Schrecklich vertraute Amokläufe

Die Bluttat von Marysville erinnert die US-Bevölkerung daran, wie wenig sich in den bald zwei Jahren seit dem Massaker an der Sandy-Hook-Schule geändert hat.

Der Attentäter tötete eine Schülerin und sich selbst. Foto: AP, Keystone

Der Attentäter tötete eine Schülerin und sich selbst. Foto: AP, Keystone

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Für einmal scheint alles anders. Der 14-jährige Jaylen F., der am Freitag in seiner Schule in Marysville, Washington, eine Schülerin erschossen und vier Jugendliche schwer verletzt hat, entspricht in keiner Weise dem Bild des High-school-Amokläufers, an das die amerikanische Öffentlichkeit sich fast gewöhnt hat. Jaylen war weder ein Aussenseiter noch introvertiert, war kein in Online-Parallelwelten abgetauchter Menschenfeind.

Homecoming-Prinz

Gemäss Klassenkameraden war er einer der beliebtesten Knaben der Schule, spielte im Football-Team und war zum Prinzen des diesjährigen Homecoming-Balles gekürt worden. Ein Spassmacher mit breitem Lachen, populär. Zu seinen Eltern soll er ein enges Verhältnis gehabt haben; Jaylen stammt aus einer in der Region prominenten Familie der Tulalip-Indianer. «Er hatte ein gutes Leben. Ich habe keine Ahnung, was geschehen ist», sagte einer seiner Mitschüler der Presse. Erst in den Tagen vor der Tragödie soll sich das Verhalten des Buben geändert haben. In der Schule sei er verschlossen gewesen, über soziale Netzwerke hat er mysteriöse Botschaften versandt: «Es zerbricht mich» und zuletzt: «Es wird nicht halten.» Augenzeugen der Schiesserei berichten, Jaylen sei erst ausdruckslos am Tisch in der Kantine gesessen und habe dann ohne Warnung eine Pistole aus der Jacke gezogen und gezielt zu schiessen begonnen. Unter den Verletzten sind auch zwei seiner Cousins. Auch der Schütze kam ums Leben; offenbar hat er sich selbst erschossen.

Eines aber bleibt sich gleich: Zu viele finster gestimmte Personen kommen zu leicht an Schusswaffen in Amerika. Daran erinnern nun zumindest die Befürworter schärferer Waffengesetze. Und gerade der Staat Washington habe die Chance, dies zu ändern: Am 4. November wird die Bevölkerung an der Urne über eine Verschärfung der lokalen Waffengesetze befinden. Im Zentrum der Vorlage stehen routinemässige Abklärungen beim Waffenkauf. Wer eine kriminelle Vergangenheit oder psychische Probleme hat, soll keine Revolver und Gewehre erstehen können.

Diese Idee nun ist nicht neu. Nach der Tragödie an der Sandy-Hook-Schule in Connecticut vor fast zwei Jahren hatte die Regierung Obama solche obligatorischen «Background-Checks» fürs ganze Land gefordert. Die Mehrheit der Bevölkerung war dafür: Das Massaker von Sandy Hook hatte selbst das Amok-geprüfte Amerika erschüttert. Im Dezember 2012 hatte der 20-jährige Adam Lanza zwanzig Erstklässler und sechs Lehrpersonen erschossen und sich dann selber getötet. Zuvor ermordete er seine Mutter. Der seit langem verhaltensauffällige junge Mann war ohne Probleme an Waffen gekommen - seine Mutter besass legal mehrere Gewehre und Pistolen. Die Öffentlichkeit forderte mehr Kontrolle.

Geschehen aber ist kaum etwas. Die Vorlage zur Abklärungspflicht scheiterte im Kongress. Auch aus einem Verbot für Schnellfeuerwaffen und extragrosse Munitionsmagazine wurde nichts. Für Barack Obama war es die erste empfindliche Niederlage der schwierigen zweiten Amtszeit. Seither haben etliche der 50 US-Staaten ihre Waffengesetze im Alleingang verschärft. Noch mehr allerdings sind in die Gegenrichtung marschiert, haben die Bestimmungen gelockert: In Georgia etwa dürfen Bürger ihre Waffen bald überall und auch verdeckt tragen, selbst in Kirchen und auf Universitäten. An einer Uni in Utah wurde eben ein kontroverser Vortrag abgesagt, nachdem es Amokdrohungen gegeben und die Universitätsleitung erklärt hatte, sie könne ihren Studenten dennoch nicht das Mitführen von Waffen verbieten.

Schnelles Vergessen

Stärkste Kraft gegen die Verschärfung der Gesetze ist sicher die Waffenlobby. Organisationen wie die National Rifle Association pumpen auch in diesem Wahljahr wieder Millionen in den Kampf gegen die angeblich kurz bevorstehende Entwaffnung der US-Bevölkerung. Im Staat Washington schiessen sie scharf gegen die Abstimmungsvorlage, in Louisiana und Colorado ziehen sie Politiker durch den Dreck, die nach Sandy Hook Zweifel an der totalen Waffenfreiheit geäussert haben. Doch eine Lobby allein kann das Land nicht derart bremsen. Die US-Öffentlichkeit muss sich wohl eingestehen, dass sie den Schock der toten Kinder doch schneller weggesteckt und vergessen hat, als es vor zwei Jahren den Anschein machte.-

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 21:11 Uhr

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