Ju-52 flog mit Motorteilen einer abgestürzten Maschine

30 Jahre alte Schläuche und Zylinder aus einem Wrack: Details aus dem Zwischenbericht zur im August verunglückten Ju-Maschine.

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Er hat es in sich, der Zwischenbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) zum Absturz der Ju-52 am Piz Segnas. Nicht etwa, weil er die Unfallursache und die Verantwortlichen benennt. Vielmehr deckt er erhebliche technische Schäden am Flugzeug auf, die bereits vor dem Absturz vorlagen. Von schwerwiegenden Strukturschäden, von Rissen und Korrosion ist die Rede. Zudem ortete die Sust bei der Ju-Air Unzulänglichkeiten bei der Dokumentation und der Bewirtschaftung von Ersatzteilen.

Zwar hält der Bericht fest, dass die im verunfallten Flugzeug entdeckten Mängel nicht mit dem Unfall zusammenhängen. Sie gefährden aber die Sicherheit des künftigen Flugbetriebs der Ju-Air. Denn die Sust rechnet damit, dass «aufgrund desselben Baujahres, der ähnlichen Betriebsart und -zeiten die Schwesterflugzeuge ähnliche Mängel aufweisen». Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat daraufhin die beiden übrig gebliebenen Ju-52-Maschinen gegroundet.

«Die Treibstoff- und Ölschläuche wiesen teilweise erhebliche Alterungsschädigungen auf und waren bis zu 30 Jahre alt.»Aus dem Zwischenbericht der Sust

Konkret hat der Absturz Risse an den Holmen im Flügel der Ju-52 zutage gefördert, also an den tragenden Elementen einer Tragfläche. Genauso wie schwere Korrosionsschäden an Holmen, Scharnieren und Beschlägen der Tragfläche sowie der Kabine. Dort fanden die Experten auch morsche Stellen im Holzboden. «Die Treibstoff- und Ölschläuche wiesen teilweise erhebliche Alterungsschädigungen auf und waren bis zu 30 Jahre alt», heisst es im Bericht.

Er zeigt zudem, dass der Motor der verunglückten Maschine mit Teilen einer 1941 auf einem Gletscher in Österreich abgestürzten Ju-52 funktionierte. Deren Wrack war 2003 geborgen worden, worauf die Ju-Air 16 Zylinder aus dem Motor aufbereitete. Die Firma Naef Flugmotoren AG, hinter der Ju-Air-Chef Kurt Waldmeier steht, stellte für die Ersatzteile die nötigen Formulare aus.

Kontrolle nach 1500 statt 300 Stunden

Das Unternehmen zeichnet auch für die Reparaturen und Grundüberholungen der Motoren verantwortlich und ist ein vom Bazl zertifizierter Betrieb. Sust-Untersuchungsleiter Daniel Knecht weist darauf hin, dass abgeklärt wird, ob solche Verknüpfungen von Aufgaben einen Einfluss auf den Unfall hatten. «Wir prüfen, ob das für die Sicherheit wichtige Mehraugenprinzip angewendet wurde und eindeutige Prozesse vorhanden waren», sagt er.

Einige Rätsel gibt die Wartung der Oldtimer den Experten der Sust immer noch auf. Etwa das Instandhaltungsprogramm der Ju-52, das vom Bazl genehmigt worden ist. Dieses sieht vor, dass die Motoren nach 1500 Stunden generalüberholt werden müssen. In der Betriebsanleitung des Herstellers von 1939 heisst es aber: «Eine Grundüberholung sollte selten vor 200 bis 300 Betriebsstunden erforderlich sein.» Wie diese markante Steigerung der erlaubten Laufzeit zustande kam, wird laut Knecht gegenwärtig abgeklärt.

Unentdeckte Schäden

«Die Resultate der Untersuchung der Sust waren uns neu», sagt Christian Gartmann, Sprecher der Ju-Air. Die Airline wehrt sich gegen den Vorwurf, die Maschinen seien schlecht gewartet. «Wären uns solche Schäden an einem unserer Flugzeuge bekannt gewesen, hätten wir es nicht fliegen lassen.» Bei einer normalen Wartung würden Defekte, wie sie der Hauptholm aufweise, nicht entdeckt. «Der Riss befindet sich an einem Ort, wo ein Metallteil darüber genietet ist. Für das Auge ist er somit nicht sichtbar.» Bei der Airline geht man nicht davon aus, dass der Defekt schon lange bestanden hat. Denn laut Gartmann hätten die Mechaniker das Rohr jedes Jahr mit einem Spezialgerät von innen kontrolliert. «Wäre damals ein Riss vorhanden gewesen, hätten wir ihn entdeckt.»

Unentdeckt blieben die Schäden der Ju-52 auch von den Experten des Bazl, die ihr vier Monate vor dem Crash ein Flugtüchtigkeitszeugnis ausstellten. «Weil die Maschine dabei nicht in ihre Einzelteile zerlegt wird, können solche Schäden von uns nicht nachgewiesen werden», sagt Bazl-Sprecher Urs Holderegger. Die Verantwortung, dass die Wartungen sachgemäss geführt werden, obliegen dem lizenzierten Wartungsbetrieb.»

Laut Ju-Air befinden sich die beiden gegroundeten Flugzeuge in der Jahreswartung. Sie sollen den Flugbetrieb wie geplant im Frühjahr aufnehmen. Nicht vom Flugverbot betroffen ist die Maschine, die die Fluggesellschaft nach dem Absturz in die Flotte integrieren will. Sie ist zehn Jahre jünger als die anderen zwei Jus. Das Bazl kündigt an: «Wir werden an diese Ju-52 dieselben Anforderungen stellen wie an die beiden älteren Exemplare.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.11.2018, 07:53 Uhr

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