So kam es zu Kachelmanns Fall

Nach der angeblichen Tat liess der Staatsanwalt den Fernsehstar laufen. Sieben Wochen später nicht mehr.

Täter oder Opfer? Jörg Kachelmann gestern auf dem Weg ins Landgericht Mannheim.

Täter oder Opfer? Jörg Kachelmann gestern auf dem Weg ins Landgericht Mannheim. Bild: Keystone

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Am 9. Februar um 8.11 Uhr wählt der Vater von Simone* die Notrufnummer und reicht den Hörer an seine Tochter weiter. Die Stimme der Mittdreissigerin zittert: «Ich bin heute Nacht vergewaltigt worden und weiss nicht, was ich jetzt machen soll.» «Von wem?», fragt der Beamte, wie gestern im Gerichtssaal ab Band zu hören war. Simone stockt. Dann sagt sie: «Von meinem Freund.»

Eine halbe Stunde später trifft die Radiomoderatorin bei der Kriminalpolizei in ihrem Wohnort Schwetzingen ein. Einer Polizistin erzählt sie, Jörg Kachelmann habe ihr mit dem Tod gedroht und sie sexuell missbraucht. Während sie, seine Partnerin über elf Jahre, in der Frauenklinik Heidelberg ärztlich untersucht wird, checkt der TV-Meteorologe im Holiday Inn am Frankfurter Flughafen aus.

Ein blutiges Tomatenmesser als Hinweis

Die Ermittler wissen bereits: Der Schweizer fliegt in zwei Stunden nach Kanada, um von den Olympischen Winterspielen zu senden. Doch die Staatsanwaltschaft hält die Beweislage für zu dürftig, um ihn an der Ausreise zu hindern.

Als die Maschine abhebt, fährt die Spurensicherung bei Simone vor. Sie findet eine aufgeräumte Dachwohnung vor. Blut und Sekret auf einem glatt gestrichenen Laken deuten auf ein Verbrechen hin – oder auf einvernehmlichen Sex, wie Kachelmann es bis heute behauptet. Auf dem Schlafzimmerboden liegt ein Tomatenmesser mit feiner Sägezahnung. Es ist blutig. Die Forensiker finden auch zwei Flugticket-Kopien. Und einen – wie sich später herausstellt – vom mutmasslichen Opfer gefälschten Brief. Darin steht, dass Kachelmann mit der Frau schlafe, deren Name auf dem Ticket stehe.

Kaum gelandet, schreibt der Wettermann dieser Partnerin, er sei krank und überlege es sich, vorzeitig heimzukehren. Beim Fernsehen kann niemand bestätigen, dass er dies erwog. In einem E-Mail an einen Vorgesetzten tat er kund, er wolle aus privaten Gründen auf die Moderation einer Talkshow verzichten.

Der Angeklagte lacht

Ein Rechtsmediziner hält es für plausibel, dass die Verletzungen an Simones Hals und Beinen aus einer Vergewaltigung stammen. Fachkollegen, von Kachelmanns Verteidigung beauftragt, widersprechen später.

Am 20. März warten Beamte in Zivil am Frankfurter Flughafen. Am Gepäckband 13 heften sie sich an Kachelmanns Fersen. Eine dunkelhaarige Frau holt den Rückkehrer ab. Ein Kriminalhauptkommissar hat gestern im Prozess die Begrüssungsszene zwischen dem 52-Jährigen und der 28 Jahre jüngeren Studentin geschildert: «Es wurden Zärtlichkeiten ausgeteilt, rumgeknutscht.» Der Angeklagte, sonst ernst, muss lachen.

Keine Regung habe Kachelmann gezeigt, erzählt derselbe hohe Kripobeamte, als er ihn auf dem Parkplatz verhaftet habe. Der Schrecken stand der Begleiterin ins Gesicht geschrieben. Gestern am dritten Verhandlungstag sagte die junge Deutsche als Zeugin aus – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Erstellt: 16.09.2010, 07:30 Uhr

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