Haupttext): Auch mehrere Bündner Gemeinden kämpfen gegen die Plage, weitere Fälle sind aus den Kantonen St.Gallen und Schaffhausen bekannt, wie das Schweizer Fernsehen vor einem Jahr in einer Sendung zum Thema berichtete. Niemand scheint erklären zu können, warum die Tausendfüssler in solchen Massen auftreten. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um eine Konstellation von Nahrungsangebot und klimatischen Bedingungen handelt, die die Fortpflanzung des «Schnurfüssers», wie der Plagegeist heisst, fördert.
Bunsenbrenner, Klebeband, Insektizide, Salz: Betroffene haben schon alles versucht, um gegen die Tiere vorzugehen. Zwecklos. Nun sind Lösungen aus der Fachwelt gefragt.

Artikel zum Thema

Spinnen so gross wie Teller und Tausendfüssler, die Blausäure herstellen

Über 1000 neue Tier- und Pflanzenarten haben Forscher in den letzten zehn Jahren in der südasiatischen Mekong-Region entdeckt. Mehr...

Weiblich, blutrünstig und scharf auf Verschwitzte

Zürich droht eine Bremsen-Plage. Die Bedingungen für die lästigen Insekten könnten nicht besser sein. Gestochen werden vor allem jene, die stark schwitzen. Mehr...

Wie man Schädlinge sanft bekämpft

Wenn im Frühling die Obstbäume blühen, kommen auch die Schädlinge langsam auf Touren. Um sie wieder loszuwerden, geben Forscher in Wädenswil Empfehlungen zur umweltschonenden Bekämpfung. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...