«Jede Sekunde hatte ich Angst um mein Leben»

Sie wurde unter Drogen gesetzt, entführt und als Sexsklavin im Darknet angeboten. Jetzt hat sich das britische Model Chloe Ayling erstmals zu Wort gemeldet.

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Das britische Model Chloe Ayling hat sich nach ihrer mutmasslichen Entführung in Mailand erstmals zum Vorfall geäussert. «Ich habe um mein Leben gefürchtet, jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde», erzählt das Model vor ihrem Zuhause im Süden Londons der «Daily Mail». «Den britischen und italienischen Behörden bin ich unglaublich dankbar für alles, was sie für meine Sicherheit getan haben. Ich bin nach vier Wochen gerade erst zu Hause angekommen und hatte noch keine Zeit, meine Gedanken zu ordnen.»

Am 10. Juli soll die 20-Jährige von L. H., einem in Grossbritannien wohnhaften Polen, entführt worden sein. Sie sei nach Mailand gekommen und unter dem Vorwand eines Fotoshootings zu einem Haus geführt worden, so die Polizei. Dort sei sie von zwei Männern überwältigt worden. Der Geständige habe sie zudem im Darknet als Sexsklavin zum Kauf angeboten. Zugleich sei versucht worden, vom Agenten des Models ein Lösegeld von 300'000 Dollar zu erpressen.

Injektion in den Arm

«Eine Person mit schwarzen Handschuhen kam von hinten, legte eine Hand auf meinen Nacken und die andere über meinen Mund, damit ich nicht schreien kann», beschreibt die 20-Jährige in ihrer Aussage gegenüber der Polizei. «Eine zweite Person mit Sturmmaske gab mir eine Injektion in meinen rechten Arm. Ich glaube, ich verlor das Bewusstsein.» Gemäss ersten Ermittlungen der Polizei wurde sie mit Ketamin betäubt.

Als sie aufwachte, habe sie gemerkt, dass sie sich in einem Kofferaum eines Autos befände. Die Männer fuhren mit ihr in die Nähe von Turin. «Ich bin in einer Tasche aufgewacht, mit Handschellen um Hand- und Fussgelenke und Klebeband über dem Mund. Ich konnte nur durch ein kleines Loch atmen.»

Sie habe so laut geschrien, dass ihre Entführer dreimal anhalten mussten. Im Haus seien ihre Füsse und Hände an eine Kommode gefesselt gewesen. «Ich musste in einem Schlafsack auf dem Boden schlafen.»

Die Entführer liessen das Model nach sechs Tagen frei. Der 30-jährige H. begleitete sie gar zum britischen Konsulat in Mailand, wo er verhaftet wurde. Bei seiner Festnahme hatte er ein Pamphlet von «Black Death» dabei.

Entführer liessen sie mit Abschiedsbrief frei

Die Gruppe «Black Death», die hinter der Entführung stecken soll, liess Ayling am 17. Juli mit einem Schreiben frei, dass die «Daily Mail» veröffentlichte. Es sei der Grosszügigkeit von «Black Death» zu danken, dass sie frei gelassen wurde. Zudem hätte sich ein Mitglied für sie eingesetzt. Man habe erfahren, dass sie eine junge Mutter sei und dies verstosse gegen die «Gang-Regeln».

Ausserdem wird im Schreiben betont, dass es nie zu Ermittlungen kommen und sie sich niemals schlecht über ihre Entführer äussern darf. Zudem soll sie die mit den Entführern vorbesprochene Informationen an die Medien weiterleiten. Dies werde überprüft, ausserdem soll Ayling ihnen innerhalb eines Monats 50'000 Dollar in Bitcoins überweisen. Sollte sie sich nicht an die Anweisungen halten, resultiere dies in ihrer «Elimination».

Offenbar sollte die Frau im Darknet versteigert werden. In der mutmasslichen «Werbung» für Ayling steht laut britischen Medienberichten geschrieben: «Mädchen werden weltweit versendet. Ein Versand innerhalb der EU ist gratis, die Lieferdauer ist allerdings von der aktuellen Position und dem Zielort abhängig.» Ausserdem steht darin, dass Aylings Auktion auf den 16. Juli angesetzt war.

Aylings Anwalt, Francesco Pesce, sagte gegenüber dem «Guardian», dass die Polizei mutmassliche Komplizen noch nicht ausfindig machen konnte. «Ich hoffe, dass diese schnell gefunden werden, da diese Sache auch für andere Frauen gefährlich werden könnte. Einzig unklar ist noch, wieso der Entführer mit ihr zum Konsulat gegangen ist.» Die italienischen Behörden haben mitgeteilt, dass sie eng mit Grossbritannien und Polen zusammen arbeiten.

Es sei nicht das erste Mal, dass das Model um sein Leben fürchten musste, so die «Daily Mail». Sie hielt sich für ein Photoshoot in Paris auf und war auf den Champs-Elysées, als ein Terrorist das Feuer eröffnete und einen Polizisten tötete.

Gegenüber der Modelagentur

Samuele Cammilleri lebt in der Gegend, wo das Model festgehalten worden sein soll. Vor zwei Wochen betrat die Polizei das Gebäude, das Cammilleri als seit Jahren leerstehend vermutete. Die Gegend sei zudem sehr ruhig. «Es ist sehr komisch, dass sie diesen Ort genutzt haben, unter der Woche hat es hier viele Leute», so der Anwohner zur Zeitung.

Gegenüber dem Gebäude, in dem Ayling festgehalten wurde, soll sich eine Modelagentur befinden. «Wir sehen jeden Tag viele Models, um ein Uhr Nachmittags sind jeweils die Castings. Die beiden Häuser haben denselben Besitzer, aber ich glaube sonst gibt eskeine Verbindung.» Keiner der Anwohner, mit denen «Daily Mail» sprach, habe jemals eine Person das Gebäude betreten gesehen.

Ende Juli führte die britische Polizei eine Razzia im Haus von H. in den West Midlands durch. Ein Nachbar, der nicht genannt werden möchte, erzählt der Zeitung: «Er war selten zu Hause, er lebte wohl allein. Vor zwei Wochen kam die Polizei, um halb drei Uhr morgens trat sie seine Tür ein. Es war sehr laut, ich hatte keine Ahnung, was da passierte. Ich war total schockiert, als ich von seiner Verhaftung hörte.»

Man weiss nur wenig über «Black Death». Die kriminelle Organisation soll seit 1994 ihr Unwesen auf dem Internet treiben und vor allem über das Darknet mit Drogen, Waffen sowie Menschen handeln. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Gruppe echt ist. (sep)

Erstellt: 06.08.2017, 22:26 Uhr

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