Schweizer Islam-Video irritiert

Fünf Jahre nach der Annahme der Minarettinitiative kursiert ein rätselhaftes Video im Internet. Es sei ein Aufruf zu mehr Toleranz, sagen die Macher. Viele sehen das anders.

Soll keine Drohung sein: Ein Video des Islamischen Zentralrats Schweiz. Quelle: Youtube


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Eine schwarz vermummte Gestalt trägt eine weisse Fahne mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis auf einen Berg. Immer mehr Personen folgen ihr. Nach drei Minuten endet das Video mit der Botschaft: «Erwartet uns! Jederzeit. Überall.» Als Absender erscheint: «Die Muslime der Schweiz».

Das professionelle Video wurde vom Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) gedreht und hat bereits beim Dreh für Aufmerksamkeit gesorgt. Es wurde in der Zentralschweiz auf öffentlichen Plätzen gedreht. Besorgte Passanten alarmierten die Polizei. Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, sagte der «Neuen Luzerner Zeitung»: «Die Aktion ist eine totale Provokation.» Wer an einem öffentlichen Weg solche Aktionen durchführe, wo an einem Sonntag viele Spaziergänger entlanggingen, wolle auffallen, schockieren, Präsenz markieren und reine Propaganda betreiben.

Video soll keine Drohung sein

Seit das Video online ist, scheiden sich die Geister daran, wie es einzuordnen sei. Ist es mit den Propagandavideos des Islamischen Staates in Verbindung zu setzen? Oder ist es ein friedlicher Aufruf zu mehr Toleranz den Muslimen gegenüber? Das Video soll keine Drohung sein, sagt IZRS-Sprecher Abdel Asis Kaasim Illi im Gespräch mit der «Welt». Man habe demonstrativ die weisse Friedensflagge und nicht die schwarze IS-Flagge im Film verwendet. Auch seien keine Waffen zu sehen. Er sehe keine Parallelen zu IS-Videos, eher zu Hollywood-Spielfilmen.

Nicht dramatisch findet das Video auch der Religionsforscher Andreas Tuger von der Universität Luzern. Er sagt gegenüber dem Onlineportal «Zentral plus»: «Hier wird nicht der Islamische Staat ausgerufen.» Es fände ein Kampf um Anerkennung statt. Die Aufmachung sei zwar bewusst offensiv, aber dennoch sei alles politisch korrekt gehalten und nicht aggressiv. «Im Vergleich mit dem, was Schweizer Jugendliche sonst via Medien konsumieren, dünkt mich dies harmlos.»

Harmlos finden das Video auch drei der Jugendlichen, die im Video mitwirken. Sie haben über Facebook von den Dreharbeiten erfahren. «Da ich selber gerne Filme mache, fühlte ich mich von diesem Angebot ebenfalls angesprochen», sagt einer von ihnen der «Luzerner Zeitung». Es gehe um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Muslime und habe nichts mit IS-Propaganda zu tun: «Wir distanzieren uns von den Gräueltaten, die IS-Aktivisten im Norden des Irak begehen. Diese haben im Islam keine Basis.»

Ähnlich wie christliche Freikirchen

Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen. Jürgen Endres vom Zentrum für Religionsforschung (ZRF) der Universität Luzern warnt in der «Luzerner Zeitung» davor, dass bei der Jugendarbeit in Moscheevereinen ein Vakuum bestehe. Der IZRS mache sich diese Lücke zunutze, indem er bewusst mit Elementen aus der Jugendkultur arbeite. Ähnlich wie christliche Freikirchen könne er so seine eher konservativ ausgerichteten Inhalte in «moderner Verpackung» präsentieren.

Kriegsjournalist Kurt Pelda verurteilt das Video scharf. In der «Weltwoche» schreibt er: «Hetze ist für den Islamrat natürlich immer nur das, was die andern tun. Das rund dreiminütige Video ist indessen eine einzige Aufwiegelung gegen die angeblich so muslimfeindliche Schweiz.» Der IZRS, der bei moderaten Schweizer Muslimen als verpönt gilt, ist eine radikalislamische Organisation mit Hauptsitz in Bern und stand bis vor kurzem unter Beobachtung des Nachrichtendienstes des Bundes.

Erstellt: 04.12.2014, 12:46 Uhr

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