Liegt Basel wirklich am Meer?

Der Zolli will ein Meeresaquarium in die Stadt stellen. Die Gegner fragen: Darf man Tiere zur Unterhaltung einsperren?

In Basel soll das grösste Meeresaquarium der Schweiz entstehen. Am 19. Mai stimmt die Bevölkerung darüber ab. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

In Basel soll das grösste Meeresaquarium der Schweiz entstehen. Am 19. Mai stimmt die Bevölkerung darüber ab. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

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Zum Apéro gibt es Salzfischli. Olivier Pagan, seit fast zwei Jahrzehnten der Direktor des Basler Zoos (Entschuldigung: des «Zolli»), markante Augenbrauen, gross und schlank, greift herzhaft in die Apéroschale. Doch zum Essen kommt er nicht. «Herr Pagan, können Sie mir noch einmal erklären, wie das mit dem vielen Wasser funktioniert?»

Kann er. Der Direktor führt seit Monaten solche Gespräche, er führt eigentlich nur noch solche Gespräche. Eben hat er vor 200 Besucherinnen und Besuchern einer Infoveranstaltung des Zolli mit wärmsten Worten für sein Projekt geworben, richtig geschwärmt hat er, vom Nutzen für die Umwelt, für die Bildung, für die Stadt!

Und das Beste: Es ist ein Geschenk. Die sagenhafte Summe von 100 Millionen Franken kostet das geplante «Ozeanium» (etwas weniger als das Zentrum Paul Klee in Bern), das grösste Aquarium der Schweiz soll es werden, Tausende Fische und Meerestierarten in 40 Becken, bis zu 700'000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr, zusätzlich zur Million, die jedes Jahr in den Zolli kommt, finanziert mit privaten Geldern. «Basel liegt am Meer», war der Titel von Pagans erster Folie, illustriert mit der Ansicht des Münsters und einem auf Meeresgrösse vergrösserten Rhein.

Zoodirektor Olivier Pagan hofft auf die Bevölkerung. Foto: Lucian Hunziker

Seit zehn Jahren plant der Zolli das Ozeanium, der Regierungsrat und das Parlament unterstützten es, und doch kommt es nun auf einen einzigen Tag an: Am 19. Mai wird die Bevölkerung über das Ozeanium entscheiden. Dann weiss Pagan, ob all die Arbeit für nichts war und er die zweckgebundenen Spenden, bereits sind über 50 Millionen zugesagt, wieder zurückgeben muss.

Nervös wirkt der Zollidirektor an diesem Abend nicht. Es kommen kaum kritische Fragen während der Veranstaltung, stattdessen viele Schulterklopfer am Apéro, hochgereckte Daumen bei der Verabschiedung. Der Zolli, das zeigt schon seine Schreibweise, hat einen speziellen Stellenwert in der Stadt. «Diese Identifikation gibt es in ganz Europa sonst nirgends», sagt Direktor Pagan, der im Moment auch den Verband der Zoologischen Gärten im deutschsprachigen Raum präsidiert und darum weiss, wovon er spricht.

«Unser Zolli»

Auf die grosse Identifikation vertraut der Zolli auch in der Abstimmungskampagne. «Unser Zolli, unser Ozeanium», heisst es auf den Plakaten, die in der ganzen Stadt aushängen, und auf denen bekannte Einwohner ihr Bekenntnis zum Zolli abgeben. «Für unser Basel», heisst es etwa schlicht auf dem Plakat von -minu, Stadtoriginal, Klatschkolumnist. Ein Zeugnis jener Mentalität, die die eigene Stadt und ihre Institutionen (Kultur! Fasnacht! FCB!) stets etwas wichtiger nimmt als die restliche Welt.

Und trotzdem. Trotz all der Identifikation ist es heute schwierig vorauszusehen, wie die Abstimmung im Mai ­ausgehen wird. Es gibt in Basel eine Geschichte der verhinderten Gross­projekte, und die Heuwaage, wo das Ozeanium hingestellt werden soll, ein städtebaulicher Unort zwischen Zoo und Innenstadt, ist Teil dieser Geschichte. 2003 sollte die Heuwaage mit einem von den Architekten Herzog & de Meuron entworfenen Multiplex-Kino aufgewertet werden, das Projekt wurde mit fast 70 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Zu gross, zu wuchtig, unnötig.

«Auch das Ozeanium ist wieder so ein Klotz auf der Heuwaage. Viele Leute wollen das nicht.» Die Frau, die das sagt, sitzt in einem Sitzungszimmer im Berner Mattequartier, und sie ist verantwortlich dafür, dass die Baslerinnen und Basler überhaupt über das Ozeanium abstimmen werden. Vera Weber ist Geschäftsführerin der Tier- und Naturschutzorganisation Fondation Franz Weber in Bern und treibende Kraft hinter dem Referendum. Sie fühle sich sehr mit der Stadt verbunden, sagt Weber, auch wenn sie nie in ihr gelebt habe. Ihr kürzlich verstobener Vater war Stadtbasler, sie selber hat das Bürgerrecht.

Tierschützerin Vera Weber kämpft gegen das Ozeanium. Foto: Franziska Scheidegger

Die städtebaulichen Aspekte spielen in ihrem Kampf allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Ihr geht es um die Tiere. «Der Bau eines solchen Aquariums in einem Binnenland wie der Schweiz macht keinen Sinn.» Man müsse die Tiere schützen, wo sie sind. Im Meer. Und sicher nicht in einem Aquarium in Basel. «Es ist eine Beleidigung für die Intelligenz der Leute, wenn man glaubt, dass man Tiere hinter einer Scheibe einsperren muss, damit die Menschen lernen, wie sie zu schützen sind.» Auf der ganzen Welt hätten nur ganz wenige Menschen das Privileg gehabt, einen Blauwal in echt zu sehen. «Und trotzdem wissen wir alle, dass der Blauwal ein schützenswertes Tier ist.»

Tiere aus ihrem Lebensraum zu holen, ihren Tod auf dem Transportweg zu riskieren (Vera Weber zitiert im Abstimmungskampf jeweils eine Studie, in der von bis zu 80 Prozent toten Tieren pro Transport die Rede ist) und sie dann hier einzusperren, befriedige die Schaulust des Menschen – und sonst nichts. «Es ist auch kurzfristig gedacht: Was macht man mit dem Bau, wenn in ein paar Jahren der Import von Meerestieren verboten wird? So wie der Import von Walen und Delfinen heute schon verboten ist!»

Tierethiker Markus Wild kritisiert das Konzept Zoo. Foto: Nicole Pont

Unterstützt wird Vera Weber von den Grünen in Basel und diversen Umwelt- und Tierschutzorganisationen. Bis jetzt hat das Nein-Lager nicht annähernd die gleiche Sichtbarkeit wie die Befürworter. «Es ist nicht ganz einfach, sich in Basel öffentlich gegen den Zoo auszusprechen», sagt Philosophieprofessor und Tierethiker Markus Wild von der Uni Basel. Der Professor hat seinen Hund Titus zum Gespräch mitgebracht und trägt ein T-Shirt mit Hummer-Aufdruck. «Es ist darum nachvollziehbar, dass der Widerstand zuerst von aussen kommt.» Von Vera Weber aus Bern, von ihm, der ursprünglich aus Appenzell ­Innerrhoden stammt. Das Vertrauen in die Institution Zolli sei in der Stadt so gross, dass die Kampagne ausschliesslich über die Identifikation mit dem Zoo und nicht über Argumente laufe, sagt Wild. «Wir reden kaum darüber, ob so ein Ozeanium wirklich gut für die Natur und die Tiere ist.»

«Ein falsches Bild der Natur»

Der Philosophieprofessor hat zum Schmerzempfinden von Fischen geforscht und ist, im Unterschied zu den anderen Kritikerinnen des Ozeaniums, ein grundsätzlicher Gegner des Konzepts Zoo. «Die auf die Sichtbarkeit der Tiere ausgerichteten Zoos geben uns ein falsches Bild der Natur.» Das Ozeanium stehe dabei besonders quer in der Landschaft. So viele Ressourcen, die in die Sensibilisierung für ein Problem statt in die Lösung dieses Problems gesteckt würden. So viel verschwendete Energie, so viel verschwendetes Geld!

Olivier Pagan, der Zoodirektor, kennt diese Argumente. «Das ist eine Anti-Zolli-Kampagne», sagt er. «Sinn und Zweck eines wissenschaftlich geführten zoologischen Gartens ist es, Menschen für das lebendige Tier zu begeistern. Sie erleben zu lassen, wie sich Tiere verhalten und sie für ihren Schutz zu sensibilisieren.» Das Ozeanium sei ein Ort für Bildung, ein Ort für Erholung, ein nachhaltig geplantes, ökologisch sinnvolles, dem Tierwohl angepasstes Projekt. «Ich wäre unendlich traurig, wenn die Bevölkerung uns signalisieren würde, dass sich der Zolli in die falsche Richtung entwickelt.» Er werde alles dafür tun, dass es nicht so weit komme. Und gerne noch einmal erklären, wie das mit dem vielen Wasser funktioniert.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 19:25 Uhr

Das Projekt Ozeanium

Im Umkreis von 500 Kilometern rund um Basel gibt es kein vergleichbares Aquarium wie das geplante Ozeanium. Auf einer Fläche von rund 10'000 Quadrat­metern sollen mehrere Tausend Meeresbewohner in insgesamt 40 Aquarien gezeigt werden. Damit das Ozeanium gebaut werden kann, muss die Basler Heuwaage umgezont werden. Der ­entsprechende Bebauungsplan wurde von Regierungsrat und kantonalem Parlament gutgeheissen. Gegen den Entschluss haben verschiedene Umweltschutzorganisationen das Referendum ergriffen. Sagt die Stimmbevölkerung Ja, wird ab 2020 gebaut. Die geplante Eröffnung ist im Jahr 2024. (los)

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