Hintergrund

Sektenguru «Vatti» ist gestorben

Paul Baumann sass wegen sexuellen Missbrauchs von Mädchen im Gefängnis. Der Führer der Sekte Methernita ist mit 93 Jahren gestorben.

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Der kauzige Führer der christlich-fundamentalistischen Sekte Methernita aus Linden im Emmental BE sorgte in den 70er-Jahren für Schlagzeilen. Damals bewegte zum ersten Mal ein Sektenführer die Öffentlichkeit. Nun ist «Vatti», wie seine Anhänger Paul Baumann nannten, im Alter von 93 Jahren gestorben. Er hatte die Sekte vor rund 50 Jahren gegründet und starb als geistiger Führer im Sektenzentrum.

«Vatti» verstand sich wie Uriella als Sprachrohr Gottes und empfing angeblich authentische Botschaften vom Himmel. Der hagere Mann mit dem stechenden Blick und den langen Haaren hatte seine Heilslehre mit magischen Versatzstücken angereichert und herrschte despotisch. Wer im Zentrum mit den rund zwei Dutzend Gebäuden leben wollte, musste sich seinem Regime bedingungslos unterordnen. Dazu gehörten eine asketische Lebensweise, sexuelle Enthaltsamkeit, strenge Kleidervorschriften und der Verzicht auf Alkohol und Tabak. Die Gemeinschaft lebte isoliert, es drangen kaum Informationen nach aussen.

Sadistische Praktiken

Das änderte sich in den 70er-Jahren schlagartig, als Beatrice L. «Vatti» anzeigte. «Er hat mich als zwölfjähriges Mädchen mit einem Schraubenzieher entjungfert und mit Zangen meine Brüste traktiert», beschrieb sie die sadistischen Praktiken des Sektenführers, der vorgab, enthaltsam zu leben. Sie sei von Gott auserwählt, aber von ihren Vorfahren sündig belastet, sagte er dem Mädchen. Deshalb müsse er sie «sexuell reinigen». Fast täglich habe er sie ins Waldhäuschen geführt und sich in Frauenkleidern an ihr vergangen. Ein zweites Mädchen, das «Vatti» ebenfalls missbraucht hatte, bestätigte die Vorwürfe.

Der Prozess warf hohe Wellen. Baumann behauptete, sich an nichts mehr zu erinnern. 1978 wurde er zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Bereits nach einem Jahr genoss er Halbfreiheit, drei Jahre später wurde er entlassen. Nach der Verurteilung schrumpfte die Sekte zwar, doch rund 100 Anhänger glaubten an ein Komplott und hielten weiterhin zu ihm. Mitte der 90er-Jahre erlebte Methernita sogar wieder einen Aufschwung, als «Vatti» französische Ärzte bei Seminaren in einem Kurhotel in Beatenberg von seinen heilerischen Ideen überzeugen konnte. Die Mediziner schickten ihm ihre Patienten nach Linden. Darauf stufte die französische Polizei Methernita als «sehr gefährlich» ein.

Vergeblich auf den Jüngsten Tag gewartet

«Vatti» war von der Idee besessen, das Perpetuum mobile zur Energiegewinnung zu erfinden. Er lud Experten ins Sektenzentrum ein und demonstrierte ihnen seine «Energiemaschine» (siehe Propaganda-Video links). Diese hatte er allerdings mit Magneten manipuliert, elektrische Kraft konnte er nie gewinnen.Seine Anhänger band Baumann mit apokalyptischen Horrorvisionen an sich. Er behauptete jahrzehntelang, der Jüngste Tag breche bald an, und die Welt werde versinken. Nur das Sektenzentrum rage danach wie eine Insel heraus. Deshalb verliessen die Anhänger dieses nur in dringenden Fällen. Trotz des Todes von «Vatti» wird die Sekte kaum auseinanderbrechen. Der Gründer hatte sich schon vor über zehn Jahren zurückgezogen und die operative Leitung abgegeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2011, 20:54 Uhr

Seine Anhänger glaubten an ein Komplott: Sektenführer Baul Baumann, genannt «Vatti». (Bild: Keystone )

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