«Kachelmann hat viel Energie investiert, um Frauen zu zerstören»

Der Prozess gegen Jörg Kachelmann geht nach einer Pause weiter. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt Alice Schwarzer, weshalb sogar dessen Verteidigung mit einer Verurteilung rechnet.

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Sie verfolgen den Kachelmann-Prozess in Mannheim, der morgen Mittwoch fortgesetzt wird. Was denken Sie über den bisherigen Verlauf der Gerichtsverhandlung?
Alice Schwarzer: Ich habe den Eindruck, dass die Richter relativ unberührt sind von dem Medien-Rummel und sich auch von dem spektakulären Stil der Verteidigung wenig beeindrucken lassen. Allerdings wird mir immer klarer, dass es im deutschen Recht eine strukturelle Pro-Täter-Tendenz gibt.

Wie meinen Sie das?
Angeklagte haben sehr viele Rechte – auch das, jegliche Aussage zu verweigern. Mutmassliche Opfer hingegen werden bis aufs Mark durchleuchtet. Um zu beweisen, ob sie über diese eine Nacht in ihrem Leben die Wahrheit sagt, muss die 37-jährige Ex-Freundin von Kachelmann über ihr ganzes Leben, von Geburt an, immer wieder Rede und Antwort stehen, insgesamt sieben Mal: zweimal bei der Polizei, einmal bei der Staatsanwaltschaft, dreimal bei Gutachtern und einmal vor Gericht. Allein vor Gericht 20 Stunden lang. Ich frage mich, wie die Frau das durchsteht.

Sie haben sich bereits vor dem Prozess klar auf die Seite von Sabine W. geschlagen, obwohl viele Fragen offen sind. Tun Sie Kachelmann nicht unrecht?
Ich habe mich nicht auf eine Seite «geschlagen», sondern ich nehme die Perspektive des mutmasslichen Opfers ein. Das ist etwas ganz anderes. Es bedeutet keinesfalls, dass ich automatisch davon ausgehe, dass Kachelmann auf jeden Fall schuldig ist und das mutmassliche Opfer unbedingt die Wahrheit sagt. Es heisst, dass ich mich nicht nur frage, «was bedeutet dieser Prozess für den Angeklagten?» – wie es ein überwiegender Teil der Medien tut –, sondern auch, «was bedeutet dieser Prozess für das mutmassliche Opfer?».

Ist das der Grund für Ihr starkes Engagement in diesem Prozess?
Der Auslöser, diesen Prozess zu begleiten, war für mich die Berichterstattung in «Zeit» und «Spiegel». Sie hatten schon Monate vor Beginn des Prozesses so berichtet, als sei die Anklage ein Justizirrtum, Kachelmann auf jeden Fall unschuldig und wolle sich die Ex-Freundin nur rächen. Das war der Skandal! Denn damals wie heute steht Aussage gegen Aussage. Das mutmassliche Opfer hat also ebenso ein Recht auf mutmassliche Glaubwürdigkeit wie der Angeklagte.

Sie haben zum Kachelmann-Prozess folgende Aussage gemacht: «Es geht um viel mehr als um zwei Menschen.» Was wollten Sie damit sagen?
Ich meinte damit, dass dieser Prozess der erste grosse, exemplarische Prozess in Deutschland zu dem Problem der sexuellen Gewalt innerhalb von Beziehungen ist. Wir wissen heute, dass jeder zweite Vergewaltiger der eigene Mann beziehungsweise Freund oder Ex-Mann ist. Und, dass nur acht Prozent aller Vergewaltigungen überhaupt angezeigt werden und nur jeder siebte Angeklagte verurteilt wird. Das heisst, nur jeder hundertste Vergewaltiger wird bestraft. Vergewaltigung ist also noch immer ein straffreies Verbrechen. Darum geht es bei der öffentlichen Debatte um den Fall Kachelmann.

Was halten Sie von der Strategie der Verteidigung von Jörg Kachelmann?
Nun, die Verteidigung ist von Anfang an auf Herabwürdigung und Unglaubwürdigmachung des mutmasslichen Opfers gegangen. Ausserdem verbringt sie viel Energie mit taktischen Manövern, die eher darauf angelegt sind, die Medien zu beeindrucken, als die Richter zu überzeugen. Alles in allem wirkt die Verteidigung auf mich, ehrlich gesagt, recht unseriös.

Wie deuten Sie die überraschende Auswechslung von zwei Verteidigern Kachelmanns?
Der Wechsel der Anwälte zu diesem späten Zeitpunkt muss einen dramatischen Grund haben und zeigt, dass die Verteidigung von Kachelmann schwerst in der Defensive ist. Ich rechne für morgen Mittwoch mit einem Paukenschlag von Herrn Schwenn (Johann Schwenn ersetzt Hauptverteidiger Reinhard Birkenstock, Anmerkung der Redaktion). Und sicherlich ist es auch kein Zufall, dass der neue Anwalt Revisionsspezialist ist. Es sieht so aus, als rechne die Verteidigung mit einer Verurteilung des Angeklagten.

Und was denken Sie über die Arbeit der Ankläger und des Gerichts in den bisherigen Verhandlungen?
Ich habe den Eindruck einer grossen Ernsthaftigkeit, sowohl in Bezug auf die Staatsanwälte als auch in Bezug auf das fünfköpfige Gericht.

Sie sind Kachelmann bestimmt schon persönlich begegnet. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm? Und wie hat sich Ihre Meinung geändert, seit Kachelmann unter Vergewaltigungsverdacht steht?
Jörg Kachelmann habe ich bei zwei, drei gemeinsamen TV-Terminen getroffen. Ich mochte ihn immer gut leiden. Vor allem dieses leicht Anarchistische und wenig Angepasste vor der Kamera hat mir gefallen. Und heute? Nun ja, auch unabhängig von der Wahrheit der Nacht vom 8. auf den 9. Februar wissen wir ja inzwischen, dass er ein Mann ist, der viel Energie darin investiert hat, Frauen zu belügen, zu kontrollieren, in seine Macht zu bekommen – und zu zerstören. Kachelmann hat ja offensichtlich mindestens einem halben Dutzend Frauen gleichzeitig die Ehe versprochen und ihnen suggeriert, sie seien jeweils die Einzigen. Dafür steht er allerdings nicht vor Gericht. In dem Prozess geht es nicht um seine Lebensführung, sondern ausschliesslich um die Frage, ob er seine Ex-Freundin vergewaltigt und mit dem Tode bedroht hat.

Es ist sehr gut möglich, dass sich in diesem Prozess die Seite durchsetzen wird, die mehr Anwälte und Gutachter zur Verfügung hat – und da ist Kachelmann im Vorteil. Oder doch nicht?
Das wäre tragisch. Denn dann müsste der Angeklagte, der ja eine Armada von Anwälten und Gutachtern auf seiner Seite hat, auf jeden Fall recht bekommen. Egal, ob er unschuldig oder schuldig ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.11.2010, 12:00 Uhr

Zur Person

Die Journalistin Alice Schwarzer berichtet für die eigene Webseite und die «Bild-Zeitung» über den Kachelmann-Prozess in Mannheim. Die Frauenrechtlerin und «Emma»-Herausgeberin mischt sich seit Jahrzehnten in die öffentlichen Debatten ein. Zuletzt publizierte sie ein Buch zur Islam-Debatte («Die grosse Verschleierung: Für Integration, gegen Islamismus»). Schwarzer, die am nächsten Freitag 68 Jahre alt wird, gehört zu den führenden Intellektuellen Deutschlands. (vin)

Der Kachelmann-Prozess

Jörg Kachelmann steht seit Anfang September in Mannheim vor Gericht. Der Schweizer TV-Moderator ist wegen Vergewaltigung seiner Ex-Freundin angeklagt. Morgen Mittwoch findet der 16. Prozesstag statt. Der Prozess dauert voraussichtlich bis Ende März 2011 - deutlich länger als geplant. Im Fall eines Schuldspruchs im Sinne der Anklage droht Kachelmann eine Gefängnisstrafe von mindestens fünf Jahren.
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet laufend über den Kachelmann-Prozess. Die Berichterstattung umfasst Prozessberichte, Hintergrundartikel, Videobeiträge und Bilder. Zudem gibt es auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ein Dossier zum Kachelmann-Prozess. (vin)

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