Korane für Bern

Junge Männer verteilen in Bern seit einiger Zeit Gratis-Korane. Sie sind Teil eines europäischen Netzwerks, dem Verbindungen zu extremistischen Organisationen nachgesagt werden.

«Wir haben keine Verbindungen zu Terror-Organisationen»: Jeden Donnerstagabend verteilen junge Männer unter dem Baldachin Gratis-Korane.

«Wir haben keine Verbindungen zu Terror-Organisationen»: Jeden Donnerstagabend verteilen junge Männer unter dem Baldachin Gratis-Korane. Bild: Der Bund

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die drei jungen Männer unter dem Baldachin wirken sympathisch und aufgeschlossen. Wie jeden Donnerstagabend verteilen sie nach Feierabend auf dem Berner Bahnhofplatz Gratis-Korane an die vorbeiströmenden Passanten. Auf ihren Rücken tragen sie grosse, rote Banner wie einen Rucksack, um auf sich aufmerksam zu machen. «Lies!» steht darauf. Und lesen wollen den Koran in der Hauptstadt offenbar viele. Die vollgepackten Rollkoffer leeren sich während des Abends zügig. Seit dem «angeblichen» Anschlag auf Charlie Hebdo sei die Nachfrage nochmals gestiegen, erklärt einer der jungen Männer.

Verbindungen zu Extremisten?

Das in Deutschland gegründete Lies!-Projekt will nach eigenen Angaben den Menschen in Europa den Islam näherbringen. 25 Millionen Gratis-Korane sollen in ganz Europa verteilt werden. In den Medien erntete das Projekt aber bisher vor allem Kritik. Den Organisatoren werden Verbindungen zu radikalen oder gar terroristischen Organisationen vorgeworfen. Das schreibt etwa die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». In Ludwigshafen wurde die Koranverteilung gar verboten.

Hinter Lies! steht die deutsche Organisation «Die wahre Religion». Dessen Initiator, der Kölner Ibrahim Abu Nagie, ist bekannt für eine radikale Auslegung des Korans. Nagie legitimiere Gewalt gegen Nichtgläubige, zitiert ihn die Kölner Staatsanwaltschaft. Ebenso gilt der deutsche Pierre Vogel als Drahtzieher des Projekts. Gegen ihn verhängte die Schweiz vor sechs Jahren ein Einreiseverbot.

«Wir sind keine Salafisten»

Im Gespräch mit den jungen Männer unter dem Baldachin, erhält man aber so gar nicht den Eindruck, als pflegten sie Verbindungen zu extremistischen Netzwerken. Stattdessen scheint man sie auf der Strasse zu kennen. Viele reichen ihnen beim Vorbeigehen die Hand und wechseln ein kurzes «Salam!».

Einer der jungen Koran-Verteiler willigt in ein Treffen ein, um über das umstrittene Projekt zu sprechen. Nur wenige Tage später aber kommt die Absage: Kein Treffen, keine Antworten. Anweisung der Projektverantwortlichen. Man habe schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Der junge Mann fürchtet, dass er beim Projekt nicht mehr mitmachen dürfte, wenn er redete.

Eine Woche später sind die drei jungen Männer wieder unter dem Baldachin anzutreffen. Einer der Gläubigen versichert, dass niemand von ihnen mit der Presse sprechen werde. Und sagt dann doch: Er verstünde sich als Diener des Projekts und damit als Diener Gottes. Es läge nicht in seiner Kompetenz, über den Koran und über das Projekt zu sprechen.

Er erzählt, dass er Geschichte an der Universität Bern studiere. Vor neun Jahren sei er zum Islam konvertiert. Nein, sie seien keine Salafisten, wie es die Medien immer schrieben, sondern normale, gläubige Muslime – und er sei gebürtiger Berner.

Ein zweiter Mann stösst dazu und sagt, dass er jeden Donnerstag herkomme, um Korane zu verteilen. Nur ein einziges Mal habe er bisher gefehlt. Für einen kurzen Moment huscht ein Ansatz von Stolz über sein Gesicht. Dann wird er wieder ernst: «Wir haben keine Verbindungen zu terroristischen Organisationen.»

Finanziert werde das Projekt über Spenden. Woher die Spenden kämen, wisse er nicht genau. Sein Ziel sei, dass sich die Leute dank den Koranen ein eigenes Bild über den Islam machen könnten. Er sei übrigens Schweizer. In welcher muslimischen Gemeinde die jungen Männer verkehren, sagen sie nicht.

Dann grüsst ihn eine junge Frau beim Vorbeigehen. Als sie weg ist, sagt er: «Zu Frauen halte ich Distanz.» Weil er «zu Hause schon eine» habe. Dann sagt er nichts mehr. Der Satz fällt plötzlich und unerwartet. Er hinterlässt ein Gefühl der Befremdung und will nicht in das Bild des aufgeschlossenen, sympathischen jungen Mannes passen.

Netzwerk von Konvertiten

Welche Personen hinter dem Lies!-Projekt stehen, kann auch Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler an der Universität Bern, nicht mit Sicherheit sagen. Er sagt, dass es sich bei Organisationen wie Lies! oftmals um schwer identifizierbare Netzwerke aus dem Konvertitenmilieu handle. Es sei anzunehmen, dass der Schweizer Ableger von Lies! durch den Islamischen Zentralrat (IZRS) unterstützt werde.

Schulze sagt aber, dass Strassenaktionen wie die der Koranverteilung in Bern an sich so unproblematisch seien wie die Strassenmission anderer, nicht muslimischer Sekten. «Wie alle Religionen ist auch der Islam nicht vor missionarischen Sekten gefeit», so der Islam­wissenschaftler. Allerdings berge die Strassenmission in bestimmten Situationen für gewisse Menschen die Gefahr, dass sie sich der hinter der Strassenmission stehenden Gruppe anschliessen und dann, wenn es sich um eine Sekte handle, ihre Autonomie verlieren würden.

Zur Koran-Übersetzung, welche die jungen Männer in Bern verteilen, sagt Reinhard Schulze: Übersetzt habe den Koran Muhammad Ahmad Rassoul 1986 mit der Unterstützung von Saudiarabien. Er macht auf die Tatsache aufmerksam, dass diese Übersetzung das «Wohlwollen der Saudis» gefunden habe, weil sie sich eines gewissen islamisch-arabischen, pathetischen Sprachgebrauchs bediene. Die Übersetzung versuche das Verständnis der Altvorderen – also der frühen Muslime – aufzugreifen.

Berner Imam kritisiert Projekt

Dem Berner Imam, Mustaf Memeti, ist das Projekt ein Dorn im Auge. «Meine Gefühle als Muslim werden mit Lies! verletzt», sagt er. Das Projekt schaffe nur Vorurteile. Die jungen Männer dächten zwar, dass sie etwas Gutes für den Islam täten. Aber das Gegenteil erreichten sie: «Wie sollen diese jungen Männer den Islam auf der Strasse erklären wollen?»

Es verstosse gar gegen theologische Grundprinzipien des Islams. Memeti ist sich sicher, dass hinter Lies! in Bern der Islamische Zentralrat stehe. «Das sind rückständige Kräfte, die nur negativ denken», sagt der Imam des Hauses der Religionen.

IZRS findet Verteilung förderlich

Der Sprecher des islamischen Zentralrats, Qaasim Illi, zeigt sich unbeirrt: «Wir beziehen mehrheitlich beim Lies!-Projekt Korane, die kostenlos an unseren Infoständen in mehr als zehn Schweizer Städten bezogen werden können.»

Gleichzeitig sagt Illi aber auch, dass sie mit dem Lies!-Projekt «nichts zu tun haben und es auch nie unterstützt» hätten. Die Verteilung des Korans erachte der IZRS aber als förderlich für das bessere Verständnis des Islams. Die Organisatoren des Lies!-Projekts in Deutschland haben auf wiederholte Anfragen des «Bund» nicht reagiert. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2015, 08:44 Uhr

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Post für den Klimawandel: Auf dem Aletschgletscher haben Klimaschützer eine riesige Postkarte ausgerollt, die aus rund 125'000 einzelnen Postkarten besteht. Diese soll auf den Klimawechsel und die Bedrohung der Gletscher aufmerksam machen. (16. November 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...