Militante Naturschützer attackieren Waldkindergarten

Der Waldkindergarten im Reichenbachwald in Bern wird seit einem Jahr immer wieder Zielscheibe von Vandalismus.

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Im runden Waldsofa trinken Kinder gerade warmen Tee, auf dem aus Ästen gebauten Tischlein steht eine Schale mit Brotscheiben und Apfelschnitzen. Daniela von Arx, Kindergärtnerin und eine der Betreuungspersonen, erzählt einigen Kindern eine Geschichte über den Frühling. Unter dem Sofa schlüpfen Mäuse durch das Laub. Andere Kinder spielen auf einem Erdhügel, rennen über eine aus Holzstämmen geformte Brücke. An einem Seil mit Holzhaken können die Kinder ihre Rucksäcke aufhängen. Tom Egger, die zweite Betreuungsperson, kümmert sich um das Feuer, zwei Kinder helfen ihm dabei. Eine Rauchfahne steigt auf. Zum Mittagessen wird es Reis mit gerösteten Haselnüssen, Fenchel und Oliven geben. Dann werden die Kinder einem eigenen Projekt nachgehen: Vielleicht graben sie mit einer selbst gebastelten Holzschaufel ein Loch, vielleicht kneten sie Lehmfiguren, vielleicht schwingen sie auf der Schaukel.

«Infrastruktur und Unterrichtsmittel bestehen weitgehend aus natürlichem Material», sagt Michael Schoch, Vater von zwei Kindern und Mitglied im Vorstand des Vereins Waldkinder Bern. Der Verein hat den Kindergarten und die Spielgruppe zusammen mit von Arx und Egger ins Leben gerufen. Schochs Sohn Jonan besuchte den Waldkindergarten und geht jetzt in die 1. Klasse, seine vierjährige Tochter Louanne ist in der Spielgruppe. Kinder, die im Wald spielen und im Umgang und im Austausch mit der Natur selbstbestimmt Erfahrungen sammeln – eine sympathische Sache. Und trotzdem gibt es eine oder mehrere Personen, die am Waldkindergarten Anstoss nehmen. Denn der Kindergarten im Reichenbachwald auf der Engehalbinsel wird immer wieder zur Zielscheibe von Vandalen. Der Wald gehört der Burgergemeinde Bern.

Vandalenakte haben «System»

Aus den Kommentaren muss man schliessen, dass es der Person oder den Personen um den Naturschutz geht. Begonnen hat es im Frühling vor einem Jahr. «Der Wald den Tieren. Wie weit wollt ihr euch noch ausbreiten?», stand auf der Kiste, in der Werkzeug, Kochgeschirr, Blachen und andere Utensilien aufbewahrt werden. Auch der Schriftzug WWF wurde hingekritzelt. Auf eine Informationstafel, auf der es hiess, der Wald sei das Schulzimmer des Waldkindergartens, schrieb jemand: «Das ist kein Schulzimmer, das ist Natur.» Immer wieder gab es auch Sachbeschädigungen: Das Schloss des Forstwagens, in dem sich die Kinder bei grosser Kälte aufwärmen können, wurde mehrmals mit Silikon verstopft, sodass nun ein Vorhängeschloss an der Türe hängt. Der Kamin wurde abgerissen, ein Fensterladen aufgebrochen. «Das sind nicht betrunkene Jugendliche, das hat System», sagt Michael Schoch. «Mit der Zeit wird einem das etwas unheimlich.» In der Quartierzeitung «Arena» hat er kürzlich einen Artikel über die Vorfälle verfasst. Für Tom Egger ist das grösste Problem die Ungewissheit, was als nächstes kaputt sein könnte. «Es ist für uns mühsam», sagt der Lehrer und Musiker.

Für Verein ist es «unverständlich»

Um den Dialog zu suchen, stellte der Verein einen Briefkasten auf, mit dem Aufruf zu notieren, «was Sie freut und woran Sie sich möglicherweise stören». Es gab viele positive Rückmeldungen, aber auch eine – allerdings nicht schriftliche – negative Reaktion: Der auf einen Holzpfosten montierte Briefkasten wurde ausgerissen und weggeworfen. Für Vereinspräsidentin Susanne Loosli Müller sind die anonymen, destruktiven Aktionen «unverständlich». Der Waldkindergarten setze sich ja gerade für die Natur ein und habe im Quartier und darüber hinaus einen sehr guten Ruf. «Der Waldkindergarten entspricht auch einem Bedürfnis.» Mit den Erfahrungen in der Natur sollen Selbstvertrauen und Sozialverhalten der Kinder gestärkt werden. Die Betreuungspersonen Daniela von Arx und Tom Egger sind darauf bedacht, den Kindern Achtsamkeit gegenüber Tieren und Pflanzen, Gewaltlosigkeit und umweltgerechtes Handeln zu vermitteln. Abfall wird weggeräumt, bleibende Spuren werden vermieden. «Es ist darum schon sehr irritierend, dass wir Zielscheibe von Vandalenakten werden», sagt Loosli.

Der Waldkindergarten versuche die Naturpädagogik mit den Grundsätzen Demokratischer Schulen für ein selbstbestimmtes Lernen zu vereinen, sagt Michael Schoch. Das Angebot sei sehr beliebt. Die Warteliste sei lang. Mittlerweile gebe es in und um Bern aber viele ähnliche Projekte. (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2017, 09:39 Uhr

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Burgergemeinde

Vandalenakte «sind recht häufig»

In den Wäldern der Burgergemeinde Bern in und rund um Bern geniessen zahlreiche Spielgruppen, Kinderkrippen und Kindergärten Gastrecht. So auch der Waldkindergarten im Reichenbachwald auf der Engehalbinsel. Mit rund 60 Gruppen und Vereinen bestehe Kontakt, sagt Urs Emch, Förster der Burgergemeinde Bern und stellvertretender Leiter des Forstbetriebs. Mit Gruppen, die im Wald einen festen Standort haben, geht die Burgergemeinde eine schriftliche Vereinbarung ein. Für Waldarbeiten, die für die Sicherheit des Standorts notwendig sind, schickt die Burgergemeinde eine Rechnung – aber letztlich auch das Geld, um die Rechnung zu bezahlen. «Es soll eine finanzielle Nulllösung sein, denn wir verstehen das als Dienst an der Öffentlichkeit», erklärt Emch. Mit der Rechnung wolle man jedoch deutlich machen, dass die Gewährleistung der Sicherheit nicht gratis sei. Vandalenakte gegen die temporären und abbaubaren Einrichtungen von Gruppen kommen immer wieder vor. «Sie sind nicht gerade an der Tagesordnung, aber doch recht häufig», sagt Emch. Pro Jahr werde er ca. fünf- bis achtmal telefonisch verständigt, aber es gebe auch einen Graubereich. Ein «extremer Fall» sei das Steinhölzli. Hier seien es wohl Jugendliche, die immer wieder Sachen kaputt machten oder zerstörten. «Es kommt darauf an, wie weit entfernt vom besiedelten Gebiet der Standort einer Gruppe ist», sagt Emch. So blieben bisher die Standorte von Kinderbetreuungsorganisationen im Bremgartenwald nördlich der Autobahn verschont. «Da müssten die Vandalen wahrscheinlich zu
weit laufen.» (wal)

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