Ruben Enaje lässt sich zum 27. Mal kreuzigen

Dutzende Menschen lassen sich auf den Philippinen jedes Jahr am Karfreitag ans Kreuz nageln. Ruben Enaje ist einer von ihnen: Er quält sich heute zum 27. Mal. Siebundzwanzig – das ist keine zufällige Zahl.

«Du musst den Schmerz hinausschreien»: Ruben Enaje hängt am Kreuz, an das er am Karfreitag genagelt wurde. (29. März 2013)

«Du musst den Schmerz hinausschreien»: Ruben Enaje hängt am Kreuz, an das er am Karfreitag genagelt wurde. (29. März 2013) Bild: Reuters

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Wie seine Hände und Füsse jetzt wohl aussehen? Einerseits möchte man gar nicht daran denken, andererseits ist ein Blick auf Hände und Füsse unverzichtbar, um die Geschichte von Ruben Enaje zu erzählen, jenem Mann auf den Philippinen, der sich an diesem Karfreitag zum 27. Mal kreuzigen lassen will. Er hält also seine Hände in die Höhe, er öffnet die Handflächen und dreht sie hin und her, damit sich der Besucher selbst ein Bild machen kann.

Aber da ist nichts. Keine Spur von einer Narbe. Auch seine Füsse verraten nichts von den Verletzungen der vergangenen 26 Jahre. Nur wer mit dem Daumen über die Lebenslinie der rechten Hand fährt, spürt in der Mitte eine harte Wölbung. Das ist die Stelle. Dort treibt der Hammer den Nagel durch das Fleisch.

«Es dauert jedes Mal drei Monate, bis die Wunden verheilt sind», sagt Enaje. Morgen ist es wieder so weit. Ein letztes Mal noch, sagt der Mann mit den schwarzen schulterlangen Haaren. Dann hat er 27 Kreuzigungen hinter sich und möchte aufhören. Siebenundzwanzig – das ist keine zufällige Zahl.

Es begann mit einem Sturz

Wer den 52-jährigen Grafiker in seiner Werkstatt besucht, ahnt schon etwas von den schweren Stunden, die nun immer näher rücken. Zwei schwarze Kreuze lehnen an den Pfosten, Enaje hat sie selbst gezimmert. Das leichtere von beiden, 27 Kilogramm schwer, wird er heute bei der Prozession durch die Strassen tragen. Das grössere brachte er gestern zum Kreuzigungshügel, wo es dann auf ihn warten wird.

Manchmal spricht Enaje hastig, dann wieder mit langen Pausen. Er ist ein freundlicher Mann, der sich Zeit nimmt für seinen Gast. Aber niemals während des Gesprächs findet er ein lockeres Wort. In jeder Bewegung, in jedem Satz steckt die Anspannung vor dem grossen Schmerz. Von Angst will er nicht reden, und auch nicht von irgendwelchen Zweifeln, die ihn in diesen Tagen plagen könnten.

Und warum erträgt er all diese Qualen? Was treibt ihn jedes Jahr ans schwarze Kreuz von San Fernando? In diesem Ort, 70 Kilometer nördlich von Manila, lassen sich schon seit den 50er-Jahren immer wieder Männer – und selten auch mal Frauen – ans Kreuz nageln. Aber niemand ist schon so lange dabei wie Ruben Enaje, den jedes Kind in San Fernando kennt.

Mehr als 20 Namen auf der Liste

Angefangen hat alles mit einem tiefen Sturz. 1985 fiel Enaje bei der Arbeit vom Gerüst eines dreistöckigen Hauses. Es ging alles wahnsinnig schnell, aber es reichte für ein Stossgebet zum Himmel, bevor er unten aufschlug und das Bewusstsein verlor. Als er erwachte und merkte, dass er noch lebte, war es wie ein Wunder für ihn. Er war kaum verletzt. «Deshalb wollte ich Gott danken», sagt er. Leidend am Kreuz.

Jesus von Nazareth starb in der neunten Stunde, also nahm sich Enaje vor, fortan neun Jahre lang zu danken. Aber dabei blieb es nicht. Eines Tages erkrankte seine Tochter. Also legte Ruben Enaje ein zweites Gelübde ab. Neun weitere Jahre am Kreuz, damit seine Tochter überlebte. Schliesslich aber musste er auch noch um seine Frau bangen, ein Geschwulst wuchs an ihrem Hals. Also versprach Enaje noch mal neun Jahre am Kreuz. Neun plus neun plus neun – macht 27. «So lautet mein Versprechen.»

Heute Morgen also, wenn er erwacht, wird er sich alleine zurückziehen und zehn Minuten beten. Dann geht er nach draussen und schultert das Kreuz. Der Kreuzigungsplatz ist ein aufgeschütteter Sandhügel mit drei Metallschuhen, in denen drei grosse Kreuze stecken. Enaje wird an diesem Tag nicht der Einzige sein, den sie dort oben festnageln. Mehr als 20 Namen stehen auf der Liste.

«Du musst den Schmerz hinausschreien»

«Dass man sich kreuzigen lassen will, heisst noch lange nicht, dass man auch gekreuzigt wird», erklärt Mariano Castro vom Komitee der Organisatoren. «Wir verlangen ein medizinisches Zertifikat. Man sollte keine Diabetes haben. Wie ist dein Blutdruck?» Auch eine Altersgrenze haben sie festgelegt für die Leiden am Kreuz. Man darf nicht älter als 55 Jahre sein.

Enaje kennt den Mann mit dem Hammer. Es ist sein Onkel. «Das ist gut so, denn ich traue ihm.» Er macht das jedes Jahr und weiss genau, wo der Nagel durch muss. Enaje hat das Gefühl, dass es beim allerersten Mal leichter war als die Jahre danach. Damals, 1986, schaute er sogar noch zu, wie sie die Nägel in die Hände einschlugen. Aber so wie er jetzt darüber spricht, sieht es so aus, als würde das letzte Mal vielleicht der schwerste Gang seines Lebens.

Auf dem Tisch in seiner Werkstatt steht ein Konfitüreglas voller Alkohol. Enaje schraubt den Deckel ab und zieht vier Stahlnägel heraus, jeder ist zehn Zentimeter lang. Sein Bruder hat sie extra für ihn angefertigt. Enaje dreht das kalte Metall im Licht, sein Mundwinkel zuckt. Dann steckt er sie wieder weg. «Du musst den Schmerz hinausschreien, um ihn zu ertragen», sagt er.

Schauspieler ans Kreuz binden

Schon öfter wollte er aufhören. Aber dann fühlte er sich so schlecht, dass sie ihn ins Spital einlieferten. Gefunden haben sie nichts. «Aber ich wusste: Ich muss weitermachen.» Als er dann noch sah, dass seine Frau und seine Tochter wieder gesund wurden, hatte er alle Zweifel überwunden.

«Die Leute kommen auf dem Weg zu mir ans Kreuz, sie fassen mich an und sagen: Bete für mich», sagt Enaje. Das tut er dann dort oben, wenn er festgenagelt auf dem Sockel des Kreuzes steht. Zehn Minuten hält er das aus, dann holen sie ihn herunter, ziehen die Nägel heraus – was der schlimmste Moment von allen ist – und tragen ihn zu den Sanitätern. Sie verbinden ihm die Wunden, geben ihm Schmerzmittel und Antibiotika.

Prozessionen, welche die Kreuzigung Christi darstellen, gibt es vielerorts auf der Welt, meist aber werden die Schauspieler nur ans Kreuz gebunden. Nirgendwo fliesst so viel Blut wie auf den Philippinen. Sehr alt ist der Brauch jedoch nicht, in San Fernando begannen sie mit den Kreuzigungen erst in den 50er-Jahren. Der Katholizismus aber ist dort schon viele Jahrhunderte verwurzelt. Spanische Missionare kamen mit den Kolonialherren im 16. Jahrhundert und verbreiteten die Bibel, heute ist die Kirche eine der mächtigsten Institutionen auf den Philippinen – 80 Prozent der 90 Millionen Einwohner bekennen sich zum katholischen Glauben.

«Tu, was du tun musst»

Zu den blutigen Kreuzigungen haben die Bischöfe ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits sagen sie, dass sie die Leute nicht dazu ermutigen, das zu tun, was einige in San Fernando machen. Es sei nicht nötig, all diese physischen Schmerzen selbst auf sich zu nehmen, denn das habe Christus ja schon für die Menschen getan. Anderseits aber duldet die Kirche die Kreuzigungen doch.

Die Prozessionen locken jedes Jahr Tausende Menschen an, es kommen Einheimische und Touristen. Und einmal gab es auch schon Zorn und Empörung, als sich ein Japaner kreuzigen liess und erst hinterher aufkam, dass er als Pornodarsteller arbeitete und den Clip am Kreuz als Werbung nutzen wollte. Seither ist es Ausländern verboten, sich in San Fernando festnageln zu lassen.

Wer mit Ruben Enaje spricht, hat nicht den Eindruck, dass es ihm um Geld oder Ruhm geht. Er ist ein tief gläubiger Mensch, der sich von seinem Weg nicht abbringen lässt. Einmal noch also. «Dann höre ich auf.» Er sagt es ohne Erleichterung in der Stimme. Er weiss, was kommt. Seine Frau weiss es auch. «Tu, was du tun musst», hat sie ihm gesagt. Aber in all den Jahren war sie kein einziges Mal da draussen, um ihren Mann am Kreuz zu sehen. Sie hätte es nicht ertragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2013, 10:06 Uhr

Dutzende begehen Kreuzigungs-Ritual

In einem umstrittenen Karfreitagsritual haben sich auf den Philippinen dutzende Menschen an Kreuze nageln lassen. Sie wollen damit an die Leiden Jesu erinnern und Sünden sühnen.

Hunderte Menschen geisselten sich selbst mit Peitschen. Auch die Selbstkasteiung ist als Sühne für begangene Sünden gedacht. Die katholische Kirche verurteilt das Ritual. Etwa 80 Prozent der etwa 94 Millionen Menschen auf den Philippinen sind Katholiken.

Am Karfreitag gedenken Christen der Leidenszeit und des Todes Jesu. Nach der biblischen Überlieferung wurde der Sohn Gottes an diesem Tag in Jerusalem verurteilt und auf dem Hügel Golgatha gekreuzigt. (sda)

Zeigt die Nägel, die heute in ihn geschlagen werden: Ruben Enaje. (Bild: PD)

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