«Ich freue mich auf Weihnachten mit der Familie»

Mit einem Buschmesser befreite sich ein 49-jähriger Schweizer in den Philippinen aus den Händen seiner islamistischen Kidnapper. Er verletzte sich dabei. Bei seiner Frau ist die Erleichterung dennoch gross.

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Nach fast drei Jahren Geiselhaft auf den Philippinen ist der 49-jährige Schweizer V. wieder frei. Der Mann sei während eines Feuergefechts zwischen Soldaten und seinen Entführern im Hinterland des Ortes Talipao auf der Insel Jolo entkommen, teilte das philippinische Militär mit. Nach Angaben des Schweizer Botschafters Ivo Sieber in Manila wurde der Mann bei dem Feuergefecht verletzt und wird in einem Militärspital behandelt.

V.'s Frau zeigt sich gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sehr erleichtert. Sie hat kurz nach der Flucht ihres Mannes in der Nacht auf heute davon erfahren. Im Moment sei sie überwältigt von der Neuigkeit und könne keine weiteren Auskünfte erteilen, sagt sie. «Ich freue mich einfach sehr, dass er wieder zurück kommt.»

Talipao auf der Insel Jolo. (Karte: Google Maps)

Bei der dramatischen Flucht entriss der zweifache Vater einem seiner Bewacher dessen Bolo-Messer und tötete ihn. Im Kampf habe er seinem Bewacher das Buschmesser in den Nacken geschlagen, schrieb Allan Arrojado, Kommandant des Spezialkommandos der Armee in der Provinz Sulu, in einer SMS an Journalisten.

Als der Schweizer schliesslich aus dem Dschungelversteck fliehen konnte, hätten die «Banditen» auf ihn geschossen, ihn aber nicht getroffen. Allerdings hat V. bei dem Gerangel um die Waffe eine Verletzung im Gesicht erlitten. Der Mann wurde zunächst in einem Spital in Jolo City versorgt. Die Armee veröffentlichte Fotos des verletzten Schweizers auf einer Liege. Er sah ausgemergelt aus, mit Bart und trug einen Verband um den Kopf.

Mit verbundenem Kopf lag der 49-Jährige in einem Militärkrankenhaus und dankte der Armee für seine Rettung. Er sei glücklich, dass er nach so langer Zeit wieder Weihnachten mit seiner Familie verbringen könne, sagte V. einem Reporter.

Schweizer tötet Führungsmitglied der Terrorgruppe

Bei dem getöteten Abu-Sayyaf-Mitglied handelt es sich gemäss der Militärsprecherin Rowena Muyuela, die von der philippinischen Nachrichtenseite Rappler zitiert wird, um Juhurim Hussein, einen Unterkommandanten der Rebellen. Gemäss lokalen Medienberichten gilt Hussein als einer der Anführer jener Abu-Sayyaf-Fraktion, die sich auf das Kidnapping konzentriert.

Die Fluchtmöglichkeit ergab sich durch eine Offensive des Militärs im Hinterland des Ortes Talipao auf der Insel Jolo im Süden des Landes. Im Schusswechsel seien fünf Rebellen getötet und sieben verletzt worden, berichtete ein Militärsprecher.

(Video: Reuters)

«So rasch wie möglich in die Schweiz zurück»

Bundesrat Didier Burkhalter konnte bereits ein telefonisches Gespräch mit dem Schweizer führen, teilte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit. Dessen Familie sandte der Bundespräsident ein persönliches Schreiben.

Gegenüber dem Mann drückte Burkhalter seine Freude und Erleichterung aus. Er erkundigte sich nach dessen Gesundheit und wünschte ihm und seinen Angehörigen viel Kraft und Glück für die Zukunft. Dieser dankte für die Unterstützung während der ganzen Zeit der Geiselnahme. Der Gesundheitszustand des Mannes sei «den Umständen entsprechend gut», hatte das EDA zuvor mitgeteilt. Er werde so rasch wie möglich in die Schweiz zurückkehren. «Das EDA hat die Neuigkeit von der Befreiung des Schweizers mit grosser Erleichterung zur Kenntnis genommen.»

Der Tierpräparator und Vogelbeobachter V. war im Februar 2012 zusammen mit einem Niederländer in die abgelegene Provinz Tawi-Tawi gereist, um seltene Vögel zu fotografieren. Dabei wurden die beiden jedoch von Bewaffneten entführt und später der Islamistengruppe Abu Sayyaf übergeben.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Entführung war in der Schweiz eine Taskforce gebildet worden. Neben dem EDA waren auch das Bundesamt für Polizei (fedpol), der Nachrichtendienst NDB, die Bundesanwaltschaft und die Kantonspolizei St. Gallen darin vertreten. Das EDA bedankte sich bei den philippinischen Behörden. Es spreche «speziell den philippinischen Streitkräften seinen Dank für ihr Engagement in diesem Fall aus», hiess es in der Mitteilung.

Niederländer weiter in Geiselhaft

Der mit dem Schweizer zusammen entführter niederländischer Ornithologe war ebenfalls in dem Versteck auf der Insel Jolo rund 1000 Kilometer südlich der Hauptstadt Manila, berichtete das Militär. In einem Gespräch mit Bert Koenders, dem Aussenminister der Niederlande, versicherte Burkhalter, dass die Schweiz weiterhin bereit bleibe, die Niederlande bei den Anstrengungen zur Freilassung der niederländischen Geisel zu unterstützen.

Gegenüber dem philippinischen Präsidenten Benigno Aquino äusserte Burkhalter den Wunsch, dass weiterhin alles für die Befreiung der niederländischen Geisel getan würde. Auch V. äusserte sich besorgt über den Niederländer Ewold H., der nicht mit ihm habe fliehen wollen. «Ich habe ihn gefragt, ob er mitkommen wolle, aber er wollte nicht.» Der Niederländer leide unter Zahnproblemen und anderen Schmerzen. Er sei sich aber sicher, dass die Extremisten ihn gut behandeln würden. Diese rief er zur Aufgabe auf. «Meine letzte Nachricht an alle: Legt das Gewehr nieder und kommt aus dem Wald. Es ist ein schönes Leben hier draussen.»

Auch das EDA äusserte Bedauern darüber, dass sich die niederländische Geisel weiterhin in Geiselhaft befindet. Über den Verbleib des Niederländers gab es keine weitere Nachrichten. Das Militär werde die Region aber weiter durchkämmen, um die Gruppe, welche den Niederländer festhalte, aufzuspüren, sagte Arrojado.

Rebellen liessen zwei Deutsche frei

Das EDA spricht «speziell den philippinischen Streitkräften seinen Dank für ihr Engagement in diesem Fall aus», heisst es in einer Mitteilung. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Entführung war eine interdepartementale Taskforce gebildet worden. Neben dem EDA waren auch die Bundespolizei Fedpol, der Nachrichtendienst NDB, die Bundesanwaltschaft und die Kantonspolizei St. Gallen darin vertreten.

Die Rebellen hatten Mitte Oktober zwei Deutsche freigelassen, die sie zuvor im Dschungel der Provinz Sulu im Süden der Philippinen gefangen gehalten hatten. Dafür hatte Abu Sayyaf nach eigenen Angaben ein Lösegeld von umgerechnet knapp 4,4 Millionen Euro erhalten. Von wem, sagte ein Abu-Sayyaf-Sprecher nicht.

Entführung als Geschäft

Abu Sayyaf wurde in den 1990er Jahren mit Geld des al-Qaida-Führers Osama bin Laden auf der südphilippinischen Insel Basilan im Sulu-Archipel gegründet. Die Rebellenbewegung kämpft nach eigenen Angaben für einen islamischen Staat im Süden der überwiegend katholischen Philippinen.

Während viele ihrer Anführer früh in Kämpfen getötet wurden, wurde die Gruppierung zunehmend extremistisch und kriminell. Die Finanzierung ihres Kampfs erfolgt durch Entführungen. Noch immer hat Abu Sayyaf weitere Ausländer und Philippiner in ihrer Gewalt.

Die USA erachten Abu Sayyaf als Terrorgruppe, die für tödliche Attacken auf US-Soldaten, ausländische Missionare und Touristen im Süden der Philippinen verantwortlich ist. Für die von al-Qaida inspirierte Gruppe kämpfen schätzungsweise 400 Rebellen, die in sechs Splittergruppen aufgeteilt sind. (chk/mw/rub/sda/AFP/AP)

Erstellt: 06.12.2014, 04:30 Uhr

Empfang angekündigt

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