«Iwan der Schreckliche» stirbt im Pflegeheim

Als einer der letzten Nazi-Kriegsverbrecher wurde John Demjanjuk noch bis im vergangenen Jahr der Prozess gemacht. Nun ist er im hohen Alter in Deutschland gestorben.

Wegen Beihilfe zum Mord an über 28'000 Juden verurteilt: John Demjanjuk vor Gericht in München. (Archiv)

Wegen Beihilfe zum Mord an über 28'000 Juden verurteilt: John Demjanjuk vor Gericht in München. (Archiv) Bild: AFP

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Der verurteilte NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Der frühere KZ-Wachmann starb am Samstag in einem Pflegeheim im oberbayerischen Bad Feilnbach, wie die Polizeidirektion Oberbayern Süd in Rosenheim und die Staatsanwaltschaft Traunstein gemeinsam mitteilten. Demnach wurde er in den frühen Morgenstunden leblos in seinem Zimmer aufgefunden.

Sein Sohn John Demjanjuk Jr. sagte der Nachrichtenagentur AP, sein Vater sei eines natürlichen Todes gestorben. «Mein Vater ist mit Gott eingeschlafen als ein Opfer und Überlebender der sowjetischen und deutschen Brutalität seit seiner Kindheit», sagte der Sohn. «Er liebte das Leben, die Familie und die Menschheit. Die Geschichte wird zeigen, dass Deutschland ihn als Sündenbock benutzte, um hilflose ukrainische Kriegsgefangene für die Taten von Nazi-Deutschen verantwortlich zu machen.»

«Alter schützt vor Strafe nicht»

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte: «Ich glaube, der Tod eines Menschen ist immer tragisch.» In diesem Fall sei es aber auch wichtig zu sagen, es war richtig, ihn vor Gericht zu stellen und zu verurteilen. «Gerechtigkeit kennt keine Verfallszeit und Alter schützt vor Strafe nicht. Das ist ein Signal, das alle Menschen ernst nehmen müssen», fuhr Graumann fort. Es sei niemals um Rache gegangen, sondern um Gerechtigkeit.

Das Landgericht München hatte Demjanjuk im Mai 2011 nach 93 Verhandlungstagen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er im Jahr 1943 Beihilfe zum Mord an mindestens 28'060 Menschen im Vernichtungslager Sobibór in Polen geleistet hatte. Insgesamt wurden in Sobibór zwischen 1942 und 1943 mehr als 250'000 Menschen umgebracht.

Der Anklage zufolge wurde der gebürtige Ukrainer Demjanjuk, nachdem er 1942 als Rotarmist in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war, von der SS als Hilfswilliger rekrutiert. Vom 27. März bis zum 16. September 1943 soll er als Wächter im Vernichtungslager Sobibór eingesetzt worden sein und dort unter anderem Juden aus den Waggons, in denen sie ankamen, in die Gaskammern getrieben haben. Demjanjuk hatte stets bestritten, je in Sobibór gewesen zu sein.

Schweigen im Prozess

Der gebürtige Ukrainer wurde anschliessend aus der Haft entlassen. Das Gericht ordnete die Freilassung an, weil Demjanjuk sehr alt sei und keine Fluchtgefahr bestehe. Nach langwieriger Suche der Behörden nach einer Unterkunft wurde er in der Pflegeeinrichtung in Bad Feilnbach untergebracht. Dort bewohnte er ein 18 Quadratmeter grosses Zimmer mit Blick auf den Wendelstein.

In dem monatelangen Prozess vor dem Landgericht München hatte Demjanjuk geschwiegen. Die Verhandlungen verfolgte er aus einem Spezialbett heraus. Während des Gerichtsmarathons waren zahlreiche Überlebende des Holocausts und des Vernichtungslagers Sobibór aufgetreten. In äusserst emotionalen Aussagen berichteten sie über die tragischen Schicksale ihrer Familien und die grausamen Taten der Trawniki genannten Wachmänner im Lager.

Antrag auf US-Bürgerschaft abgelehnt

Das Urteil gegen Demjanjuk wurde nie rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten Revision eingelegt. Damit hätte sich als nächstes der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe mit dem Fall beschäftigen sollen.

Demjanjuk war im Jahr 2009 aus den USA nach Deutschland abgeschoben worden. Kürzlich hatte ein US-Bundesgericht einen Antrag des verurteilten NS-Verbrechers auf Wiedererlangung der US-Bürgerschaft abgelehnt. Ohne Pass durfte er Deutschland nicht mehr verlassen. (ami/sda)

Erstellt: 17.03.2012, 16:05 Uhr

Keine Fremdeinwirkung

John Demjanjuk ist nicht durch Fremdeinwirkung gestorben. Das habe die Obduktion ergeben, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein, Bernd Magiera, am Montag der DAPD mit. Die genaue Todesursache habe aber nicht festgestellt werden können, ergänzte er.
(dapd)

Der als Nazi-Kriegsverbrecher verurteilte John Demjanjuk ist im Alter von 91 Jahren gestorben. (Video: Reuters )

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