Menschen und Naturgefahren

Politologe Florian Roth über soziale Massnahmen für den Katastrophenschutz.

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Mehrere Dutzend Tote und Milliardenschäden durch Stürme in den USA, Hunderte Tote bei Überschwemmungen in Südostasien, Tote und immense Zerstörungen durch den Bergsturz in Bondo – Katastrophen und das damit verbundene unfassbare Leid haben in den letzten Wochen die Schlagzeilen dominiert und werden uns auch in Zukunft weiter beschäftigen.

Mit dem fortschreitenden Klimawandel wird die Zahl der extremen Wetterereignisse laut allen Prognosen zunehmen. Um dafür gewappnet zu sein, reichen technische Lösungen allein nicht aus. Vielmehr ist ein grundlegendes Umdenken im Bevölkerungsschutz notwendig: Stürme, Starkregen, Erdbeben und dergleichen sind für sich zwar extreme, aber keineswegs ungewöhnliche Naturprozesse. Katastrophale Wirkung entfalten sie erst, wenn sie auf verwundbare Gesellschaften treffen.

So waren die jüngsten Überschwemmungen in Indien, Nepal und Bangladesh nur deshalb so verheerend, weil infolge sozialer Missstände besonders viele Menschen den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert waren. Doch auch in Industrieländern spielen soziale Faktoren eine Rolle. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass unter den Opfern von Hurrikan Katrina 2005 besonders viele alte Menschen und Menschen aus ethnischen Minderheiten waren, von denen viele in New Orleans in ärmlichen Umständen lebten. Zum Teil fehlte ihnen das Geld für das Benzin, um aus dem Gefahrengebiet zu fahren.

Die Situation in der Schweiz

In einer Studie hat die ETH Zürich die langfristigen ökonomischen Folgen der Schweizer Hochwasser im Sommer 2005 analysiert. Es gibt auch bei uns grosse Unterschiede, wie Menschen mit ein und demselben Ereignis zurechtkommen. Nicht allein der finanzielle Status beeinflusst dabei die Verwundbarkeit gegenüber Naturgefahren. Vielmehr ist es eine Kombination mehrerer Faktoren.

Um dies besser zu verstehen, untersucht das Center for Security Studies der ETH gegenwärtig in einer Folgestudie, welche Rolle soziale Faktoren bei einer Katastrophe in der Stadt Zürich spielen würden: Wer würde es als Letzter mitbekommen, wenn nach einem Schadenereignis – dem Bruch einer Staumauer oder einem Chemieunfall – eine Evakuierung angeordnet wurde? Ältere, sozial isoliert lebende Menschen oder Neuzugezogene, die die Bedeutung des Sirenenalarms nicht kennen? Welche Unterstützung brauchten Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen, um mit den Folgen eines lang anhaltenden Stromausfalls zurechtzukommen? Gibt es Quartiere, in denen die soziale Verwundbarkeit besonders hoch ist? Die Ergebnisse dienen dazu, soziale Faktoren im Bevölkerungsschutz zu berücksichtigen, beispielsweise um eine zielgruppenspezifische Risikokommunikation aufzubauen.

Investition in Widerstandsfähigkeit

In der Vergangenheit konzentrierte sich die Katastrophenvorsorge in erster Linie auf bauliche Schutzmassnahmen wie Hochwasserdämme und Lawinenverbauungen sowie immer präzisiere Frühwarnsysteme wie jene, die Ende August beim Felssturz in Bondo vermutlich zahlreiche Menschenleben retteten.

Jedoch gerät dieser Ansatz immer stärker an seine technischen und auch finanziellen Grenzen, gerade in der Schweiz, wo Häuser, Tunnel und Brücken bereits sehr hohe Sicherheitsstandards erfüllen. Deshalb ist es wichtig, verstärkt in die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung selbst zu investieren. Zu häufig wird Katastrophenschutz immer noch vor allem als technische Herausforderung betrachtet. Dabei sind die Menschen selbst der entscheidende Schlüssel zum besseren Schutz vor den Naturgewalten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 18:34 Uhr

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Florian Roth

Der Politologe und Historiker forscht am Center for Security Studies der ETH auf dem Gebiet der Katastrophenvorsorge und Resilienz.

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