«Sicher Chancen für einen Freispruch»

«Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen kommentiert im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Kachelmann-Prozess. Sie erklärt die Strategie der Verteidigung und nennt die Schwächen der Anklage.

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Jörg Kachelmann hat vor dem Mannheimer Landgericht zu den Vorwürfen der Anklage geschwiegen. Wie beurteilen Sie seinen Auftritt?
Gisela Friedrichsen: Jeder Angeklagte hat das Recht zu schweigen. Nicht er muss seine Unschuld beweisen, sondern das Gericht muss ihm seine Schuld nachweisen. Da Jörg Kachelmann gegenüber den Ermittlungsbehörden den Ablauf des fraglichen Abends geschildert und sich für unschuldig erklärt hat, sieht er wohl keinen Anlass mehr, sich darüber hinaus noch wortreich zu verteidigen.

Welche Strategie verfolgt die Verteidigung?
Kachelmanns Verteidiger hat im Vorfeld des Strafprozesses eine Fülle von Gutachten beigebracht, die die Vorwürfe des angeblichen Opfers entkräften sollen. Es sind Rechtsmediziner darunter, die die blauen Flecken oberhalb der Knie der Frau untersucht haben. Aussagepsychologen haben die Angaben der Frau geprüft. Die Folge war, dass auch die Staatsanwaltschaft ein Gutachten über die Glaubhaftigkeit der Angaben des mutmasslichen Opfers in Auftrag gegeben und - ohne das Ergebnis abzuwarten - angeklagt hat.

Die Verteidigung kritisiert die Reihenfolge bei der Befragung der Zeuginnen, die Affären oder Verhältnisse mit Kachelmann hatten. Ist diese Kritik berechtigt?
Diese Frauen wurden vom Gericht vor der wichtigsten Zeugin, der angeblich Geschädigten, geladen, was ungewöhnlich ist. Die Verteidigung muss eine weitere Stimmungsmache gegen ihren Mandanten befürchten, wenn diese Zeuginnen, die zum Teil bereits in einer Illustrierten «ausgesagt» haben, ihre Enttäuschungen durch den Angeklagten nun auch noch vor Gericht ausbreiten. Um es kurz zu machen: Die Verteidigung kämpft an mehreren, ja an allen Fronten.

Die Verteidigung strebt einen Freispruch erster Klasse an. Wie beurteilen Sie die Chancen?
In einer Situation «Aussage gegen Aussage» kommt es auf die Stichhaltigkeit der Argumente an und auf den Eindruck, den das Gericht von den beteiligten Personen gewinnt. Da die Frau in mehreren Vernehmungen nachweislich gelogen hat und ihr Verhalten auch sonst Anlass zu Zweifeln geben könnte, bestehen nach gegenwärtiger Einschätzung sicher Chancen für einen Freispruch. Ob der Prozess tatsächlich so enden wird, lässt sich aber nach einem oder zwei Verhandlungstagen noch längst nicht absehen.

Die Staatsanwaltschaft steht in der Kritik. Macht sie wirklich grobe Fehler?
Nachdem selbst die von der Staatsanwaltschaft beauftragte Aussagepsychologin nicht ausschliessen konnte, dass das mutmassliche Opfer die Vergewaltigung durch den Angeklagten aus Rache und Wut erfunden hat, und erhebliche Mängel der Aussage konstatierte, bieten die Ankläger nun einen Traumatologen als Sachverständigen auf, der diese Mängel erklären soll. Allerdings ist dieser Sachverständige zugleich Therapeut des mutmasslichen Opfers. Ein Therapeut fragt nicht nach Wahrheit oder Lüge, das ist nicht seine Aufgabe. Sondern er glaubt, was die Patientin vorbringt. Die Kammer hat daraufhin einen der erfahrensten forensischen Psychiater Deutschlands, Professor Hans-Ludwig Kröber aus Berlin, hinzugezogen, der nun Licht in die düstere Angelegenheit bringen soll - und, so wie man ihn kennt, wohl auch bringen wird.

Sabine W. ist auch am zweiten Prozesstag erschienen. Wie ist die persönliche Anwesenheit des mutmasslichen Opfers zu interpretieren?
Einzelne Beobachter fanden den Auftritt der Frau am ersten Verhandlungstag «mutig», andere waren davon befremdet. Denn immerhin soll sie ja schwer traumatisiert sein durch den Angeklagten und durch die Medien. Man kann nur spekulieren, was sie mit ihrer vielbeachteten Anwesenheit bezwecken und warum sie nicht so lange warten wollte, bis sie als Zeugin angehört wird.

Der öffentliche Druck auf das Landgericht Mannheim ist enorm. Sind ein faires Verfahren und ein unabhängiges Urteil überhaupt möglich?
Die meisten Menschen wünschen wohl ein faires Verfahren und ein klares, wohlbegründetes Urteil. Dass einige Medien mit dem Vor-Verurteilen des Angeklagten gar nicht aufhören können und jede Woche mit einem neuen «schwer belastet» aufwarten, dürfte das Gericht nicht weiter irritieren.

Könnte der abgewiesene Befangenheitsantrag der Verteidigung bei einem allfälligen Revisionsprozess wieder eine Rolle spielen?
Falls der Antrag mit einer rechtsfehlerhaften Begründung zurückgewiesen wurde, könnte dies so sein. Im Lauf einer streitigen Verhandlung allerdings wird es sicher noch genügend Gelegenheiten zum Sammeln von Revisionsgründen geben. Das ist normal im Strafprozess. Da heisst es aufpassen. Sonst hat der, der etwas versäumt, später das Nachsehen.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird das Urteil ausfallen?
Gerecht, hoffe ich.

Erstellt: 13.09.2010, 17:39 Uhr

Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin: Gisela Friedrichsen berichtet seit 20 Jahren für den «Spiegel».

Wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet über den Kachelmann-Prozess berichtet

Letzte Woche hat der Prozess gegen Jörg Kachelmann begonnen. Der Schweizer TV-Moderator ist wegen Vergewaltigung seiner Ex-Freundin angeklagt. Der Prozess am Landgericht Mannheim dauert voraussichtlich bis am 20. Oktober. Das Gericht hat zehn Verhandlungstage angesetzt. Der Fall Kachelmann ist in Deutschland der Prozess des Jahres.
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ist mit einem Reporter im Landgericht Mannheim vertreten und berichtet laufend über den Kachelmann-Prozess. Die Berichterstattung in den nächsten Wochen umfasst Prozessberichte, Hintergrundartikel, Videobeiträge und Bilder. Zudem gibt es auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ein Dossier zum Kachelmann-Prozess. (vin)

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