«Jeder kann sich Schönheitschirurg nennen»

In Deutschland starb eine 23-Jährige nach ihrer sechsten Brust-OP. Solche Fälle kommen zwar nicht häufig vor, dennoch herrschen in der Schönheitschirurgie grosse Missstände, sagt Chirurg Christophe Christ.

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Herr Christ, in Deutschland ist die 23-jährige Erotik-Darstellerin Cora bei ihrer sechsten Schönheitsoperation gestorben. Angeblich wurde ein Herzstillstand über Minuten nicht bemerkt, worauf sie in ein künstliches Koma versetzt werden musste und schliesslich verstarb.
Das klingt sehr abenteuerlich.

Wie meinen Sie das?
Natürlich gibt es hin und wieder Komplikationen bei der Narkose. Aber der Anästhesist «monitorisiert» den Patienten und merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt. Selbst ohne Technik müsste man sehen, wenn es dem Patient nicht gut geht. Insofern hört sich dieser Vorfall sehr merkwürdig an.

Aber so etwas kommt offenbar vor.
Grundsätzlich kann ein Herzstillstand bei jeder Operation auftreten. Er steht in diesem Fall sicher in keinem Zusammenhang mit der Grösse der Implantate. Wahrscheinlich war es eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Wer schuld ist, ist auf Distanz sehr schwer zu sagen. Auf mich macht es den Eindruck, als wäre viel Inkompetenz im Spiel gewesen.

Also Ärztepfusch?
Wenn es tatsächlich so ist wie angenommen, dann ist so eine Klinik natürlich unhaltbar und man kann von Ärztepfusch reden. Denn es ist verantwortungslos, mit schlecht ausgebildetem Personal oder nicht funktionierenden Einrichtungen zu operieren.

Wie können solche Fälle verhindert werden?
Indem die Sicherheitsstandards strikte eingehalten werden. In der Schweiz ist es so: Damit die Krankenkassen Operationen bezahlen, müssen gewisse Standards erfüllt sein, die auch überprüft werden. Im Selbstzahlerbereich hingegen, beispielsweise bei Brustvergrösserungen, gibt es sicherlich Privatkliniken, die diesen Standards nicht nachkommen. Des Weiteren ist Schönheitschirurg kein geschützter Titel, jeder kann sich so nennen. Auch ein Dermatologe kann so operieren. Da gibt es nach wie vor grosse Missstände. Ich rate den Patienten darum, die Privatklinik zu überprüfen, um sicherzugehen, dass sie keine «Küchentisch-OP» erwartet.

Unter Einhaltung der Standards ist eine Schönheits-OP aber ungefährlich?
Dass eine Operation gesundheitsschädigend ist oder der Patient sogar stirbt, ist extrem selten. Ich bin seit 15 Jahren im Geschäft und habe noch nie einen Haftpflichtprozess erlebt. Vielleicht kommt es nicht immer so gut heraus, wie es der Patient oder der Arzt erwartet. Nachbesserungen gibt es deswegen schon ab und zu.

Die deutsche Privatklinik, in welcher die junge Frau operiert wurde, hat offenbar damit geworben, auch grosse Implantate einzusetzen.
Das ist für sich schon verwerflich. Denn die Klinik sucht quasi eine Marktlücke: Sie macht, was andere für unethisch befinden. Zumal für Patientinnen, die sich sehr grosse Brüste machen lassen, nach der OP gesundheitliche Probleme auftreten können.

«Mein Körper ist mein Kapital», sagte die Erotik-Darstellerin. Ist diese Ansicht verbreitet?
Meines Erachtens nicht. Es ist auch eine Frage des Alters. Jüngere Patientinnen und Patienten denken oft: Ich kann machen, was ich will. Das Risiko spielt für sie keine grosse Rolle. Zum Glück können sie sich häufig OPs nicht leisten.

Müssen gewisse Patienten vor sich selbst geschützt werden?
Wir machen keine Eingriffe, die zu absurd sind. In der Regel lehnen wir im ästhetischen Bereich gut einen Drittel der Patienten ab. Wenn sich zum Beispiel ein Mann 40 Kilogramm Fett absaugen lassen will. Oder jemand glaubt, man könne aus seiner breiten Nase ein zierliches Näschen machen. Das sind schlicht unrealistische Vorstellungen.

Woher kommen diese?
Die Medien leisten hier sicher ihren Beitrag. Jedes Cover eines Magazins ist heute manipuliert, die Models mit Photoshop nachbearbeitet. So schön sind auch die nicht. Wir orientieren uns an diesen Illusionen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.01.2011, 12:28 Uhr

(Video: Reuters )

«Wir orientieren uns an Illusionen»: Dr. med. Christophe Christ ist Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie an der Clinic Utoquai in Zürich.

Der Fall «sexy Cora»

Nachdem sie ihren Job als Krankenschwester wegen Hüftproblemen aufgeben musste, verschrieb sie sich früh der Porno-Branche. Ihre erste Brustvergrösserung hatte sie im Alter von 18 Jahren. Doch auch bei ihren Porno-Drehs ging die junge Frau immer bis ans Limit: Bei einem Gangbang brach «sexy Cora», wie sie sich nannte, zusammen. Für die Aufmerksamkeit der Medien tat sie alles: Für die letzte Big-Brother-Staffel liess sie sich einsperren und überwachen. Nun wollte Cora noch einen Schritt weiter gehen und ihre Brüste von Grösse F auf G operieren. Nach einem Herzstillstand wurde sie in ein künstliches Koma versetzt und starb an den aufgetretenen Hirnschäden.

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