«Schwulen ohne Partner bleibt Prostitution oder Pädophilie»

Nach dem Emanzenhasser René Kuhn lehnt sich bei der Luzerner SVP ein weiterer Politiker weit aus dem Fenster: Emil Grabherr outet sich als Schwulenfeind.

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Emil Grabherr (63) war vor zwölf Jahren von der Limmat an den Vierwaldstättersee emigriert, weil es vor seinem Haus in Zürich-Altstetten eine blaue Zone gab und er für seine Autos keinen Platz mehr fand. Er hatte sich schon im Zürcher Gemeinderat als begnadeter Polemiker und strammer Verfechter des helvetischen Verhaltenskodexes profiliert. Heute ist Grabherr, der 1998 in Zürich als Stadtratskandidat strauchelte, Präsident der SVP Luzern-Land und kandidiert am 10. April für den Luzerner Kantonsrat.

Steilvorlage für die Juso

In der neusten Ausgabe der Parteizeitung «Kurier» nimmt er gegenüber den Homosexuellen kein Blatt vor den Mund. Schwule gebe es drei verschiedene Arten, schreibt er in einer bildungspolitischen Tirade gegen die Erosion der Geschlechterrollen und den «perversen Sexualunterricht im Kindergarten»: Neben den in ordentlicher Partnerschaft lebenden Schwulen gehörten «auch die männlichen Huren und die unter keinem Titel akzeptierbaren Bubenschänder» dazu.

Bei den Luzerner Jungsozialisten und deren homosexueller Arbeitsgruppe GaynossInnen hat Grabherrs Kategorisierung Entsetzen ausgelöst. Sie sprechen von faschistischer und rechtsnationaler Rhetorik und finden es inakzeptabel, mit solchen «homophoben Aussagen» Wahlkampf zu betreiben, denn der logische Schluss liegt für sie nahe. «In seinem Schubladen-Wahn versucht Grabherr verzweifelt, sein heteronormatives Weltbild zu retten, und bezichtigt Schwule, nur zwischen drei Arten der Sexualität wählen zu können. Als Single bleibt mir dann wohl nur noch Prostitution und Pädophilie», sagt Gaynosse Florian Vock, der über Grabherrs «blinde Argumentation» nur lachen kann.

Schwule im Freundeskreis

Doch Grabherr meint es todernst. «Gay Vock» wäre das Lachen vergangen, wenn er dabei gewesen wäre, «als bei der Sittenpolizei der Stadt Zürich die Ejakulationsspuren von den Jeans meiner damals 5 und 8 Jahre alten Töchter abgekratzt wurden», nachdem ein Kinderschänder sie am helllichten Tag in einer Unterführung genötigt habe, antwortete er den Juso zu seiner Verteidigung. Die Gesellschaft lebe nach wie vor von der natürlichen Beziehung von Mann und Frau. Die «Gleichwertigkeit jeglicher sexuellen Orientierung» schon im Kindergarten zu propagieren, findet Berufsschullehrer Grabherr total daneben.

Im Übrigen weist der Luzerner SVP-Politiker darauf hin, dass er Homosexuelle «aus der erstgenannten Gruppe», also jener mit Lebenspartner, durchaus zu seinem Freundeskreis zählen dürfe. Gut möglich, dass Emil Grabherr mit seiner Provokation der Luzerner SVP keinen Gefallen erwiesen hat – und sich selber schon gar nicht.

Besonderheiten der Luzerner SVP

Drei Wochen vor den Wahlen wandelt er damit nämlich auf den Spuren des ehemaligen Stadtluzerner SVP-Präsidenten René Kuhn, der 2009 gegen «linke verfilzte Mannsweiber und Vogelscheuchen» wetterte. Kuhn ging als Gender-Feind und Frauenlästerer in die Annalen des Landes ein, und die SVP hat ihn wegen des Wirbels sogar ausgeschlossen. Im Herbst will er nun eigenständig für den Nationalrat kandidieren – als Gründer der Antifeministen und im Kanton Zürich.

Noch unrühmlicher für die Luzerner Volkspartei war allerdings das Gebaren des Gründungspräsidenten der Stadtluzerner SVP, der im Mai 2000 drei Kosovaren zu einem Raubüberfall auf ein Willisauer Bijouterie-Ehepaar angestiftet hatte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2011, 07:49 Uhr

«Gleichwertigkeit jeglicher sexuellen Orientierung» schon im Kindergarten zu propagieren, findet der Berufsschullehrer total daneben: Der Luzerner SVP-Politiker Emil Grabherr. (Bild: PD)

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