Kalifornien entzieht Landwirten hundert Jahre alte Wasserrechte

Die Dürre in Kalifornien hat ein Ausmass erreicht, dass behördliche Verbote der Wasserentnahme nun auch Landbesitzer treffen, die nie damit gerechnet hätten.

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Trotz der andauernden Dürre in Kalifornien ist das Weideland von Richard Jones und seiner Frau Danna noch saftig grün. Das dafür benötigte Wasser stammt aus einer Schlucht, die sein Grossvater 1911 in Besitz nahm. Doch ihr fast in Stein gemeisseltes Recht auf Wasser wurde am Freitag ausgesetzt: Die Verwaltung ordnete an, dass die Jones für ihr ländliches Grundstück östlich von Redding kein Wasser mehr entnehmen dürfen.

Sie zählen zu mehr als 100 Inhabern von vorrangigen Wasserrechten, die sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten sagen lassen müssen, dass grössere Wasserläufe im landwirtschaftlich geprägten Central Valley von Kalifornien zu stark ausgetrocknet sind, um noch den Bedarf decken zu können. Und sie werden nicht die letzten sein, denen dies passiert, wie die Behörde bereits angekündigt hat.

«Der Fleck wird fürchterlich aussehen», sagt Danna Jones. Sie und ihr Mann sind auf das Geld angewiesen, das sie dafür bekommen, Vieh auf ihrem Land weiden zu lassen, um Grundsteuern zu zahlen.

«Es wird austrocknen und zu einer Distelfläche werden. Es wird nicht gut für uns sein.»Danna Jones

Die rechtlich bindenden Wasserkürzungen haben nun nach Städten und Farmern mit weniger ausgeprägten Rechten auch jene erreicht, die geschichtlich davon ausgenommen waren. Tausende Menschen, Wasserbezirke und Körperschaften, deren Rechte auf die Zeit vor 1914 zurückgehen, hatten bislang einen nahezu garantierten Zugang zu Wasser. Einige drohen mit Klagen, damit das auch im vierten kalifornischen Dürrejahr in Folge so bleibt.

Beschränkte Ausweichmöglichkeiten

Unter ihnen sind zwei kleine Bewässerungsbezirke, die Farmer in der Nähe des San-Joaquin-Flusses beliefern. Sie wollen diese Woche vor Gericht ziehen. Ihre Anwältin Jeanne Zolezzi sagt, die Bezirke bedienten kleine Familienbetriebe, die auf das Wasser aus dem Fluss angewiesen seien, um Früchte wie Aprikosen und Walnüsse anzubauen. Sie hätten kaum Ausweichmöglichkeiten wie Brunnen oder Wasserspeicher. «Viele Bäume würden absterben, und viele Menschen würden das Geschäft aufgeben», erklärt Zolezzi. Es gehe nicht um eine Kürzung um 25 Prozent wie in den Städten. «Dies ist eine hundertprozentige Kürzung: kein Wassernachschub.»

Ökonomen und Agrarexperten sagen, der Anbau einiger Früchte werde sich kurzfristig in wasserreichere Regionen verlagern, deshalb hätten die Kürzungen wenig unmittelbaren Einfluss auf die Lebensmittelpreise.

Mitarbeiter der staatlichen Wasseraufsichtsbehörde, die die Kürzungen verhängte, verteidigen die Ausweitung der Massnahme auch auf Inhaber vermeintlich unabänderlicher Rechte inmitten der schwersten Dürre seit Menschengedenken. Dies sei eine Konsequenz des strengen kalifornischen Wasserrechts. Wer kein Wasser mehr aus Flüssen und Bächen ableiten dürfe, habe andere Optionen, darunter das Anzapfen von Grundwasser, den Ankauf von Wasser zu steigenden Preisen oder die Nutzung gespeicherten Wassers. Ausserdem könnten Betroffene Felder brach liegen lassen.

«Es wird für jeden von ihnen eine andere Geschichte sein, und ein Kampf für alle von ihnen.»Thomas Howard, Direktor der Wasseraufsichtsbehörde

Das kalifornische Wasserrecht stellt die Rechte derer unter besonderen Schutz, die ihren Anspruch auf Wasserläufe vor mehr als einem Jahrhundert erhoben oder deren Grundstück an einen Fluss oder Bach grenzt. Es ist das erste Mal seit einer Dürre 1977, dass der US-Staat einer grösseren Zahl dieser Rechteinhaber die Wasserentnahme verbietet. Und es sind für sie die umfangreichsten Beschränkungen in der Geschichte.

Schrumpfende Wasservorräte

Jonas Minton, ein Berater bei der privaten Organisation Planning and Conservation League (Planungs- und Umweltschutzliga), erklärt, Dürren eines solchen Ausmasses seien in Kalifornien nicht beispiellos. Doch geändert habe sich, dass die Bevölkerungszahl auf 38 Millionen angestiegen sei und unzählige Hektar Farmland bewässert werden müssten. Den Behörden oder Umweltschützern dürfe nicht die Schuld zugewiesen werden. «Die heutigen Kürzungen werden nicht freiwillig verhängt», sagt Minton. «Sie sind eine Reaktion auf die Realität der schrumpfenden Wasservorräte.»

Andere sind der Ansicht, der Staat achte zu sehr auf den Umweltschutz und nehme zu wenig Rücksicht auf individuelle Umstände. Kent Morgan, dessen Ranch 80 Kilometer östlich von Sacramento seit drei Generationen im Besitz der Familie ist, sagt, er sei auf «eine winzige» Menge Wasser aus einem Bach auf seinem Grundstück angewiesen, um mehrere Rinder zu züchten und einen Gemüsegarten für zwei Familien zu unterhalten. «Wenn die mir sagen, ich darf nicht nutzen, was durch mein Land fliesst, dann ist das nicht das, woran mein Urgrossvater gedacht hat, als er es gekauft hat», erklärt Morgan. «Ein paar von uns Pionierfamilien werden jetzt richtig aufs Kreuz gelegt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 18:20 Uhr

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