Sektenkinder wurden an Deutschland übergeben

Mitglieder der Sekte Zwölf Stämme hatten versucht, zwei Kinder in der Schweiz zu verstecken.

Sektenmitglieder auf einem ihrer Höfe in Deutschland. Foto: PD

Sektenmitglieder auf einem ihrer Höfe in Deutschland. Foto: PD

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Im September befreiten 100 deutsche Polizisten in einer spektakulären Razzia 40 Kinder aus den Fängen der christlich-fundamentalistischen Sekte Zwölf Stämme und brachten sie zu Pflegefamilien und in Heime. Die Eltern wurden beschuldigt, ihre Kinder regelmässig und hart zu prügeln. Diese beriefen sich auf die Bibel. Dort heisst es, wer seine Kinder liebe, der züchtige sie mit der Rute.

Die Razzia war der Höhepunkt einer langen Auseinandersetzung um die drei isoliert in Deutschland lebenden Gemeinschaften. Die Eltern kämpften gerichtlich um jedes Kind, teilweise mit Erfolg. Danach brachten die Zwölf Stämme mehrere Kinder ins Ausland, um sie dem Zugriff der deutschen Jugendämter zu entziehen.

Zwei Kinder, 17- und 9-jährig, waren in die Schweiz gebracht worden. In diesem Fall hatte das Amtsgericht Nördlingen den Eltern ihre Rechte vorläufig entzogen – und ein Rechtshilfegesuch an die Schweiz gestellt mit der Aufforderung, die beiden Kinder nach Deutschland zu überstellen.

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Oberaargau BE, in deren Einflussbereich die Kinder lebten, anerkannte den sogenannten Herausgabebeschluss. Superprovisorisch – das heisst, bevor die Eltern angehört worden waren – erteilte die KESB der Kantonspolizei den Auftrag, die Kinder sofort auszuliefern. Die Beamten holten sie ab, brachten sie an die Grenze und übergaben sie dort den deutschen Behörden.

Der Vater griff in der «Süddeutschen Zeitung» die Behörden scharf an. «Schreiend und zitternd» seien die Kinder aus dem Haus der Grossmutter getragen worden. Die 17-Jährige soll sich in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel über den «brutalen und aggressiven Eingriff ins Privatleben» beklagt haben. Die Trennung von den Eltern sei die wahre Kindsmisshandlung.

Bundesgericht lehnt ab

Wie schon in Deutschland riefen die Eltern auch in der Schweiz die Gerichte an. Als das Berner Obergericht auf die Beschwerde gar nicht eintrat, wandten sich die Eltern ans Bundesgericht. Doch auch dieses trat gestern auf die Beschwerde nicht ein – aus technischen Gründen. Zuerst müsse ein ordentliches Verfahren eingeleitet werden, in dessen Rahmen die Eltern angehört werden. Das Bundesgericht betonte aber, dass laut dem Haager Kindesschutzübereinkommen allein die deutschen Behörden für die Kinder zuständig seien.

Bei einem der beiden Kinder hat das deutsche Gericht bereits entschieden: Die ältere Tochter, die bald 18 Jahre alt wird, darf inzwischen wieder bei den Eltern in der Schweiz leben.

Jahrelanger Streit

Die Zwölf Stämme streiten sich seit über zehn Jahren mit den deutschen Schulbehörden, weil sie sich weigern, ihre Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken. Die Eltern wollen verhindern, dass ihre Söhne und Töchter in Sexualkunde und der Evolutionslehre unterrichtet werden.

Um der Sekte näherzukommen, liess sich der RTL-Journalist Wolfram Kuhnigk einen Vollbart wachsen und klopfte bei den Zwölf Stämmen auf dem Gut Klosterzimmern bei Nördlingen in Bayern an. Er wurde eingelassen und lebte mehrere Tage bei der Sekte und konnte mit verdeckten Kameras filmen, wie Kinder verprügelt wurden. Das führte zu der Razzia im September, bei der die Polizei Ruten und Stöcke sicherstellte.

Die Sekte Zwölf Stämme entstand in den 1970er-Jahren in den USA und hat inzwischen rund 60 Gemeinden weltweit. Stützpunkte in Europa sind Deutschland und Frankreich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2014, 23:32 Uhr

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