Hintergrund

Kachelmanns PR-GAU

Mit seinem Buch und seiner Medienoffensive dürfte der frühere TV-Wettermoderator seine Ziele nicht erreichen. Ein Experte für Kommunikation sagt, was Jörg Kachelmann falsch macht.

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Jörg Kachelmann macht seit ein paar Tagen kräftig Werbung für sein Buch «Recht und Gerechtigkeit», das er mit seiner Frau Miriam geschrieben hat. Nach Interviews in ausgewählten Medien und einem Auftritt an der Frankfurter Buchmesse war der frühere Wettermoderator am Sonntagabend Gast in der ARD-Talkshow von Günther Jauch. An der Seite des 54-jährigen Kachelmann sass seine 26-jährige Gattin. Die Psychologiestudentin stellte sich wiederholt – wortreich und selbstbewusst – schützend vor ihren Mann, der im Laufe der Sendung immer weniger souverän wirkte.

Mit seinem Auftritt bei Jauch erreichte Kachelmann das Gegenteil dessen, was er mit seinen Medienoffensiven und seinem Buch erreichen möchte – die Wiederherstellung seiner Reputation. Am Schluss der Diskussion sass Kachelmann als Mann da, dem es einfach nicht gelingen will, sich vom Schleier der «angeblichen Vergewaltigung» seiner einstigen Geliebten Claudia D. zu befreien.

«Er bringt sich selber wieder in die Schlagzeilen»

Dass Kachelmann mit seinem Buch die Öffentlichkeit sucht, stösst bei Experten für Reputationsmanagement auf Unverständnis. Die Kommunikationsweise des einstigen TV-Moderators sei nicht gerade geschickt, «weil er sich damit selber wieder in die Schlagzeilen bringt», sagt Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation. «Und er tut dies aus einer Position heraus, die unglaubwürdig ist.» Dabei spiele es keine Rolle, ob Kachelmann die Wahrheit sage oder nicht. Darum gehe es gar nicht im «Gerichtssaal der Öffentlichkeit». Die Person Kachelmann werde jetzt wieder hinterfragt, weil all die Enthüllungen, die im Zusammenhang mit dem Vergewaltigungsprozess publik geworden waren, wieder in Erinnerung gerufen werden.

Gullotti zieht einen Vergleich zum Fall Bettina Wulff. So habe die Ehefrau des früheren deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff im vergangenen Sommer mit ihrem Buch selbst dafür gesorgt, dass pikante Gerüchte um ihre Vergangenheit die Medien und damit ein Millionenpublikum in ganz Europa erreichten.

Kachelmann wird von der Vergangenheit eingeholt

Dass die Vergangenheit Kachelmann wieder eingeholt hat, zeigte auch die TV-Diskussion bei Günther Jauch. Erneut musste Kachelmann zur Kenntnis nehmen, dass das Ende Mai 2011 vom Landgericht Mannheim gefällte Urteil gemäss dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» bei vielen Leuten immer noch als «Freispruch zweiter Klasse» gilt, obwohl es dies juristisch gar nicht gibt. Ausserdem werden Kachelmann weiterhin seine zahlreichen Affären vorgehalten. «Sie haben gelogen am laufenden Band», sagte Hans-Hermann Tiedje, Ex-Chefredaktor von «Bild» und «Bunte», in der Diskussionsrunde an die Adresse von Kachelmann. Dies sei zwar privat und nicht strafbar, offenbare aber vielleicht einen miesen Charakter, meinte Tiedje. Trotz des Buchs «Recht und Gerechtigkeit» dürfte es Kachelmann kaum gelingen, die Beschädigung seiner Glaubwürdigkeit rückgängig zu machen.

Kachelmann tut sich auch keinen Gefallen, wenn er seine Ex-Geliebte aus Schwetzingen als «Kriminelle» verunglimpft und sich undifferenziert als Opfer darstellt, etwa als «Rehlein auf dem Mittelstreifen» einer Strasse, wie er dies am Sonntagabend bei Jauch getan hat. Kaum hilfreich sind auch abenteuerliche Thesen aus dem Kachelmann-Buch wie jene, dass Frauen prinzipiell ein «Opfer-Abo» hätten und dass die deutsche Justiz Männer zu Tätern mache. Und es ist wenig überzeugend, wenn Miriam Kachelmann betont, dass sie als Frau das Problem der Vergewaltigungen nicht verharmlosen wolle, aber Falschbeschuldigungen von Frauen dennoch als Massenphänomen sehe.

«Sein Ego ist vermutlich grösser als die Einsicht zu schweigen»

Unabhängig von solchen Ansichten taugt Miriam Kachelmann nicht dazu, ihrem Mann zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen. «Grundsätzlich ist es zwar eine gute Idee, eine andere Person über sich sprechen zu lassen», sagt Franco Gullotti, «aber hier ist die grosse Nähe zwischen Frau und Herrn Kachelmann ein Problem.»

Wird Kachelmann, der auf die Dienste eines renommierten Medienanwalts sowie einer grossen PR-Firma zählt, falsch beraten? Möglicherweise sei Kachelmann beratungsresistent, meint Gullotti. «Sein Ego ist vermutlich grösser als die Einsicht, dass es in bestimmten Situationen besser ist zu schweigen.»

Rechtliche Schritte gegen Kachelmann

Inzwischen droht Kachelmann neuer Ärger. Seine ehemalige Geliebte Claudia D. geht mit drei weiteren einstweiligen Verfügungen gegen den Wettermoderator vor. Sie wehrt sich dagegen, von Kachelmann als «Falschbeschuldigerin» bezeichnet und der Lügen bezichtigt zu werden. Schliesslich berät die Polizeidirektion Heidelberg, ob Äusserungen von Kachelmann Straftatbestände erfüllten und inwieweit er die Unwahrheit über die Arbeit der Ermittler behauptet habe (siehe Infobox). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.10.2012, 14:28 Uhr

«Jörg Kachelmann agiert ungeschickt»: Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation (Gullotti Communications, Winterthur).

Fall Kachelmann

Neue rechtliche Schritte der Ex-Geliebten

Die ehemalige Geliebte von Jörg Kachelmann, Claudia D., geht mit drei weiteren einstweiligen Verfügungen gegen den Wettermoderator vor. Sie wehre sich damit, von Kachelmann als «Falschbeschuldigerin» bezeichnet und der Lügen bezichtigt zu werden, sagte ihr Anwalt Manfred Zipper heute der Nachrichtenagentur dapd. Kachelmann habe diese Vorwürfe unter anderem Sonntagabend in der ARD-Sendung «Günther Jauch» erhoben. Gegenstand einer dritten Verfügung sei Kachelmanns Äusserung, Claudia D. sei «eine Kriminelle aus Schwetzingen». Dies hatte der 54-Jährige am Donnerstag in einem Radiointerview gesagt. Zipper ergänzte, er bereite zurzeit weitere Verfügungen im Auftrag anderer Personen vor. Auch diese würden von Kachelmann in seinem vergangene Woche erschienenen Buch «Recht und Gerechtigkeit» angegriffen.

Auch Ärger mit der Polizei?

Kachelmann könnte wegen seiner Vorwürfe gegen Ermittler auch Ärger mit der Polizei bekommen. Die Polizeidirektion Heidelberg berate, ob Äusserungen Kachelmanns Straftatbestände erfüllten und inwieweit er die Unwahrheit behauptet habe, sagte Polizeisprecher Norbert Schätzle auf Anfrage. Kachelmann wirft der Polizei vor, ihn im Laufe der Ermittlungen wie einen Verbrecher behandelt zu haben. Vom Landgericht Mannheim wurde er jedoch vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. (vin/dapd)

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