«Piloten sind keine latente Gefahr»

Der Sicherheitsverantwortliche des Pilotenverbands Aeropers, Thomas Steffen, wird auch in Zukunft seinen Kollegen im Cockpit vertrauen.

Ein Berufsstand unter Druck: Angestellte der Fluggesellschaft Germanwings tragen schwarze Bänder an ihrer Uniform. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Ein Berufsstand unter Druck: Angestellte der Fluggesellschaft Germanwings tragen schwarze Bänder an ihrer Uniform. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

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Dass ein Pilot sein Flugzeug absichtlich in einen Berg steuert und damit 149 Menschen und sich selbst auslöscht, erschüttert ihren Berufsstand wie bisher kaum ein anderer Flugunfall.
Ein Pilot fällt jeden Entscheid unter dem Aspekt der Sicherheit. Sollte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft wirklich bestätigen, widerspräche das Verhalten des Co-Piloten diametral unserem Berufsethos, tagtäglich die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten.

Das klingt so, als ob Sie die Ausführungen der Untersuchungsbehörden anzweifeln.
So ist das nicht gemeint. Ich persönlich habe mir dieses Szenario bisher einfach nicht vorstellen können, obschon ich mir nach dem Absturz viele Gedanken über die möglichen Ursachen gemacht habe. Für mich liegen noch zu wenig gesicherte Erkenntnisse vor, um ein ab­schliessendes Urteil zu fällen. Es müssen zuerst alle Faktoren eruiert werden, die zur Tragödie geführt haben. Wir wehren uns daher gegen eine Vorverurteilung des Piloten.

Weshalb konnten Sie sich dieses Szenario bisher nicht vorstellen?
Einerseits gab es das in unserem Umfeld noch nie. Andererseits verdrängen wir Menschen im Alltag etliche Risiken, um unser Leben zu meistern – etwa die Gefahren im Strassenverkehr. Zudem ist Vertrauen für uns Besatzungen ein bedeutendes Thema.

Inwiefern?
Es ist das Fundament unseres Berufs. Weil ein Flug ein sehr komplexes System darstellt, bei dem etliche Faktoren zusammenstimmen müssen, bin ich als Pilot darauf angewiesen, vielen Menschen zu vertrauen: von den Mitarbeitern, die das Flugzeug betanken, über Techniker, die für die Wartung zuständig sind, bis hin zu den Fluglotsen, die uns die Starterlaubnis erteilen. Und in erster ­Linie meinem Kollegen im Cockpit.

Vertrauen Sie ihm, wenn Sie das nächste Mal in ein Cockpit steigen?
Wenn ich nächstes Mal das Cockpit Richtung Toilette verlasse, wird mir sicherlich der Vorfall in den Sinn kommen – das ist nichts als menschlich. Ich habe aber absolut keinen Anlass, auf meinem nächsten Flug an meinem Kollegen zu zweifeln. Die Leute sind schliesslich noch dieselben wie vor dem Absturz. Die Sicherheit ist nicht kleiner, nur weil mir ein zusätzliches Risiko bewusst ist.

Fürchten Sie nun um den Ruf der Piloten?
Ja, ich persönlich schon, auch wenn dies eigentlich nicht gerechtfertigt ist. Schliesslich sind Piloten auch nur Menschen. Sollte sich der Verdacht der Untersuchungsbehörden bestätigen, lag das Problem nicht im Pilotenhandwerk, sondern in einer menschlichen Tragödie. Ich befürchte, dass die Leute mehr Angst vor dem Fliegen haben.

Weil die Piloten unter Generalverdacht stehen?
Es ist falsch, aufgrund eines Einzelfalls Piloten als latente Gefahr zu sehen und sie damit unter Generalverdacht zu ­stellen.

Ist die bei zahlreichen Airlines nun eingeführte Regelung sinnvoll, dass sich stets zwei Besatzungsmitglieder im Cockpit aufzuhalten haben?
Wir können den Entschluss nachvollziehen. Bei der Regelung handelt es sich um eine Sofortmassnahme, die einen Beitrag leisten kann, um die Sicherheit in der Fliegerei im Moment zu erhöhen.

Wissenschaftler schreiben in einem Fachartikel, der Lebensstil von Piloten erscheine zwar attraktiv. Tatsächlich seien ihre Arbeitsbedingungen aber «ungastlich» und «unangenehm».
Es ist eine Tatsache, dass unser Job auch viele unangenehme Seiten hat: Wir arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit, am Wochenende, an Feiertagen, wir sind im Cockpit einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Unser Beruf hat aber auch viele schöne Seiten und übt immer noch eine grosse Faszination aus. Deshalb haben die Airlines offenbar keine Mühe, Piloten zu finden.

Piloten stehen unter einer ­konstanten psychischen Belastung. Wie werden sie in ihrem Alltag psychologisch begleitet, falls sie bei Liebeskummer oder anderen Krisen Hilfe benötigen?
Es gibt bei vielen Airlines Stellen, bei welchen sich Besatzungsmitglieder melden können und Hilfe holen können. Personen, die dort tätig sind, unterstehen in der Regel nicht den Vorgesetzten der Piloten. Die Betroffenen müssen deshalb nicht befürchten, dass sie deswegen beim Chef vortraben müssen. Prinzipiell ist es aber eine Frage der ­Eigenverantwortung. Wenn wir merken, dass wir aus psychologischen Gründen nicht in der Verfassung sind zu fliegen, müssen wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen und uns vom Flugdienst abmelden.

Es ist bekannt, dass viele Piloten zwar die Möglichkeit hätten, bei Psychologen oder Psychiatern Hilfe und Beratung anzufordern, diesen aber nicht vertrauen.
Wir unterscheiden uns diesbezüglich wohl kaum von anderen Menschen. Wir durchlaufen vor der Ausbildung eine Selektion, die auch psychologische Tests umfasst. Ich habe meine Resultate gesehen und mich darin wiedererkannt und hege kein generelles Misstrauen gegen psychologische Untersuchungen.

Was, wenn ein Kollege nun aber ein psychisches Problem hat und trotzdem zur Arbeit erscheint?
Wir planen im vorgängigen Briefing nicht nur die Flugroute und den nötigen Treibstoff. Wir unterhalten uns und spüren dabei schnell, ob jemand bei der Sache ist oder nicht. Wenn wir das Gefühl haben, es sei etwas nicht in Ordnung, weisen wir einander darauf hin oder fragen nach. Bei einer gesunden Firmenkultur funktioniert das in der Regel gut. Mir sind Fälle von Piloten bekannt, die ihren Kollegen wieder nach Hause geschickt haben.

Werden Sie auf solche zwischenmenschliche Aspekte sensibilisiert?
Ja. Dies ist ein Bestandteil der Aus-, aber auch der Weiterbildung.

Nun steht die Forderung im Raum, Piloten regelmässig psychologischen Test zu unterziehen.
In einem gewissen Mass finden solche regelmässigen Tests jetzt schon statt, wenn auch nicht in Form eines Computertests oder eines Fragebogens. Wir sind aber einmal im Jahr bei einem Fliegerarzt. Dort geht es nicht nur darum, ob die Sehkraft stimmt, sondern auch um unsere persönliche Situation. Der Mediziner wird dies in seine Beurteilung einfliessen lassen. Will man dies nun intensivieren, stehen wir dem grundsätzlich nicht im Wege.

Erstellt: 27.03.2015, 23:53 Uhr

Thomas Steffen

Der A320-Kapitän ist im Pilotenverband Aeropers zuständig fürs das Ressort Safety, Security und Training.

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Pilotenverbände protestieren gegen Vorverurteilung

Der Pilotenverband Aeropers bezeichnet den Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen als menschliche Tragödie und zeigt sich zutiefst betroffen. Er warnt aber vor Vorverurteilungen. Solange der Flugdatenschreiber nicht ausgewertet worden sei, sei nicht mit letzter Sicherheit klar, was in der Germanwings-Maschine wirklich passierte. Der Pilotenverband nehme den von den Untersuchungsbehörden geäusserten Verdacht gegen den Co-Piloten aber sehr ernst. Er will gemeinsam mit anderen Pilotenvereinigungen und mit den Vertretern der Industrie sehr genau analysieren, ob und wie die Sicherheit sowie Zuverlässigkeit des Flugbetriebs verbessert werden kann.

Verschiedene internationale Pilotenvereinigungen haben nach dem Unglück ebenfalls angeprangert, dass Ermittlungsergebnisse schnell an die Presse durchsickerten. Der europäische Pilotenverband European Cockpit Association sprach am Freitag von einer «schweren Verletzung der grundlegenden und weltweit anerkannten Regeln für Ermittlungen von Unfällen».

Der Verband kritisierte, dass zuerst die US-Zeitung «New York Times» und dann die Nachrichtenagentur AFP bereits in der Nacht auf Donnerstag unter Berufung auf Ermittler Angaben zu auf dem Stimmrekorder sichergestellten Aufzeichnungen gemacht hatten.

Die Aufzeichnungen ergaben, dass der Flugkapitän zum Unglückszeitpunkt am Dienstagvormittag aus dem Cockpit ausgesperrt war. Am Donnerstagmittag bestätigte dies der zuständige Staatsanwalt von Marseille – und erklärte, der Co-Pilot habe den Airbus A320 mit 150 Menschen an Bord offenbar absichtlich zum Absturz gebracht.

Die französische Pilotengewerkschaft kündigte eine Anzeige gegen unbekannt wegen «Verletzung des Dienstgeheimnisses» an. Gewerkschaftschef Eric Derivry bezeichnete den Vorgang als «schockierend». Die französische Behörde zur Untersuchung von Flugunfällen, BEA, habe am Mittwochnachmittag auf einer Pressekonferenz erklärt, dass es nichts mitzuteilen gebe. Einige Stunden später habe die «New York Times» «extrem detaillierte Informationen» veröffentlicht. Derivry betonte, für die Ermittler würden Regeln der Vertraulichkeit gelten.

Laut der deutschen Tageszeitung «Die Welt» hatte sich die Staatsanwaltschaft unter Druck gesetzt gefühlt, auf die Recherchen der «New York Times» schnell zu reagieren und damit eine Bestimmte Richtung der Untersuchung vorzugeben. An der Pressekonferenz bedauerte Staatsanwalts Brice Robin, dass er die Informationen über den Inhalt der Tonaufzeichnungen aus dem Cockpit erst spät erhalten habe. «Zu spät für meinen Geschmack.» Auf diese Weise drückte er sein Missfallen über das Leck und die Veröffentlichungen in den Medien aus.

Rémi Jouty, der Chef der für die Ermittlungen der Unfallursache zuständigen Behörde BEA, hatte noch einen Tag zuvor erklärt, es dürfte Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis Klarheit darüber bestehe, was wirklich zum Absturz der Germanwings-Maschine geführt habe. (SDA/pia)

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