«Solche Leute muss man wegsperren»

Bei den mutmasslichen Rasern von Schönenwerd bringe eine Psychotherapie höchstwahrscheinlich nichts, meint eine erfahrene Verkehrspsychologin. Und sie sagt, was gegen das Raserproblem getan werden kann.

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Zwei der drei Männer, die im Raser-Prozess von Schönenwerd (SO) angeklagt sind, sollen erneut Verkehrsdelikte begangen haben. Einer beteiligte sich angeblich an einem Autorennen. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Jacqueline Bächli-Biétry: Ich bin entsetzt. Entsetzt, dass es Leute gibt, die so wenig Einfühlungsvermögen und so wenig Lernfähigkeit besitzen. Obwohl ihnen lange Freiheitsstrafen drohen, sind sie offensichtlich nicht in der Lage, ihr Verhalten zu ändern. Wenn diese Leute richtig ticken würden, hätten sie auf Grund ihrer persönlichen Erfahrung beim tödlichen Unfall begriffen, was beim Rasen passieren kann. Sie hätten zum Beispiel begriffen, dass sie nicht nur andere Menschen, sondern auch sich selbst gefährden. Das alles ist sehr ungewöhnlich. Solche Fälle sind in meiner 15-jährigen Praxis als Verkehrspsychologin und Gutachterin selten vorgekommen.

Wie ist das Verhalten der mutmasslichen Wiederholungstäter zu erklären?
Das ist Ausdruck einer psychischen Fehlentwicklung und hat fast schon pathologischen Charakter. Solchen Menschen ist es völlig egal, was mit anderen Menschen passiert, und ob sie mit ihrem Verhalten andere Menschen in Gefahr bringen. Die Ursachen dieser psychischen Fehlentwicklung können aus der Ferne nicht benannt werden. Was sich die beiden Angeklagten des Raser-Prozesses von Schönenwerd erneut geleistet haben, ist eine Frechheit. Sie zeigen der Gesellschaft damit quasi den Stinkefinger.

Kann man notorische Raser zur Vernunft bringen? Etwa mit einer Psychotherapie?
In solchen Fällen bringt eine Psychotherapie mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts. Für eine erfolgreiche Psychotherapie braucht es die Bereitschaft, sich zu ändern. Man muss bereit sein, sich mit der Tat und mit sich selber auseinanderzusetzen. Bei mangelnder Änderungsbereitschaft helfen die gängigen Therapieformen und auch Lernprogramme nicht weiter. Solche Leute muss man vermutlich wegsperren, da der Schutz der Gesellschaft vor solchen Rasern höher zu gewichten ist. In diesen Fällen nützt es nichts, den Führerausweis zu entziehen oder das Auto wegzunehmen. Wenn solche Raser kriminelle Energie besitzen, werden sie trotzdem Auto fahren.

Abgesehen von den pathologischen Fällen: Was sind die Eigenschaften von Rasern?
Es sind meistens junge Männer. In diesem Alter ist die Risikobereitschaft sehr hoch. Sie nehmen auch extreme Risiken für andere Menschen in Kauf. Junge Raser haben eine starke emotionale Beziehung zu ihren Autos. Dies hat unter anderem mit der Suche nach Identität und Selbstwertgefühl zu tun. Im Weiteren betrachten sie die anderen Verkehrsteilnehmer als Konkurrenten und wollen zeigen, dass sie die Stärksten sind. Diese Leute können sich offensichtlich nur auf der Strasse ausleben

Warum gibt es kaum Raserinnen?
Frauen haben keine Freude am extremen Kick, den Männer beim Rasen verspüren. Und sie leben das Bedürfnis, sich mit anderen Frauen zu messen, anders aus.

Was ist dran an der Behauptung, dass Raser häufig aus dem Balkan stammen?
Bei Geschwindigkeitsdelinquenten gibt es extrem verschiedene Hintergründe. Häufig stammen die Täter aus einer tiefen sozialen Schicht. Der Verweis auf die ethnische Herkunft eines Rasers ist allein keine brauchbare Erklärung.

Ist die Raser-Initiative der Strassenopfer-Stiftung Cross Road ein gangbarer Weg, um das Raserproblem in den Griff zu bekommen?
Diese Initiative ist weniger wirkungsvoll, als sie verspricht. Schärfere Strafandrohungen funktionieren nicht – das zeigt die Erfahrung allgemein und auch in diesem speziellen Fall.

Was schlagen Sie denn vor?
Nützen würde zum Beispiel eine PS-Beschränkung für Autolenker, denen schon einmal der Führerausweis wegen Geschwindigkeitsdelikten entzogen werden mussten. Solchen Autofahrern kann man nicht Rennboliden überlassen. Eine weitere brauchbare Massnahme ist der Führerausweis auf Probe.

Erstellt: 28.09.2010, 18:25 Uhr

«Das ist Ausdruck einer psychischen Fehlentwicklung und hat fast schon pathologischen Charakter»: Jacqueline Bächli-Biétry.

Zur Person

Jacqueline Bächli-Biétry ist Fachpsychologin für Verkehrspsychologie FSP und arbeitet als selbständige Gutachterin.Im Auftrag von Behörden erstellt sie unter anderem Fahreignungsbegutachtungen. Seit rund 15 Jahren entscheidet Bächli-Biétry darüber, ob notorische Raser ihr Billett zurückbekommen. (vin)

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