Mein Freund, der Bär

Der dreijährige Casey Hathaway war im Wald verschollen – und kam mit einer unglaublichen Geschichte zurück.

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Zwei Nächte und zwei Tage war Casey Hathaway letzte Woche verschwunden. Der Dreijährige hatte mit seiner Schwester und einem Cousin im Garten seiner Urgrossmutter am Waldrand gespielt. Gegen Abend kamen zwei der Kinder nach Hause. Von Casey fehlte jede Spur. Eine Stunde lang suchte die Familie nach ihm, dann schlug sie Alarm.

Hunderte Einsatzkräfte durchkämmten daraufhin das Gebiet rund um Ernul im Bundesstaat North Carolina an der Ostküste der USA: Polizisten, Militär, Taucher, Helikopter, Spür­hunde. Es gibt in der Gegend offene Gewässer, tiefe Gruben, Raubtiere, endlose Wälder. Bilder des Vermissten wurden verbreitet, Aufrufe im Internet lanciert. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt machte sich niemand in Craven County grosse Hoffnung, das Kind noch lebend zu finden.

Das County trägt den Berner Bären im Wappen

Am zweiten Tag musste die Suche abgebrochen werden – Schneeregen und Sturm machten sie unmöglich, die Wälder waren nicht zu durchdringen. Es zog die Rekordkälte auf, die die USA in diesen Tagen im Griff hat. Dann, überraschend, ein Hinweis aus der Bevölkerung, gegen Abend des zweiten Tages: Jemand meinte, die Rufe eines Kindes im Wald gehört zu haben. Wenig später war Casey Hathaway gefunden, 40 Meter vom nächsten Weg entfernt, gefangen im Dornen­gestrüpp, nach seiner Mutter rufend, völlig durchnässt, schlotternd vor Kälte, aber ansonsten wohlauf.

Auf der Polizeiwache, in den Armen seiner Mutter, erzählte Casey dann eine Geschichte, die nun um die Welt geht: Ein Freund habe sich im Wald um ihn gekümmert, sagte er. Er sei von einem Bären beschützt worden. «Er sagte, ein Bär habe ihn begleitet», schrieb Caseys Tante Beanna Hathaway auf Facebook. «Gott hat ihm einen Freund geschickt, um ihn zu schützen. Gott ist ein guter Gott. Es gibt wirklich Wunder.»

«Ja, er sprach von einem Bären», bestätigte Sheriff Chip Hughes am Montag in New Bern, dem Hauptort von Craven County (der im Jahr 1710 von Christoph von Graffenried gegründet wurde und den schwarzen Berner Bären im Wappen trägt). «Aber das ist ein dreijähriger, verängstigter Junge», sagte der Sheriff. «So eine Geschichte kann ich mir nicht zu eigen machen.»

Hauptsache Netflix Schauen

Tatsächlich gibt es viele Schwarzbären in North Carolina. Aber Experten meinen, dass die «Dschungelbuch»-Fabel kaum stimmen kann. «Von so was habe ich noch nie gehört», sagte Chris Servheen, Bärenforscher der Universität Montana, der Zeitung «Guardian». «So verhalten sich Bären nicht. Sie freunden sich nicht mit Menschen an.» Bären haben einen hochempfindlichen Geruchssinn und Angst vor Menschen, sagte Servheen. Ein Bär hätte Casey wahrgenommen, lange bevor das Kind das Tier entdeckt hätte – und wäre dem Dreijährigen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus dem Weg gegangen.

Vermutlich hat Casey sich den Bärenfreund nur selbst vorgestellt. Das hat ihm aber dennoch geholfen, sich im Wald weniger verloren zu fühlen und zu überleben. Diese Woche soll er noch psychologisch untersucht werden. Aber es geht ihm gut. Sein erster Wunsch, als er wieder zu Hause war: Netflix schauen.

Erstellt: 30.01.2019, 19:27 Uhr

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