Jörg und die Kachelmänner

Am kommenden Montag beginnt der Prozess gegen Jörg Kachelmann. Doch wer ist unser bekanntester Wettermann überhaupt? Er ist ein Besessener, ein Nomade. Und immer wieder ein Rätsel selbst für sein Umfeld.

Wechselhaft wie das Wetter: Jörg Kachelmann, Manipulator, amouröser Multitasker, Wettermann.

Wechselhaft wie das Wetter: Jörg Kachelmann, Manipulator, amouröser Multitasker, Wettermann. Bild: Keystone

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Eine «Magazin»-Reporterin sucht Jörg Kachelmann an seinem Firmensitz auf, einem alten Landschulheim im Appenzellerland. Der TV-Meteorologe ist bestens bekannt dafür, dass er schweigt oder übers Wetter spricht, wenn es persönlich wird. Doch für ein Interview lang ist es anders auf dem Schwäbrig, 1151 Meter über Meer.

Wo ist Ihr Zuhause?

Im Moment bin ich einigermassen heimatlos.

Richtig ohne festen Wohnsitz?

Ja, schon eine Weile. Ich hab hier meine Notschlafstelle, aber es ist logistisch ziemlich kompliziert: zu gucken, in welchem Hotel habe ich genug Zeit, um mal zu waschen. Ein klassischeres, spiessigeres Setting, denke ich manchmal, könnte auch angenehm sein. Aber erst mit dem Alter fange ich nun an, darüber nachzudenken, wo ich mal sein will.

Kachelmanns Worte kommen heute anders an als 2007, als das Interview erschienen ist. Sein Zimmerchen unter dem Dach, in dem einst schwierige Zürcher Kinder hausten, existiert zwar nach wie vor. Darin steht ein Bett, das ausschaut wie eines aus der Jugendherberge. Jörg Kachelmann hat es zuletzt nie benutzt – auch weil er 130 Nächte in Untersuchungshaft verbringen musste.

Während er hinter Gittern sass, erfuhren ganz Deutschland und die Schweiz, dass der 52-Jährige auch davor nicht nur in seiner «Notschlafstelle» und in Hotels genächtigt hatte. Dass er ein Doppel-, Dreifach-, Vielfach-Leben geführt hatte. Dass er parallel mit Partnerinnen in drei Ländern und auf zwei Kontinenten verkehrte, die nichts voneinander wussten.

Die «Lebensführungsfehler»

«Bei jeder Messstation hat er eine Freundin», witzelten sie bei seiner Meteomedia AG. Kachelmanns Unternehmen sammelt an 820 Orten in Europa Wetterdaten. Als der Chef verhaftet wurde, blieb den Mitarbeitern das Lachen im Hals stecken. In der Ausserrhoder Zentrale meldeten sich zahlreiche Frauen. Mehrere hielten sich für die einzige Lebenspartnerin des Inhaftierten. Irgendwie hatte es der Heimatlose geschafft, gleichzeitig mit ihnen allen zusammenzuleben.

Der Showmaster hatte sich Parallelwelten geschaffen, ausgestattet mit mindestens einer Partnerin und oft mit Plänen für eine rosige Zukunft zu zweit in einem gemeinsamen Heim. Es existierten eine Kanada-Welt, eine Norddeutschland-Hiddensee-Welt, eine Schwetzinger Welt, eine Ostschweizer Welt. Nur der Erschaffer kannte sie alle.

Kachelmann räumt «Lebensführungsfehler» ein

Manchen Weggefährten gewährte der Mann mit dem Lausbubenlächeln und dem Fünf-, Sechs-, Siebentagebart, was sich nicht verhindern liess: einen Einblick in eine dieser Welten. Eingeweihten auf dem Schwäbrig war bekannt, dass Kachelmann zuletzt mit einer Dame in Weissbad AI Tisch und Bett teilte.

Doch niemand wusste, dass er nebenbei einer Frau die halbe Wohnungsmiete in Goldingen SG berappte. Der bitter enttäuschten Frau vom Rickenpass überschrieb Kachelmann noch im Gefängnis den gemeinsamen Mietvertrag.Im Strafverfahren räumte er «Lebensführungsfehler» ein.

Die gefallenen Tabus

Bis zur Verhaftung war Jörg Kachelmanns Liebes- und Sexualleben eine publizistische Tabuzone gewesen. Mit einer verstörenden Ausnahme: In einer Diskussion über den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux hatte der damalige Neo-Prominente 1996 öffentlich von einem sexuellen Übergriff erzählt – mit ihm in der Opferrolle. Sein ehemaliger Chef, bei dem er als Mittelschüler und Student wohnen durfte, habe ihn einmal in jungen Jahren im Intimbereich berührt. «Er hat mir», erzählte Kachelmann bei TeleZüri, «unters Pyjama gelangt!»

Doch nun ist alles anders. Von Untersuchungshäftling H 08 1008 100 553 erfuhr in den vergangenen Monaten jeder, der wollte, Intimstes und auch weniger Geheimnisvolles: zwei Ehen, zwei Scheidungen, zwei Vaterschaften. Vom Mann, der einst mit Anwälten drohte, als exakt hundert Wörter über die Taufe seines ersten Sohnes erschienen, glauben mittlerweile nicht nur Stammleser des Boulevards Details aus dem Bett zu kennen.

Die Identitäten

Doch auch nach all den Enthüllungen und Gerüchten weiss kaum jemand, wer Jörg Kachelmann ist. Natürlich, da ist der Kachelmann aus dem Fernsehen. Der Moderator, der, obwohl zottelig und zerstreut wirkend, das Wetter so vorhersagt, dass es auch der Hinterletzte kapiert. Doch den gibt es nicht mehr. Den unbeschwerten «Wettertainer» («Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung») von einst wird es auch nie mehr geben. Selbst bei einem Freispruch durch das Landgericht Mannheim würde der «Wettergott» («Süddeutsche Zeitung») kaum auferstehen.

Ab Montag entsteht ein neuer Jörg Kachelmann. Zu sehen ist er zwei Monate Prozessdauer lang auf allen Kanälen. Kachelmann 2, der Angeklagte, wird ein Phantom bleiben, weil er vor Gericht aller Voraussicht nach nicht viel sagen, aber bestreiten wird, eine Frau bedroht und vergewaltigt zu haben.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Auch der dritte Jörg Kachelmann ist medial, aber im Unterschied zu den anderen beiden Kachelmännern vielleicht ohne reale Grundlage. Ihn hat eine 37-jährige Süddeutsche erlebt oder erfunden, die mit dem Meteorologen über ein Jahrzehnt lang eine Fernbeziehung unterhielt. Ihn hat sie als Vergewaltiger angezeigt – wenige Stunden nachdem die permanent digitale und alle paar Wochen sexuelle Liaison zerbrochen war.

In Einvernahmen bei der Polizei beschreibt sie Kachelmann schluchzend und stockend als einen Dr. Jekyll, der urplötzlich als Mr. Hyde mit einem Messer in der Rechten über sie hergefallen sei. Als sanftmütigen Liebhaber, dessen zweite Natur sich ihr in jener ominösen Februarnacht offenbart habe. Kachelmann soll ihr bereits im Voraus selbst eine psychologische Erklärung für seine Verwandlung geliefert haben: Manchmal bekomme er einen Hass auf Frauen und werde dann unberechenbar.

Trotz wiederholter Lügen in Aussagen und beim Therapeuten und starken Zweifeln einer Gutachterin schenkten die Staatsanwälte der Moderatorin des Mannheimer Radio Sunshine Glauben. Kachelmann geht von Rache aus, wie er dem «Spiegel» erklärte: «Diese Beziehung lief länger, als ich es hätte zulassen sollen.» Die Beziehung lief elfeinhalb Jahre. «Dadurch habe ich diese Frau in einer Weise gekränkt», glaubt Kachelmann, «die ich in der Nachschau nur in höchstem Masse bedauern kann.»

Die Blackbox

Nun fragen sich alle, welcher Mann hinter all diesen medialen Kachelmännern steckt. Wir haben Antworten von zwei Dutzend Menschen aus seinem Leben zusammengetragen. Von alten Journalistenkollegen, Meteorologen, Ex-Freundinnen, Geschäftspartnern. Am häufigsten sagten sie: «Das weiss ich nicht.» Nach all den Jahren. Gefolgt von: «Er ist mir unbekannter denn je.»

Der beste Experte zur Blackbox Kachelmann, Jörg Kachelmann selber, ist mit der Vorbereitung seines Strafprozesses beschäftigt, zuerst in Deutschland auf dem Land, dazwischen kurz in der Schweiz, zuletzt in Kanada. Trotzdem war er zu einem Statement zur Frage bereit, warum ihn keiner kennt. «Vielleicht liegt es daran, dass ich in den vergangenen Jahren immer weniger in Europa war», sagt er am Telefon. «Ich wollte jede freie Minute bei meinen Kindern in Kanada verbringen. Und wenn ich mal wieder in der alten Welt war, habe ich viel gearbeitet.»

Viertklassiger Promi?

Viele, die dem bekanntesten Wettermoderator zwischen Appenzellerland und Hiddensee öfters begegnet sind, können nachvollziehen, wie andere den Dr. Jekyll erkannten: den netten, gebildeten, lässigen, eloquenten Kachelmann. Sie haben ihn auch so kennen und schätzen gelernt. Männer, auch unbekannte, erleben den Erfinder des Geschäftsmodells Wettervorhersage kumpelhaft, Frauen aufmerksam, zuvorkommend, oft flirtend. Jene von ihnen, die «dem viertklassigen Promi» (so die Selbstbeschreibung) ganz nahe kamen, beschreiben ihn als liebe- und respektvoll, als feingeistig und -fühlig.

Doch manche haben über die Zeit auch Schattenseiten erfahren. Abgründe, die sich mit den Jahren auftaten. Mit den vielen TV-Jahren sei die Popularität und parallel Kachelmanns Ego gewachsen. Der schon immer sensible und rastlose Kachelmann sei noch mehr auf Achse gewesen und immer gereizter. In seinem Leben wechselten Hochs und Tiefs in schneller Folge.

Aus Humor wurde Sarkasmus

Während der zweiten Scheidung, die sich über die vergangenen Jahre erstreckte, habe er gekämpft, getrickst, gelitten. Aus dem schrägen, immer schon schwarzen Humor und der (Selbst)Ironie, die so viele an ihm mögen, sei Sarkasmus geworden, der zotige Witz deftiger und deftiger, aus dem Einsamen ein Getriebener.

Ein Narzisst sei er, behauptet die Frau, die ihr ehemaliges «Süssbärchen» angezeigt hat. Lateiner Kachelmann hat durchblicken lassen, ihm sei die Sage von Narcissus aus der Kantonsschule Schaffhausen wohlbekannt. «Der Jüngling hat sich in sein Spiegelbild verliebt, als er in einen Fluss geschaut hat», sagte er zum Nachrichtenmagazin «Spiegel». «Das ist schon seltsam, so etwas auf mich anzuwenden. Die Hauptzuschriften, die ich in all meinen Fernsehjahren bekommen habe, lauteten in etwa so: ‹Sie sehen so scheisse aus, Sie sollten nicht im Fernsehen auftreten.›»

Ist Kachelmann schizophren?

Die vielen, die schlecht über ihn reden, zweifeln an der Version, wonach Kachelmann für einige dunkle Minuten zu Mr. Hyde mutierte. Eine Minderheit traut es ihm zu. Sie hält es für plausibel, dass er an einer dissoziativen Identitätsstörung leidet. Einen Link zu dieser Krankheit hat Kachelmann am Tag nach der folgenschweren Nacht in Schwetzingen höchstpersönlich in einer E-Mail an eine andere Partnerin verschickt.

Wer daran leidet, bildet unterschiedliche Persönlichkeiten aus, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten übernehmen. Der Volksmund nennt es – unpräzise – Schizophrenie. Ein Erkrankter passt sich unbewusst an widersprüchliche Umwelten an. So könnte beispielsweise ein Kachelmann die täglichen Routinen, das Wetter, das Fernsehmachen erledigen, ein zweiter könnte Tabus, Verdrängtes ausleben.

Der Hypochonder

Allerdings streitet sich die Fachwelt, ob es die dissoziative Identitätsstörung überhaupt gibt. Ob Kachelmann an dieser umstrittenen Krankheit leidet? Ausser Andeutungen des angeblichen Betroffenen selbst sind keine Spuren bekannt: Dem Programmdirektor des Fernsehsenders MDR teilte Kachelmann kurz nach seiner letzten Schwetzinger Nacht mit, er wolle sich aus gesundheitlichen Gründen künftig aufs «Wettermachen» beschränken und keine Talkshows bestreiten. Bereits 2003 hatte er der Frau, die ihn angezeigt hat, gemailt, er lasse sich in den USA behandeln. Doch unterzog er sich tatsächlich eine Therapie in Seattle? Oder wollte er sich mit einer Ausrede einfach Ruhe verschaffen vor der Radiomoderatorin? Wer Jörg Kachelmann länger kennt, hält auch die zweite Variante für möglich.

Fast alle haben von ihm Geschichten von schweren Krankheiten gehört, zum Teil sehr unterschiedliche Geschichten von unterschiedlichen Krankheiten. Sind sie Dichtung? Sind sie Wahrheit? Das fragen sich viele. Schon lange. Aber heute mehr denn je.

«Jörg ist ein Hypochonder», sagt ein alter Freund, der ein Freund geblieben ist, «das meine ich nicht negativ.» Kachelmann glaube tatsächlich, er sei krank. Nach einem Anfall von Panik sei er plötzlich wieder genesen.

Pubertäres Verhalten

«Er bringt immer wieder abenteuerliche Begründungen, warum er kurzfristig Termine nicht einhalten kann», erzählt ein Geschäftspartner, «und alle zweifeln, ob es stimmt.» Mal sei die Mutter erkrankt, mal er selber. «Pubertäres Verhalten wie auf dem Gymnasium» sei es. Zweifle jemand eine Ausrede an, sei Kachelmann schwer beleidigt. «Am Schluss musste ich mich entschuldigen», erzählt ein Freund, «als Dank dafür, dass ich ihn mit unangenehmen Nachfragen konfrontiert habe.»

Beinahe alle Befragten erzählen auch oder ausschliesslich Gutes vom Autodidakten. Jörg Kachelmann sei trotz fehlendem Universitätsabschluss ein besserer Meteorologe als die meisten Kollegen mit Diplom, weil er beigeistert ist, heisst es. Nach all den Jahren könne er sich immer noch kindisch freuen, wenn ein Schneesturm wütet. Mit seiner direkten Art nehme er Menschen für sich ein, sagen sie.

Der raffinierte Manipulator

«Wenn er reinkommt, geht die Sonne auf», sagt eine ehemalige Partnerin, die aufgrund der gemeinsamen Vorgeschichte manchen Grund hätte, andere Eigenschaften hervorzuheben. Kachelmann, besessen vom Wetter, ist Antreiber, Türöffner bei Kunden und Ämtern. «Er sprüht vor Ideen, von denen sich nur zehn Prozent umsetzen lassen», sagt ein Arbeitskollege, «aber diese zehn Prozent sind oft bahnbrechend.»

Kachelmann sei ein faszinierender Chaot, ein sympathischer Mensch, sagen die einen. «Das habe ich auch einmal gedacht», sagen die anderen. Zuletzt sei Kachelmann als Manipulator aufgefallen. Chronisch, notorisch, raffiniert. Nicht nur, aber besonders bei Frauen.

Mit einigen der Befragten haben sich die Lebenswege immer wieder gekreuzt, seit sie sich als Teenager auf der Hobby-Meteorologen-Tagung begegneten. Bald bauten sie gemeinsam in Schaffhausen, wo Kachelmann aufwuchs, in Schrebergärten und anderswo, ein Netz von Wetterstationen auf, später tüftelten sie gemeinsam im Ferienhaus in Sedrun an einem Konzept für das heutige schweizerisch-deutsche Wetterimperium Meteomedia.

Andere, die mit dem jungen Schlaks für Schaffhauser Fahrradwege und gegen eine stinkende Glasfabrik auf die Barrikaden gingen, haben ihn aus den Augen verloren.

Der Sohn eines Aufsteigers

Aus dem bewegten Umweltschützer von einst ist Vielflieger und Nochmehrautofahrer Kachelmann geworden. «Jörg ist ein Nomade», sagt ein Bekannter. Selbst entfernte Bekannte wissen eine Anekdote zu erzählen von Kachelmanns «Müll-Wagen». Entweder mussten sie auf eine Mitfahrt verzichten, weil der Beifahrersitz mit Getränkedosen und Colafröschen, Fast-Food-Packungen und Papieren übersät war. Oder es war erst Reinemachen angesagt, bevor die gemeinsame Reise beginnen konnte. Kachelmann hat in seinem Auto gegessen und geschlafen, wenn er sich zwischen seinen Welten bewegte. Er, der sich gerne als «Sohn eines Eisenbahners» bezeichnet, bestieg kaum je einen Zug.

«Wie schaffte er es eigentlich», fragte die «Weltwoche» kürzlich, «als Arbeiterkind aus einfachen Verhältnissen eine derart steile Karriere hinzulegen?»

Vater war bereits ein Aufsteiger

Einfache Teilantwort: Ganz unten musste er nicht anfangen im Leben. Bereits der Vater war ein Aufsteiger. Vom Rangierer brachte er es zum Oberinspektor der Deutschen Bahn am Endbahnhof Schaffhausen. Er erlag einer schweren Krankheit, als Jörg ein junger Erwachsener war.

Über Kindheit und Jugend des Einzelkinds Jörg ist kaum etwas bekannt, ausser, dass er sich auf dem Segelschiff seiner Eltern in das Wetter verliebt habe. «Die Kachelmanns waren keine Büezerfamilie», erzählt ein alter Bekannter, «damals konnte es sich kaum ein Arbeiter leisten, im eigenen Boot über den Bodensee zu segeln.» Die Kleinfamilie verzichtete lieber auf ein Auto.

Der helvetische Exotenbonus

Am 1. August trägt Jörg Kachelmann heute gerne ein Leibchen mit Schweizer Kreuz. Nie an die grosse Glocke hängt er, dass er erst Schweizer wurde, als er zwanzig Jahre alt war. Seinen helvetischen Exotenbonus wollte der Sohn eines Franken und einer Ostpreussin, der in Lörrach zur Welt kam, im Herkunftsland seiner Eltern nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Als langjähriger Boulevardjournalist weiss Kachelmann, dass Medien und Medienkonsumenten einfache Geschichten von Emporkömmlingen, von Enthusiasten, von Exoten lieben.

Karriere bei «Sonntagsblick» und« Schweizer Illustrierte»

Nach seiner publizistischen Ur- und Frühzeit bei Radio Munot und einem abgebrochenen Geografiestudium hat er als «Kachelfrosch» beim «SonntagsBlick» und der «Schweizer Illustrierten» die Karriereleiter erklommen.

Bald wechselte er die Rolle: vom Interviewer der Promis zum interviewten TV-Promi. Den alten Kollegen von der «Schweizer Illustrierten» verriet er: «Man hat mir vor ein paar Jahren mal ein Krebslein rausmontiert, weshalb ich eigentlich seit Ende 92 tot sein sollte.» Und er fügte noch hinzu: «Aber stopp, jetzt wirds mir zu persönlich. Fakt ist: Heute geht es mir gut.»

Das amouröse Multitasking

Stets locker vor der Kamera, war Kachelmann zuletzt massiv überfordert vom Management seiner Welten. «Jörg rotierte immer mehr», sagt einer von über 100 Meteomedia-Mitarbeitern. «Von seiner ganzen Reiserei war aus Sicht der Firma nur ein Bruchteil wirklich nötig. Doch er liess sich nicht davon abbringen.»

Das amouröse Multitasking gestaltete sich besonders anstrengend, wenn Geburtstage oder Feiertage, Familienfeste oder Beziehungsjubiläen anstanden. Die Geliebten hielt der Online-Junkie Kachelmann per E-Mail, Chat und SMS bei der Stange. Für mehrere Partnerinnen benutzte der Pragmatiker denselben Spitznamen: Er nannte sie «Lausemädchen».

«Ich hätte keiner Frau vorgaukeln dürfen, dass sie die Einzige ist», bedauerte Kachelmann gegenüber dem «Spiegel». «Ich habe auch nicht in jeder Phase meines Lebens monogam gelebt.» Um sogleich zu relativieren: «Gut, wenn ich mich in meiner Umgebung umgucke, da gibt es ganz viele, denen das auch nicht ganz optimal gelungen ist.»

Endet die Geschichte tragisch?

Für seine Partnerinnen brach eine Welt zusammen. Für Jörg Kachelmann zerbrachen Welten. Sieht er die Welt bald mindestens fünf Jahre lang aus dem Gefängnis? Oder gelingt es ihm, bei einem Freispruch eine neue Welt aufzubauen?

In jenem «Magazin»-Interview fragt die Reporterin: «Und wie könnte Ihr Altersrefugium aussehen?» Jörg Kachelmann antwortet: «Wie in Fredi Murers Film ‹Höhenfeuer›. Das spielt in einer einsamen Alphütte.» Es geht um die Liebe. Es ist ein Drama.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2010, 22:56 Uhr

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So berichtet Tagesanzeiger.ch/Newsnet über den Prozess gegen Jörg Kachelmann

Am nächsten Montag beginnt in Mannheim der Prozess gegen Jörg Kachelmann. Der Schweizer TV-Moderator ist wegen Vergewaltigung seiner Ex-Freundin angeklagt. Der Prozess dauert bis Ende Oktober. Das Landgericht Mannheim hat ein Dutzend Verhandlungstage angesetzt, an denen unter anderem mehrere Frauen als Zeuginnen auftreten werden. Die Hauptbelastungszeugin, Kachelmanns langjährige Freundin aus Schwetzingen, wird erst Mitte Oktober vor Gericht aussagen.

Der Prozess beginnt mit der Befragung von Kachelmann. Zunächst geht es nur um Angaben zu seiner Person. Dann wird die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verlesen. Ob Kachelmann zu den Vorwürfen Aussagen macht oder nicht, steht dem Angeklagten frei. Er kann auch eine Erklärung durch seinen Anwalt verlesen lassen.

Der 52-jährige Kachelmann war am 20. März auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet worden. Nach mehr als vier Monaten wurde er Ende Juli aus der Untersuchungshaft entlassen. Kachelmann beteuert seine Unschuld. Im Fall einer Verurteilung droht dem Wetterexperten eine Haftstrafe von fünf bis 15 Jahren. Das Medieninteresse am Fall Kachelmann ist riesig. Es werden allerdings nur 50 Journalisten zur Gerichtsverhandlung zugelassen. In Deutschland ist es der Prozess des Jahres.
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ist mit einem Reporter im Landgericht Mannheim vertreten und berichtet laufend über den Kachelmann-Prozess. Die Berichterstattung in den nächsten Wochen umfasst Prozessberichte, Hintergrundartikel, Videobeiträge und Bilder. Zudem gibt es auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ein Dossier zum Kachelmann-Prozess. (vin)

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