Hintergrund

Schlammschlacht via Interviews

Jörg Kachelmann und seine Ex-Geliebte decken sich mit Vorwürfen und Beschimpfungen ein. Dies nützt ihrer Psychohygiene. Es ist aber fraglich, ob sie damit die Öffentlichkeit für sich gewinnen.

Plattform für eigene Wahrheiten: Sabine W. respektive Claudia D. in der «Bunten» und Jörg Kachelmann in der «Weltwoche». (Quellen: Titelblätter von «Bunte» und «Weltwoche»)

Plattform für eigene Wahrheiten: Sabine W. respektive Claudia D. in der «Bunten» und Jörg Kachelmann in der «Weltwoche». (Quellen: Titelblätter von «Bunte» und «Weltwoche»)

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16 Tage nach dem Freispruch von Mannheim erreicht der Streit zwischen Jörg Kachelmann und Sabine W. einen neuen, negativen Höhepunkt. In Exklusivinterviews in der «Weltwoche» und in der «Bunten» schildern sie nicht nur ihre Sicht der Dinge, sie liefern sich auch eine regelrechte Schlammschlacht. Bisher hatte der Schlagabtausch via Anwälte und Medien stattgefunden. Den Anfang der persönlich geäusserten Vorwürfe und Beschimpfungen machte der 52-jährige Kachelmann vor einer Woche in einem «Zeit»-Interview. «Das, was die Nebenklägerin mit mir gemacht hat, als sie sich den Vorwurf der Vergewaltigung ausdachte, das ist kriminell», liess sich der frühere TV-Wettermoderator zitieren.

Im «Bunte»-Interview schlägt nun die 38-jährige Ex-Geliebte zurück. «Besonders schockiert (...) hat mich die Aussage, in seinem Leben habe es niemals Gewalt gegeben.» Das «heuchlerische» Kachelmann-Interview in der «Zeit» sei auch der Grund gewesen, warum sie nun an die Öffentlichkeit gegangen sei. Nach den Vorwürfen, sie sei eine rachsüchtige Lügnerin, verunglimpft Sabine W. den freigesprochenen Kachelmann als «Monster» und «Soziopathen» – und immer wieder nennt sie ihn «JK». Die Benennung mit einem solchen Kürzel erinnert an einen Mann, der zurzeit in New York der Vergewaltigung angeklagt ist: Dominique Strauss-Kahn. Der Ex-Direktor des IWF wird häufig nur «DSK» genannt. Auch solche Finessen gehören zur Schlammschlacht zwischen Sabine W. und Kachelmann.

Was in der Nacht auf den 9. Februar 2010 in der Wohnung von Sabine W. in Schwetzingen passierte, bleibt nach den Interviews unklar. Bei der Wahrheitsfindung musste schon das Landgericht Mannheim sein Scheitern einräumen.

Gut für die Medien und für die Anwälte

Die Schlammschlacht in der Öffentlichkeit freut die Medien und die Anwälte der Streithähne. Die Anwälte bleiben dank den zahlreich angekündigten juristischen Schritten im Geschäft. «Weltwoche» und «Bunte» gewinnen aufgrund der Exklusivinterviews kurzfristig an Auflage. So wie die «Zeit» und der «Spiegel» von Anfang an eine kritische Haltung gegenüber Sabine W. einnahmen, vertrat die «Bunte» eine Anti-Kachelmann-Position. In der Zeitschrift aus dem Burda-Verlag kamen drei Ex-Geliebte Kachelmanns zu Wort. Für diese Interviews und Informationen bezahlte die «Bunte» zwischen 5000 und 50'000 Euro.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie viel Geld das ausführliche Interview mit Sabine W. der «Bunte» wert war. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet liess die Chefredaktion der Zeitschrift mitteilen, dass man zu dieser Frage «keine Antwort» geben könne.

«Sie gehören in jedem Fall zu den Verlierern»

Und wie ergeht es den eigentlichen Protagonisten? «Sie gehören in jedem Fall zu den Verlierern», sagt Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der angekündigte Rachefeldzug von Kachelmann werde ihn nicht vom Schleier der «angeblichen Vergewaltigung» befreien. Und Sabine W. werde durch ihre verbalen Attacken nicht stärker als Opfer wahrgenommen als ohnehin. «Kurz: entweder man glaubt ihr oder man glaubt ihm. Daran ändern die Interviews nichts», meint Gullotti, Inhaber der gleichnamigen Communications GmbH in Winterthur. Die Interviews förderten die Polarisierung der beiden Morallager in der Öffentlichkeit. Bei den einen werde sie noch mehr zum Opfer respektive zur Täterin. Für Kachelmann gelte dasselbe.

«Übrig bleiben hohe Prozesskosten, eine massiv angekratzte Reputation der beiden Protagonisten und überall Enttäuschungen. Egal, wie die Geschichte ausgeht», sagt Gullotti weiter. Als Experte für Reputation macht er folgenden Vorschlag: «Beiden würde ich empfehlen, ihre zweifellos hohen Emotionen zu Papier zu bringen, im Freundeskreis den Frust über die vermeintliche Ungerechtigkeit rauszulassen. Aber nur dort und nicht in der Öffentlichkeit.» Irgendwann werde für ihn und für sie der richtige Zeitpunkt einer Veröffentlichung der «eigenen Sicht» kommen. «Bis dahin gilt aus meiner Sicht: Schweigen ist tatsächlich manchmal Gold.»

Sie sehen sich beide als Opfer der Justiz

Trotz aller Zerstrittenheit – in einem Punkt sind sich Kachelmann und Sabine W. einig: Beide fühlen sich als Opfer der Justiz. Die Radiomoderatorin aus Schwetzingen spricht von einem «Täterstaat», in dem sich ein Angeklagter, der viel Geld habe, freikaufen könne. Und Kachelmann wettert gegen die «deutsche Gaga-Justiz», die Staatsanwälte bezeichnet er als Gefahr für den Rechtsstaat. Und er macht klar, dass er mit allen rechtlichen Mitteln um seine Ehre kämpfen wird. Sabine W. rechnet damit, «dass JK und seine Anwälte alles tun werden, um mich weiter zu quälen und zu terrorisieren. Bis sie mich irgendwann komplett vernichtet haben.» Einer Klage sehe sie jedoch ganz gelassen entgegen.

Das «Bunte»-Interview mit Sabine W. erstreckt sich über ganze zwölf Seiten, und es ist mit grossformatigen Bildern illustriert. Seltsam mutet an, dass die 38-Jährige für die Fotos so inszeniert wurde, als würden diese Bilder in einer Modezeitschrift erscheinen. Dieser Eindruck kontrastiert zur Geschichte einer gepeinigten Frau, die von Selbstmordgedanken berichtet und inzwischen bereut, Kachelmann angezeigt zu haben, weil nach JKs Festnahme «die Medienhölle losging und diese Hexenjagd im Internet». Nachdem sich Sabine W. in der «Bunten» auf ungepixelten Bildern gezeigt hat, wird das öffentliche Interesse an ihrer Person nicht abnehmen, im Gegenteil.

Erstellt: 17.06.2011, 06:02 Uhr

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«Schweigen ist tatsächlich manchmal Gold»: Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation (Gullotti Communications, Winterthur).

Jörg Kachelmann vs. Sabine W.

Klagen wegen Ehrverletzung denkbar

Nach dem Prozess vor dem Landgericht Mannheim, dessen Urteil noch nicht rechtskräftig ist, könnte es zu weiteren Rechtsstreitigkeiten zwischen Jörg Kachelmann und Sabine W. kommen. Denkbar sind insbesondere Klagen wegen Verletzung der Persönlichkeit respektive wegen Ehrverletzung.
Laut Franco Gullotti, Jurist und Experte für Rechtskommunikation, steht den Protagonisten ein ganzer Fächer an juristischen Offensivmöglichkeiten offen. Nach Schweizer Recht wären dies beispielsweise Klagen im Rahmen des zivilrechtlichen Persönlichkeitsschutzes. Dabei könnte Kachelmann auf Unterlassung, Beseitigung, Feststellung, Berichtigung oder Schadensersatz klagen, wenn ein Gericht zum Schluss käme, dass beispielsweise sein geschütztes Rechtsgut «Ehre» verletzt worden sei.
Darüber hinaus stünden Kachelmann auch Mittel im Rahmen des strafrechtlichen Persönlichkeitsschutzes zur Verfügung. Auch das Strafrecht stellt nämlich Ehrverletzungen wie üble Nachrede, Verleumdung und dergleichen unter Strafe, wie Gullotti betont. Selbstverständlich stünden diese rechtlichen Mittel auch den anderen Protagonisten – wie zum Beispiel Sabine W. – zur Verfügung.
Bisher waren vor allem die Kachelmann-Anwälte aktiv. So intervenierte die Kanzlei des Kölner Rechtsanwalts Ralf Höcker wiederholt bei missliebiger Berichterstattung der Medien während des Gerichtsverfahrens in Mannheim. Macht Kachelmann seine in den Interviews geäusserten Drohungen wahr, müssen auch ein paar Ex-Geliebte mit Klagen rechnen. (vin)

Bildstrecke

Der Kachelmann-Prozess in Mannheim

Der Kachelmann-Prozess in Mannheim Jörg Kachelmann wurde am 31. Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen.

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