«Man kann nichts für sie tun»

Nun ist bereits die vierte Leiche am Mount Everest gefunden worden – zwei Personen werden noch immer vermisst. Ein Augenzeuge berichtet von dramatischen Szenen beim fatalen Ansturm auf den Gipfel.

Gefährliche Höhe: Der Mount Everest übt trotz gesundheitlicher Gefahren eine grosse Faszinationen auf Bergsteiger aus.

Gefährliche Höhe: Der Mount Everest übt trotz gesundheitlicher Gefahren eine grosse Faszinationen auf Bergsteiger aus. Bild: Keystone

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Die Zahl der Toten bei einem gefährlichen Abstieg vom Mount Everest hat sich auf vier erhöht. Wie ein Sprecher der nepalesischen Bergwacht heute mitteilte, wurde die Leiche eines chinesischen Bergsteigers gefunden; es handelt sich um den 55-jährigen Wen Ryi Ha, wie das Nachrichtenportal «Foxnews» berichtet. Eine weitere Person, ein Nepalese, wird nach wie vor vermisst. Die vier Toten waren im Alter zwischen 33 und 61 Jahren.

Ein zunächst als vermisst gemeldeter 24-jähriger Sherpa hingegen habe sicher das Basislager erreicht. An einem der ersten Wochenenden der Saison mit guten Wetterbedingungen hatten am Samstag insgesamt etwa 150 Alpinisten den Aufstieg auf den mit fast 8850 Metern höchsten Gipfel der Erde gewagt. Beim Abstieg kamen neben dem heute tot aufgefundenen Chinesen ein Arzt aus Deutschland, eine Kanadierin und ein Südkoreaner ums Leben. Zwei weitere Kletterer, ein Tscheche und ein Iraner, werden vermisst.

Halluzinierende, erschöpfte Menschen

Ein Augenzeuge berichtete von einem regelrechten Überlebenskampf auf dem höchsten Berg der Welt. Jon Kedrowski, ein US-Amerikaner, der wegen der schlechten Wetterbedingungen den Aufstieg rechtzeitig abgebrochen hatte, erzählte im Gespräch mit KDVR Television, er habe mehrere Menschen mit der Höhenkrankheit gesehen und versucht, ihnen zu helfen – ohne Erfolg: «Wenn man nicht mit einer grossen Gruppe unterwegs ist, kann man nichts für sie tun», sagte er.

Ein Mann habe beispielsweise halluziniert, seinen Helm und seine Handschuhe ausgezogen und die Hand nach ihm ausgestreckt. «Er schaute mich an und versuchte, mich zu erreichen – er wirkte wie ein Zombie», schildert Kedrowski den beklemmenden Moment.

Er habe Menschen gesehen, die gestorben seien, die Orientierung verloren hätten oder in Ohnmacht gefallen seien, so der Alpinist. Eine weitere Person habe hilflos mit dem Gesicht im Schnee gelegen.

Ein Jahr lang täglich vorbereitet

Auch intensives Training hilft unter derart schwierigen Bedingungen offenbar nur begrenzt: Wie «Spiegel online» berichtet, hatte sich einer der toten Alpinisten, ein 61-jähriger Arzt aus Aachen, ein Jahr lang täglich auf den Aufstieg vorbereitet.

Lange hatte er mit einem befreundeten Bergsteiger im Camp auf den geeigneten Zeitpunkt für den Aufstieg gewartet. Er habe kurz zuvor noch über starke Winde geklagt, schreibt das Online-Portal weiter. Trotz des intensiven Trainings sei er wohl an Erschöpfung gestorben.

Behörden warnen

In Erwartung eines neuerlichen Ansturms von Bergsteigern auf den Mount Everest äusserten die nepalesischen Behörden Sicherheitsbedenken. Rund 200 Bergsteiger hätten sich für das kommende Wochenende angekündigt, sagte ein Mitarbeiter der nepalesischen Bergsportbehörde. Angesichts unbeständiger Wetterbedingungen warnten die Behörden vor einem Aufstieg, nachdem es am Samstag zu einem Stau auf dem Berg gekommen war.

Die Saison für die Besteigung des Mount Everest dauert normalerweise von Ende März bis zur ersten Juni-Woche. Am Freitag und Samstag herrschten das erste Mal in der laufenden Saison gute Aufstiegsbedingungen. Allerdings schloss sich das Zeitfenster bereits am Samstagnachmittag wieder, weil ein Sturm in der Höhe wütete. Viele der Kletterer hatten seit Tagen im Basislager auf ihre Chance gewartet.

Zu wenig Sauerstoff einkalkuliert

Daher war der Ansturm am Wochenende sehr gross. Weil am Samstag ein starker Wind aufzog, mussten die Alpinisten in gefährlicher Höhe ausharren. «Die Kletterer mussten länger darauf warten, bis sie weitergehen konnten, und verbrachten zu viel Zeit in grosser Höhe», sagte Gyanendra Shrestha von der nepalesischen Bergsportbehörde der Nachrichtenagentur AP. «Wir vermuten, dass viele über eine zu geringe Menge Sauerstoff verfügten, weil sie die zusätzliche Zeit nicht einkalkuliert hatten.»

Zudem würden Aufstiege zurzeit erschwert, weil nur wenig Neuschnee gefallen sei und die Oberflächen entsprechend vereist seien, wie der «Guardian» berichtet.

Ausserdem hätten sich manche Kletterer über bekannte Zeitrestriktionen hinweggesetzt: «Teilweise waren Alpinisten noch um 14.30 Uhr auf dem Weg zum Gipfel – das ist ziemlich gefährlich», so Shrestha gegenüber «Foxnews». Es gilt grundsätzlich als sehr riskant, den Gipfel des Mount Everest nach 11 Uhr anzusteuern, weil sich die Wetterbedingungen dann schnell verschlechtern.

Der Bereich über 8000 Metern gilt als Todeszone, weil dort der Sauerstoffgehalt der Luft erheblich geringer ist als auf Meereshöhe und weil ein Überleben ohne Sauerstoff aus der Flasche nur für kurze Zeit möglich ist.

Gefährliche Höhenkrankheit

Am Mount Everest gehen die meisten Todesfälle auf das Konto der Höhenkrankheit. Die Bergsteiger verausgaben sich beim Aufstieg und haben kaum noch Kraft für den Abstieg ins Basislager. Seit Edmund Hillary und Tenzing Norgay 1953 erstmals den Berg bestiegen hatten, schafften es bisher rund 3700 Menschen auf den Gipfel.

Der bisher folgenschwerste Tag am Mount Everest war der 10. Mai 1996, als acht Menschen ums Leben kamen. Auch damals starteten viele Kletterer ihren Aufstieg erst spät und gerieten am Nachmittag in einen Schneesturm. Insgesamt sind seit den 50er-Jahren fast 250 Menschen am höchsten Berg der Welt gestorben.

Mit Material von der Nachrichtenagentur sda

Erstellt: 22.05.2012, 15:30 Uhr

Ist beim Abstieg gestorben: Die Kanadierin Sriya Shah.

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