Russen stürmen Greenpeace-Boot – Schweizer weiter in Gewahrsam

In Russland hat die Küstenwache am Mittwoch zwei Aktivisten verhaftet – einer davon ist Schweizer. Nun stürmte der russische Geheimdienst zudem das Boot und nahm die ganze Greenpeace-Crew in Gewahrsam.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachdem am Mittwoch bereits zwei Greenpeace-Aktivisten in Russland verhaftet wurden, kommt in der Arktis weiteres Ungemach auf die Umweltschutzorganisation zu: Der russische Geheimdienst (FSB) hat nun das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise gestürmt.

«Alle Besatzungsmitglieder mussten auf dem Deck knien und wurden von Grenzsoldaten mit Waffen bedroht», teilt Greenpeace-Sprecher Yves Zenger gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit. Nach dem Vorfall am frühen Abend sei der Kontakt zur Crew abgebrochen. «Es befinden sich Aktivisten aus mindestens zehn verschiedenen Nationen an Bord. Darunter auch ein Schweizer», sagt Zenger. Gemäss Greenpeace umfasst die Crew mindestens 25 Leute.

Über den offiziellen Twitter-Account der Aktivisten wurde vermeldet, dass 15 oder 16 Vertreter des FSB das Boot gestürmt haben. Die Spezialkräfte hätten sich von einem Helikopter abgeseilt und seien bewaffnet. «Es ist ziemlich beängstigend. Sie versuchen noch immer, die Tür einzutreten», lautete ein Eintrag bei dem Kurznachrichtendienst.

«Die Argumentation von Russland ist absurd»

Das Schiff befinde sich zurzeit in internationalen Gewässern, betont Greenpeace. Russland begründet die Festnahme damit, dass die Umweltschützer «provozierend und lebensgefährdend eine ökologische Katastrophe in Kauf genommen haben», teilte die Behörde mit. «Diese Argumentation ist absurd. Wenn, dann ist es umgekehrt», sagt Zenger. Die Küstenwache habe zudem entgegen des internationalen Rechts Aktivisten festgenommen, ohne ihnen konkrete Vorwürfe zu machen.

Gemäss Zenger setzt Greenpeace zurzeit alle Hebel in Bewegung, um die Aktivisten aus der Hand des russischen Geheimdiensts zu befreien. Doch zunächst müssten alle juristischen wie politischen Mittel geprüft werden, bevor konkrete Schritte eingeleitet würden, sagt der Greenpeace-Sprecher. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sei bereits kontaktiert worden. «Der Vorfall zeigt wieder einmal, dass Russland keinerlei Kritik duldet. Jeglicher Protest wird vom Kreml skrupellos zerschlagen», so Zenger.

Warnschüsse am Vortag

Greenpeace protestiert zurzeit gegen die Ölbohraktivitäten in der Arktis. Sie wirft Russland vor, das ökologisch sensible Gebiet mit den Bohrungen nach Erdöl zu gefährden. Am Mittwoch hatten die Aktivisten von der unter niederländischer Flagge fahrenden Arctic Sunrise aus versucht, die Ölplattform Priraslomnaja des Staatskonzerns Gazprom in der Petschorasee zu besetzen.

Während der Aktion kam es zur Verhaftung des 28-jährigen Schweizers Marco Weber und einer Kollegin aus Finnland, die sich laut Zenger leicht an der Hand verletzte. Gemäss einem Twitter-Eintrag konnten die beiden Aktivisten inzwischen wieder aufs Boot zurückkehren, werden nun aber vom russischen Geheimdienst, zusammen mit dem Rest der Crew, festgehalten.

Aufruf zum weltweiten Protest

Das Aussenministerium in Moskau bestellte nach dem Vorfall den niederländischen Botschafter ein. Vor der Gazprom-Zentrale in Moskau kam es in der Folge zu Protesten, welche die Freilassung der Aktivisten skandierten. Für heute riefen die Umweltschützer zu Protesten vor russischen Botschaften in aller Welt auf.

Greenpeace-Chef Kumi Naidoo forderte Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf, die Küstenwache in die Schranken zu weisen. Die Aktivisten hätten nichts getan, «was ein solches Mass an Aggression rechtfertigt».

Gefährdete Naturschutzgebiete

Gazprom hat seine Förderaktivitäten in den vergangenen Jahren sukzessive ausgebaut und betrachtet das Priraslomnoje-Ölfeld als wichtige Ressource für seine Geschäftsstrategie. In den drei Naturschutzgebieten der Region leben Greenpeace zufolge Eisbären, Walrosse und seltene Meeresvögel. Russische und ausländische Umweltschützer werfen dem Staatskonzern und anderen Energieriesen seit langem vor, ökologische Risiken bei der Suche nach neuen Förderquellen zu ignorieren.

Erstellt: 20.09.2013, 06:13 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Aktivist bei Sturm auf Ölplattform verhaftet

Zwei Greenpeace-Mitglieder aus der Schweiz und Finnland haben versucht, eine Ölplattform in Russland zu stürmen. Die Küstenwache überwältigte die Aktivisten – unter Androhung, das Feuer zu eröffnen. Mehr...

Greenpeace-Aktivisten klettern auf AKW-Reaktoren

Um 5 Uhr in der Früh kletterten 20 Umweltschutzaktivisten auf die äussere Reaktorhülle im französischen Atomkraftwerk Tricastin. Dort entrollten sie Transparente, die sich gegen Präsident Hollande richten. Mehr...

Die Migros, Greenpeace und das Gift

Hintergrund Obschon der Detailhändler Migros eine Kleiderproduktion ohne Gifte will, unterschreibt er die Detox-Kampagne von Greenpeace nicht. Adidas, Nike und Puma haben unterschrieben, machen aber praktisch nichts. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...